München - "Wir sehen, dass wir auf dem richtigen Weg sind. Die Leute freuen sich wieder über Werder", hatte Klaus Allofs gegenüber ran.de gesagt, nachdem der SV Werder Bremen an den ersten drei Spieltagen zwar nur mit drei Punkten, allerdings mit sehr ansprechenden Leistungen gestartet war. Jetzt, vier Runden später, stellt sich die Situation an der Weser ganz anders dar.

Mit nur sieben Zählern aus ebenso vielen Partien haben die "Grün-Weißen" den schlechtesten Saisonstart in der Ära Thomas Schaaf (seit Mai 1999 Chef-Trainer) hingelegt, der am vergangenen Spieltag in einer verdienten beim bis dato sieglosen FC Augsburg und dem Abrutschen auf den 12. Tabellenplatz seinen Höhepunkt fand.

Europa im Blick



Dabei lauteten die Saisonziele an der Weser eigentlich ganz anders. Nach zweijähriger Abstinenz wollte der Club endlich wieder in den Europapokal einziehen. "Europa - das ist unser Saisonziel, das wir erreichen wollen", hatte Aaron Hunt Anfang August dem Weser-Kurier verlauten lassen, und auch Trainer Schaaf gab während der Vorbereitung offen zu, dass "wir die internationalen Plätze anstreben".

Um diese Ambitionen zu untermauern, hatte Geschäftsführer Sport Klaus Allofs im Sommer das Team umgekrempelt. Für verdiente Alt-Stars wie Claudio Pizarro, Naldo und Tim Wiese kamen junge, hochveranlagte und hungrige Spieler an die Weser. "Ich traue der Mannschaft einiges zu und habe ein richtig gutes Gefühl", hatte Nils Petersen im Interview mit bundesliga.de vor Saisonbeginn erklärt: "Wir haben so viel Qualität, dass wir einige Mannschaften hinter uns lassen können."

Neue Namen, neue Hoffnung



Schaut man sich neben dem Zweitliga-Torschützenkönig der Saison 2010/11 (25 Treffer) die weiteren Namen an, hat Petersen recht. Eljero Elia gilt als begnadeter Fußballer und in Kevin de Bruyne wurde Belgiens Ausnahmetalent vom FC Chelsea ausgeliehen.

Während Elia mit erst einer Torvorlage noch nicht die rechte Bindung zu seinen Mannschaftskollegen gefunden zu haben scheint, hat der 21-jährige de Bruyne mit drei Treffern und einem Assist seinen Wert bereits unter Beweis gestellt. Generell gilt: In der Offensive gibt es keine Probleme.

Mit zehn erzielten Toren liegt die Schaaf-Elf auf einem ordentlichen 8. Rang, auch die 7,6 Torschüsse für einen Treffer (Platz 7) und die Verwertung der Großchancen (sechs von zwölf, Rang 6) sind gut.

"Wir machen immer noch Fehler"



Vielmehr hapert es in der Defensive der Hanseaten. "Wir machen immer noch Fehler und bekommen es nicht hin, sicher miteinander zu agieren", identifizierte Schaaf nach der Partie in Augsburg den Grund für die vierte Pleite in sieben Spielen (nur Aufsteiger Greuther Fürth verlor noch häufiger; fünf Mal).

Mit bereits 13 Gegentoren zählt Werder zu den anfälligsten Teams der Liga - nur Stuttgart, Hoffenheim und Nürnberg kassierten noch mehr gegnerische Treffer (je 14). Anfällig ist die Defensive um die Innenverteidiger Sokratis und Sebastian Prödl nicht nur bei Standards -vier Gegentoren nach ruhenden Bällen sind der zweitschlechteste Wert der Liga. Besonders zu Beginn und gegen Ende eines Spiels klingelt es im Kasten von Sebastian Mielitz.

Keine andere Mannschaft kassierte in der Anfangsviertelstunde so viele Gegentore wie die Bremer (vier - doppelt so viele wie jedes andere Team). Und die fünf Gegentreffer zwischen Minute 75 und 90 kosteten dem SVW bereits fünf Punkte. Hätte Werder diese geholt, wäre man nun Tabellenvierter!

Fehlende Erfahrung



"Uns ist bewusst, dass wir uns steigern müssen", gab Schaaf vor dem Beginn der Länderspielpause zu. "Wir wussten von Anfang an, dass es eine sehr interessante Saison wird, weil wir mit vielen neuen Personen arbeiten, mit vielen neuen Dingen umgehen müssen, da wir eine junge Mannschaft zusammengestellt haben", so Schaaf weiter, "mit so einem jungen Team ist es nicht ungewöhnlich, dass auch mal wieder Fehler auftauchen, an denen man schon gearbeitet hat."

Das Alter und somit die Erfahrung der einzelnen Spieler scheint ein weiterer Knackpunkt für den misslungenen Saisonstart zu sein. Zwar gibt es mit Aaron Hunt und Clemens Fritz Spieler im Kader, die bereits 163, respektive 220 Bundesliga-Spiele auf dem Buckel haben.

Doch die Erfahrungslücke zwischen dem 31 Jahre alten Kapitän Clemens Fritz und dem Rest der Mannschaft ist nicht groß, sondern riesig: Lässt man Hunt außen vor, ist Prödl mit 78 Partien der erfahrenste Spieler nach Fritz - kein Wunder bei einem Durchschnittsalter von nur 24,72 Jahren (nur vier Teams sind noch jünger).

Havarie ohne den Kapitän?



An der recht offensiven Ausrichtung mit vier offensiven Mittelfeldspielern will Schaaf trotz der zahlreichen Gegentore festhalten. Die Video-Analyse der Werder-Partien zeige, dass "wir die Gegentore oft trotz eigener Überzahl bekommen". Wenn die Mannschaft ihr Zweikampfverhalten nicht verbessere, helfe auch kein weiterer Defensivspieler, so der Trainer, dessen Aussage die Tracking-Daten unterstützen. Bei gegnerischem Ballbesitz beträgt der durchschnittliche Abstand zwischen den Spielern 22,5 Meter - nur beim Tabellenletzten Fürth ist er noch größer.

Helfen könnte da sicherlich ein Spieler mit Erfahrung, beispielsweise ein Clemens Fritz. Auf den muss der SV Werder wegen einer Sehnenzerrung im Adduktorenbereich aber rund sechs Wochen verzichten.

Genau in dieser Zeit stehen mit Mönchengladbach, Fürth, Mainz und Düsseldorf aber vier Mannschaften auf dem Spielplan, gegen die die Bremer punkten müssen, am besten dreifach - sonst rückt Europa in weite Ferne, was die Freude der Fans erheblich schmälern dürfte.

Gregor Nentwig