Es ist der 7. Dezember 2004, als im Estadio Mestalla in Valencia zwei amtierende Double-Gewinner aufeinandertreffen. Am letzten Vorrunden-Spieltag der Champions-League-Gruppe G geht es zwischen dem FC Valencia, amtierender spanischer Meister und UEFA-Cup-Sieger, und Werder Bremen, amtierender Deutscher Meister und DFB-Pokalsieger, um alles oder nichts.

Vor dem Hinspiel im Achtelfinale der Europa League zwischen beiden Clubs an gleicher Stelle kommen die Erinnerungen an ein hitziges Gefecht wieder hoch. Vor allem sicherlich bei Tim Borowski, einem der beiden Bremer, die schon vor etwas mehr als fünf Jahren in der spanischen Hafenstadt mit von der Partie waren. Doch der Reihe nach.

Werder mit besserer Ausgangsposition

Die Ausgangslage vor dem Spiel im Dezember 2004 ist eindeutig: Werder liegt mit zehn Punkten hinter Tabellenführer Inter Mailand auf Platz 2. Den Norddeutschen genügt ein Unentschieden, um diesen Platz vor den Spaniern (sieben Punkte) zu verteidigen und ins Achtelfinale der "Königsklasse" einzuziehen.

Kein Wunder also, dass es vor den 50.000 Zuschauern bei mediterranem Klima von Beginn an mächtig zur Sache geht. Schiedrichter Anders Frisk aus Schweden muss schon früh die ersten Gelben Karten zücken und verwarnt Werders Frank Baumann (elfte Minute) und Valencias Carlos Marchena (17.).

Die Fans der Gastgeber, nach zwei Meister-Titeln binnen drei Jahren und dem UEFA-Cup-Triumph unter Trainer Rafael Benitez erfolgsverwöhnt, verfolgen das Spiel in der ersten Hälfte mit kritischem Blick. Obwohl Benitez mittlerweile beim FC Liverpool angeheuert hatte, waren die Ansprüche weiter hoch.

Ehrengäste vergessen Kinderstube

Erst als Stürmer Marco di Vaio in der zweiten Halbzeit mit einem Distanzschuss die Latte trifft, wird die Betonschüssel Mestalla zum erwarteten Hexenkessel. Valencia rennt an und hätte die Führung und das Weiterkommen verdient gehabt, ehe Werder-Trainer Thomas Schaaf den entscheidenden Joker zieht. In der 80. Minute bringt Schaaf Nelson Valdez für Angelos Charisteas - und der Paraguayer erzielt mit seiner ersten Ballberührung das vorentscheidende 1:0 für die Bremer.

Dumm nur, dass Valdez und Kollegen sich zu einem recht provokanten Jubel an der rechten Eckfahne hinreißen lassen. Direkt hinter dieser stehen die harten Jungs aus der Gruppe der Valencia-Fans. Die machen immer wieder durch extremistische Gesänge auf sich aufmerksam und haben nun das ganze Stadion im Rücken. Plastikflaschen, Feuerzeuge, Münzen und Handys prasseln nahe der Bremer Spieler auf den Rasen, und die Stimmung kippt von Enttäuschung in Aggression.

Auf der engen Pressetribüne, wo der normalgroße mitteleuropäische Reporter seine Beine im Gegensatz zu den kleiner gewachsenen spanischen Kollegen nur mit Mühe und Not unter das Pult quetschen kann, macht sich ein mulmiges Gefühl breit. Denn auch die Ehrengäste im Umkreis sind sich ihrer Ehre nicht mehr gänzlich bewusst. Nur gut, dass nicht alle Kollegen verstehen, was ihnen da verbal in den Schlussminuten so an den Kopf geworfen wird.

Angulos Anschlag auf Valdez

Von der aufgeheizten Atmosphäre lassen sich leider auch die Spieler der Hausherren anstecken. Wie sonst ist die Szene zu erklären, die sich in der 90. Minute ereignet, als Miguel Angel Angulo Torschütze Valdez an der linken Eckfahne derart rüde umtritt, dass der Tatbestand der versuchten Körperverletzung locker erfüllt gewesen wäre. Angulo sieht Rot - und spuckt Tim Borowski auf dem Weg in die Kabine auch noch ins Gesicht.

Später wird die UEFA ihn für sieben Spiele aus dem Verkehr ziehen. Schiri Frisk braucht Minuten, um das Rudel, das sich nach Angulos Aktion am Strafraum der Gastgeber gebildet hat, aufzulösen, und eine angemessene Anzahl Gelber Karten zu verteilen.

Torschuss als Selbstschutz

Doch dann wird alles ganz plötzlich ganz leise. Borowski bringt den fälligen Freistoß nach innen. Da steht Valdez und schießt den Ball aus 15 Metern links hoch zum 2:0 ins Tor. "Ich wollte gar nicht treffen, ich wollte nur den Ball loswerden, damit die mich nicht wieder umhauen", gibt der immer noch etwas blasse Valdez später zu Protokoll.

Letztlich eröffnete er für die weit über 1.000 mitgereisten Werder-Fans mit seinem Tor eine lange Party-Nacht. Lange nach Spielschluss feierten die vom dritten Rang des Stadions aus mit ihren Helden, als noch einmal eine letzte Plastikflasche Richtung Werder-Profis gesegelt kommt. Die verfehlt Verteidiger Valerien Ismael nur um einen guten Meter.

Doch der Franzose tut das einzig richtige, er leert sich die auf der Flugreise in der Flasche verbliebene Fanta einfach über den Kopf - und genießt die wahrscheinlich klebrigste Siegerdusche seiner Karriere.

Matthias Becker