Köln - Spätestens durch das unglückliche Aus in der Europa League gegen Ajax Amsterdam sind die Chancen des FC Schalke 04, auch in der kommenden Saison international zu spielen, nur noch sehr gering. Vor dem Gastspiel der Schalker bei Bayer 04 Leverkusen spricht Keeper Ralf Fährmann im Exklusiv-Interview mit bundesliga.de über die Gründe für die Berg- und Talfahrt der Königsblauen in dieser Saison, über die für den Club typische "Wir stehen immer wieder auf"-Mentalität und über die extreme Ausgeglichenheit der Bundesliga.

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bundesliga.de: Herr Fährmann, Sie haben im Schalker Zoo gerade die Patenschaft für die roten Varis übernommen, eine stark bedrohte Lemurenart auf Madagaskar. Wie wichtig ist ein solcher, vom Fußball völlig losgelöster Termin nach dem nervenaufreibenden Auf und Ab der vergangenen Wochen?

Ralf Fährmann: Es ist gut, wenn man mal ein paar neue, ganz andere Gesichter sieht. (lacht) Nein, im Ernst: Wir hatten fast über die komplette Saison englische Wochen, und in dieser Zeit sieht man nicht viel mehr als die eigenen Teamkollegen, die verschiedenen Stadien und Hotels. Da ist es gut, zumindest für einen kurzen Augenblick mal komplett abschalten zu können. Und – alle Tierliebhaber werden mir Recht geben – Tiere haben nun mal eine ganz spezielle Ausstrahlung, die einem hilft, schnell auf andere Gedanken zu kommen.

bundesliga.de: Sie sprechen den Drei-Tage-Rhythmus an. Wie hoch ist die mentale Belastung gerade für einen Torwart, bei dem der kleinste Fehler häufig größere Folgen hat?

Fährmann: Es stimmt wohl, dass die psychische Belastung für einen Torwart wahrscheinlich größer ist. Gerade im Endspurt der Saison ist das der Fall. Dann, wenn es um das Weiterkommen in der Europa League und in der Bundesliga um die Teilnahme an den europäischen Wettbewerben geht, ist das noch einmal eine ganz andere Hausnummer als zu Saisonbeginn. Dann kann man sich nach einer Niederlage noch damit trösten, dass genügend Spiele bleiben, um diesen Fehler wiedergutzumachen. Aber ich habe mir diesen Job ja selbst ausgesucht. Und ich liebe Fußball nun einmal über alles, und letztlich sind es gerade diese entscheidenden Spiele, von denen jeder Profi träumt.

bundesliga.de: Stichwort "stark gefährdet": Das gilt – zumindest für die kommende Saison – auch für internationale Fußball-Feste in der Veltins-Arena. Mit welchem Gefühl gehen Sie jetzt in die noch verbleibenden vier Spiele?

Fährmann: Vier Spiele – das ist ein überschaubarer Rahmen. Und in diesem Rahmen müssen wir noch einmal alles raushauen, was möglich ist. Danach können wir gerne in den Urlaub gehen. In diesen vier mal neunzig Minuten muss jetzt jeder alles geben. Für sich selbst, für den Verein und für die Fans. Und diese Bundesliga ist so verrückt, dass wirklich noch alles passieren kann.

bundesliga.de: In drei der letzten vier Partien muss Schalke auswärts antreten, wo man bisher gerade einmal zehn Punkte geholt hat. Glauben Sie da noch an eine kleine Chance auf ein Europa-Wunder?

Fährmann: Letztlich ist es in der Bundesliga beinahe egal, gegen wen und ob man auswärts oder zu Hause spielt. Aufgrund der extremen Ausgeglichenheit der Bundesliga ist immer alles möglich. Man tritt auswärts gegen eine absolute Top-Mannschaft an und gewinnt, man spielt zu Hause gegen einen vermeintlichen Abstiegskandidaten und kann dennoch verlieren. Es gilt, jedes einzelne Spiel mit derselben Ernsthaftigkeit zu betrachten. Unsere Aufgaben in den kommenden Wochen sind schwierig, aber so werden unsere Gegner auch empfinden, die ihre Ziele ebenfalls unbedingt noch erreichen wollen. Deshalb lebt für mich die Hoffnung auf ein Europa-Wunder noch immer. Bevor wir aber darauf hoffen können, dass die anderen Punkte liegen lassen, müssen wir selbst erst einmal liefern.

bundesliga.de: Was für ein Spiel erwarten Sie bei Bayer 04 Leverkusen, das bisher, ähnlich wie Schalke, den eigenen Ansprüchen nicht gerecht worden ist?

Fährmann: Das wird ein brutal schwieriges Spiel. Und es wird ein Highlight: Auf ein Flutlicht-Spiel Leverkusen gegen Schalke, darauf freuen sich alle Fans. Einen klaren Favoriten gibt es dabei nicht. Sollte Leverkusen gewinnen, überholen sie uns in der Tabelle. Wir dagegen könnten uns mit einem Sieg von Bayer 04 absetzen und vielleicht doch noch an die internationalen Plätze heranrücken.

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bundesliga.de: Selbst, wenn Schalke die Europa League noch erreichen würde, würde das Saison-Fazit aber wohl zwiespältig ausfallen...

Fährmann: In dieser Saison sind wir unter unseren Ansprüchen geblieben, das steht außer Frage. Schalke war in den vergangenen sechs oder sieben Jahren immer international vertreten, was zuvor längst nicht immer der Fall war. Und man sollte auch nicht vergessen, dass wir vor dieser Saison einen großen Umbruch hatten. Dann kann es auch mal ein Jahr geben, in dem es nicht so gut läuft und man nicht richtig in Tritt kommt. Zudem gilt es zu konstatieren, dass sich auch die anderen Clubs weiterentwickelt haben. Es gibt heute in der Bundesliga nicht nur drei oder vier sehr gute Vereine, sondern jeder einzelne Gegner bedeutet eine richtig schwierige Aufgabe.

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bundesliga.de: Warum aber bleiben in dieser Saison gerade viele ambitionierte Clubs, wie Leverkusen, Gladbach, Wolfsburg oder Schalke hinter den eigenen Ansprüchen zurück?

Fährmann: Nennt man die Dreifachbelastung, wirkt das schnell wie eine Ausrede. Das soll es auf keinen Fall sein. Dennoch bleibt diese Belastung ein Fakt. Man sieht zum Beispiel in England, dass Chelsea, das in dieser Saison in keinem internationalen Wettbewerb vertreten war, die Liga anführt, während Man City oder Arsenal Probleme haben. Die Bundesliga ist heute so ausgeglichen wie keine andere Liga der Welt. Jede Mannschaft ist in jedem Spiel perfekt auf ihren jeweiligen Gegner eingestellt, und Taktik, Einsatz und Leidenschaft stimmen immer. Und das macht die Bundesliga für mich nicht nur zur ausgeglichensten, sondern zur besten und schönsten Liga der Welt.

bundesliga.de: Bis auf eine Phase Mitte der Hinrunde ist es Schalke nie gelungen, über einen längeren Zeitraum Konstanz zu finden. Waren die vielen schweren Verletzungen einfach nicht zu kompensieren?

Fährmann: Selbstverständlich haben diese Verletzungen auch im übertragenen Sinne sehr wehgetan. Sehr wichtige Spieler wie Breel Embolo oder Naldo sind über einen längeren Zeitraum ausgefallen. Aber auch das darf keine Ausrede sein. Wir verfügen über einen guten, ausgeglichenen Kader, der es möglich machten sollte, auch prominente Ausfälle ersetzen zu können. Nein, wir haben es einfach nicht geschafft unseren klaren Plan und unser Konzept Woche für Woche auf den Platz zu bringen. Nach dem total verbockten Start mit fünf Niederlagen in Folge waren wir immer in einer Art Aufholjagd-Modus. Aber in der Bundesliga kann keine Mannschaft über 34 Spieltage plus x Spiele in den weiteren Wettbewerben in jedem einzelnen Spiel mehr als hundert Prozent abliefern. Du weißt, dass du vom Verlauf her Spiele wie in Darmstadt oder in Bremen eigentlich gewinnen musst, weil du das von dir selbst verlangst. Aber dann verlierst du diese Spiele, warum auch immer, und plötzlich bleibt dir kaum noch eine Chance den schlechten Saisonstart doch noch wettzumachen.

bundesliga.de: Kürzlich haben Sie gesagt „Wir sind Schalker, wir sind das Hinfallen gewöhnt, aber genauso auch das Aufstehen“. Diese Mentalität ist Teil der Schalker DNA, aber sie besagt auch, dass der ganz große Erfolg oft nur zum Greifen nah bleibt, aber vielleicht nie erreicht wird...

Fährmann: Niemand, wirklich niemand auf Schalke hat etwas gegen den ganz großen Erfolg. (lacht) Aber im Leben bekommt man nun einmal nichts geschenkt, und Erfolge fliegen einem nicht einfach so zu. Erst einmal gilt es gegen Widerstände immer wieder anzukämpfen und umgehend aufzustehen, wenn man mal auf die Schnauze gefallen ist. Und der eine fällt vielleicht etwas weniger, der andere etwas häufiger hin. Möglicherweise haben wir Schalker momentan das Pech, etwas öfter hinzufallen. Aber ich kann allen Fans versprechen, dass wir trotzdem jedes Mal wieder aufstehen und solange an unseren Zielen weiterarbeiten werden, bis wir sie irgendwann erreicht haben.

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bundesliga.de: Diese Mentalität scheinen Sie so verinnerlicht zu haben, dass Sie für die Fans der Ideal-Typus des Schalker Profis sind...

Fährmann: Ob das so ist, möchte ich selbst nicht beurteilen. Aber die Fans spüren wohl, dass ich das sage, was ich denke, und dass ich mit meiner Meinung nicht hinter dem Berg halte. Sie wissen, dass ich mich mit diesem Verein bis in die letzte Faser identifiziere und kennen meinen eigenen Leidensweg mit schweren Verletzungen. Gefühlt bin ich so oft gegen die Wand gelaufen, bis diese Wand endlich umgefallen ist. Und das sollte für jeden Schalker Spieler gelten.

Das Gespräch führte Andreas Kötter