Jede Schussposition hat einen genauen xG-Wert - © Lars Baron/Bundesliga/DFL via Getty Images
Jede Schussposition hat einen genauen xG-Wert - © Lars Baron/Bundesliga/DFL via Getty Images
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Was sind eigentlich Expected Goals?

Köln - Im Rahmen von Fußballberichterstattung ist inzwischen immer häufiger von den sogenannten "Expected Goals" die Rede. Doch was bedeutet es, wenn eine Torchance einen xG-Wert von 0,25 hat? bundesliga.de erklärt dir das statistische Modell, mit dem gemessen werden kann, wie gut die Leistungen von Mannschaften und Spielern wirklich waren.

Jeder Fußballfan hat sich schon einmal darüber aufgeregt, wenn der Angreifer seiner Lieblingsmannschaft in bester Position frei vor dem Tor vorbeigeschossen hat. "Den muss er machen!" heißt es dann, wenn eine gemeinhin als "100-prozentig" bezeichnete Torchance nicht genutzt wurde. Das Expected-Goal-Modell zeigt, wie hoch die Chance auf das Tor wirklich war und berechnet für jeden Abschluss anhand mehrerer Faktoren einen Wert. Entscheidend ist dabei unter anderem, von wo auf dem Feld der Abschluss erfolgte, wie der Winkel zum Tor war und wie viele Gegenspieler sich noch zwischen Ball und Tor befanden. Der xG-Wert ist aussagekräftiger als die normale Torschuss-Statistik, in der ein Pfostentreffer aus fünf Metern Torentfernung genauso viel wert ist wie ein Kullerball aus 20 Metern.

Der xG-Wert (xG steht für "Expected Goals", zu deutsch: "zu erwartende Tore") liegt immer zwischen 0 und 1. Mit ihm kann bei jeder Torchance klar bestimmt werden, wie hoch die Wahrscheinlichkeit war, dass der Ball von diesem Punkt aus im Tor landet. "xG 0,25" bedeutet also: 25 von 100 Schüssen aus dieser Position führen zu einem Treffer. Der Wert beruht auf großen Datenmengen aus den vergangenen Jahren und mathematischen Modellen. Gefühlt weiß bereits jeder: Es gibt bessere und schlechtere Positionen für einen Torabschluss. Nun erhält jeder Abschluss einen statistischen Wert.

Vier Kriterien für die Berechnung des xG-Wertes: Distanz und Winkel zum Tor sowie Geschwindigkeit des Schützen und Druck auf ihn - Sportec Solutions

Ein Elfmeter hat einen Wert von xG 0,76

Das anschaulichste Beispiel, um das Modell verständlich zu machen, ist ein Elfmeter. Hier liegt der Ball stets zentral vor dem Tor, elf Meter von der Linie entfernt und nur der Torwart steht beim Schuss im Weg. Ein Elfmeter hat einen Wert von xG 0,76. Mit anderen Worten: Im Schnitt werden ziemlich genau drei von vier Elfmetern verwandelt. Eine "100-prozentige Torchance" ist ein Strafstoß daher nicht, sondern "nur" eine 76-prozentige.

Wichtig zu wissen ist, dass die Berechnung der Qualität einer Chance unabhängig von der Person erfolgt, die den Schuss abgibt. Ob ein Torjäger wie Robert Lewandowski vom FC Bayern München abzieht oder ein gelernter Abwehrspieler, ist für den xG-Wert nicht entscheidend. Auch fließt die vorausgehende Entstehung der Chance nicht in die Berechnung ein.

Ergebnis stellt xGoals auf den Kopf - Jovic ist extrem effizient

Das Expected-Goal-Modell hilft dabei, eine vom Endergebnis unabhängige Aussage über die Spielleistung der einzelnen Mannschaften treffen zu können. Als Beispiel kann hier die Partie Borussia Mönchengladbach gegen den VfL Wolfsburg vom 23. Spieltag fungieren. Am Ende der Partie hatte die Borussia einen xG-Wert von 1,38 und Wolfsburg einen Wert von 0,90. Diese Werte entstehen, indem die Werte aller Torchancen der jeweiligen Mannschaften addiert werden. Gladbach hatte also insgesamt die besseren Torchancen, trotzdem gewann Wolfsburg mit 3:0. Die xG-Werte belegen, dass der Gladbacher Jonas Hofmann recht hatte, als er nach dem Spiel sagte: "Im Grunde haben wir es sehr gut gemacht und hatten, zwei, drei, vielleicht vier sehr gute Chancen, in Führung zu gehen." Die Expected Goals zeigen: Gladbach war statistisch gesehen die überlegene Mannschaft.

Die Expected-Goal-Werte können auch auf einzelne Spieler angewendet werden. So zeigt sich beispielsweise wie effizient Luka Jovic von Eintracht Frankfurt vor dem Tor agiert. Mit allen Chancen, die er in dieser Saison hatte, kommt der Angreifer auf einen Wert von xG 12,8 (Stand nach dem 28. Spieltag). Jovic hätte also knapp 13 Tore erzielen sollen, kommt aber schon auf 17 Treffer. "Den muss er machen", rufen die Fans bei Jovic also vergleichsweise selten.

Robert Lewandowski am Elfmeterpunkt. Drei von vier Bälle gehen aus dieser Position rein, dieser gegen den VfB traf den Pfosten - imago/Sven Simon