43 Jahre ist Jürgen Klinsmann alt, und wüsste man nicht, dass es sich um einen schwäbischen Bäckerssohn handelt, ginge der blonde Ex-Profi glatt als kalifornischer Sonnyboy durch. Wer ein graues Haar beim neuen Cheftrainer des FC Bayern München sucht, scheitert.

"Klinsi" grinst bei seinem ersten offiziellen Pressetermin auf dem Vereinsgelände an der Säbener Straße übers ganze Gesicht, mit einem forschen dreimaligen Klopfen auf den Tisch begrüßt er die versammelte Journalistenrunde.

Keine Frage lässt der Ex-Bundestrainer unbeantwortet, spricht über die neuen Möglichkeiten beim FCB, mögliche Neuzugänge und - auf Nachfrage von bundesliga.de - über seinen ganz persönlichen Einstieg bei seiner ersten Station als Vereinscoach.

Frage: Herr Klinsmann, wie lautet Ihre Bilanz nach den ersten elf Trainingstagen beim FC Bayern?

Jürgen Klinsmann: Seit dem ersten Tag macht es viel Spaß. Durch das neue Leistungszentrum sind tolle Arbeitsbedingungen gegeben, die sowohl die Spieler als auch den Trainerstab faszinieren. Wir wissen die Möglichkeiten sehr zu schätzen, die uns der FC Bayern bietet und die als Konsequenz jedes Trainingslager überflüssig machen, was ja auch nicht schlecht ist (lacht). Alle arbeiten sehr konzentriert an der körperlichen Basis, um für die spielerischen und taktischen Elemente bestens vorbereitet zu sein.

Frage: Sind Sie im Nachhinein eigentlich ganz froh, dass Ihre Spieler durch Länderspieleinsätze bei der EURO 2008 oder in der WM-Qualifikatio erst Stück für Stück wieder zurückkommen und Sie sich so erstmal in Ihre Tätigkeit als Vereinstrainer eingewöhnen konnten?

Klinsmann: Für das Kennenlernen zwischen Spielern und Trainern und die Arbeit mit den neuen Bedingungen war die Situation mit dem kleinen Kader sicherlich angenehm. Man hatte öfter die Zeit, mal hier und da einen Kaffeezusammen zu trinken oder miteinander zu reden. Für unsere Vorbereitung auf die Saison ist es aber natürlich nicht optimal. Dadurch müssen wir beispielsweise die Testspiele ganz anders angehen, können etwa die Nationalspieler, die erst nächste Woche zurückkommen, gar nicht mitnehmen.

Frage: Was haben die Spieler zu den ganzen Neuerungen gesagt?

Klinsmann: Alle sind begeistert und auch ein bißchen stolz, weil sie spüren, dass sie mit diesem Arbeitsfeld, das der FC Bayern ihnen gegeben hat, in allen Bereichen professionell und konzentriert arbeiten können. Außerdem merken sie, dass zu ihrem Beruf auch viele andere Dinge dazugehören,sei es die Medienarbeit, das Erlernen einer Sprache oder interne Gespräche, die ihnen das Gefühl geben, dass sie sich ständig weiterentwickeln können.

Frage: Wie viel Prozent des Erfolges kann dieses Umfeld ausmachen?

Klinsmann: Das ist nicht definierbar. Für uns gilt die Grundregel, dass wir jeden Tag mit dem Spieler arbeiten, um ihn besser zu machen. Und wenn jeder Spieler merkt, dass er noch viel an sich selbst verbessern kann und von uns immer wieder Hniweise bekommt, wo er sein Potenzial noch mehr ausschöpfen kann, dann bringt das einen Prozess ins Laufen, der uns auch die Resultate auf dem Platz bescheren wird. Das passiert natürlich nicht von heute auf morgen, sondern ist ein mittelfristiges Unterfangen, das sich nicht nur auf die Profiabteilung, sondern den ganzen FC Bayern ausdehnen soll.

Frage: Was ist das für ein Gefühl, dass Sie als Trainer nun all die Dinge, wie zum Beispiel das Trainingslager, abschaffen konnten, die Sie als Spieler selbst nicht mochten?

Klinsmann: Das hängt von den Möglichkeiten des Clubs ab. Ich will nicht prinzipiell Dinge von heute auf morgen verändern, sondern ich möchte die bestehenden guten Verhältnisse noch ein Stück besser machen. Der FC Bayern hat das neue Zentrum in wenigen Wochen umgesetzt, diese Möglichkeiten machen wir uns jetzt zunutze.

Frage: Fordern denn die Spieler diese Neuerungen?

Klinsmann: Sie waren sehr davon angetan, als wir sie ihnen erklärt haben. Sie haben zwar nicht damit gerechnet, aber sie freuen sich darauf. Wir übergeben den Spielern ja auch mehr Verantwortung, indem wir fordern, dass sie uns für diese Rahmenbedingugen mit Begeisterung und Engagement etwas zurückgeben.

Frage: Ist das neue Leistungszentrum auch ein Anreiz für Spieler anderer Clubs, zum FC Bayern zu wechseln?

Klinsmann: Das Leistungszentrum sucht sicher seinesgleichen in Europa, aber falls Sie auf mögliche Neuverpflichtungen anspielen: Unser Kader steht, und wir freuen uns auf nächste Woche, wenn die letzten Nachzügler dazustoßen und wir dann voll loslegen können.

Frage: Mario Gomez ist kein Thema mehr?

Klinsmann: Nein. Es gab lediglich die Aussage des Vorstandes, dass sich der FC Bayern zu Wort melden wird, wenn der VfB überlegt, Gomez ins Ausland abzugeben, so wie das bei den Spekulationen um einen möglichen Wechsel zum FC Barcelona im Vorfeld der EURO 2008 der Fall war. Er ist eines der größten Talente, die wir in diesem Land haben, aber der VfB hat gesagt, er ist unverkäuflich, und das wurde von uns vollkommen akzeptiert. Sollte sich diese Meinung in ein oder zwei Jahren ändern und Mario sich weiter so gut entwickeln, dann wird der FC Bayern ein Wörtchen mitreden.

Frage: Sie denken also auch langfristig?

Klinsmann: Sicher. Wir fahren zweigleisig. Das eine ist der Ist-Zustand, das andere die Frage, was in zwei, drei Jahren sein wird. Wann kommt welcher Schnitt, vielleicht nach der WM 2010, was passiert dann mit den gestandenen Spielern etc. Aber im Moment würden wir nur noch mal aktiv werden, sollte uns ein Spieler verlassen.

Frage: Haben Sie eine bestimmte Vorstellung der Rotation, so dass auch die deutschen Nationalspieler möglichst viel zum Einsatz kommen?

Klinsmann: Es wird angesichts des großen Kaders viel Kommunikation gefragt sein, um dem einzelnen Spieler eine Perspektive zu geben. Wir richten uns vor allem danach, wie die Trainingsarbeit abläuft. Da wird es sicherlich Platzkämpfe geben, es soll so trainiert werden, wie dann später auch gespielt werden soll. Und dann muss ich sehen, wer wo die Nase vorne hat. Damit müssen und werden die Spieler umgehen können. Die Rotation richtet sich also nach der Momentaufnahme, je nachdem, wie die Spieler sich im Training, in der Gemeinschaft oder in Testspielen geben und wie die Rollenverteilung in der Mannschaft aussieht. Deshalb bestimmen wir unseren Kapitän auch erst kurz vor dem 1. Spieltag.

Aufgezeichnet von Denis Huber