München - Miroslav Kadlec weiß, wie es ist, bei einer Europameisterschaft weit zu kommen. Mit der Tschechischen Republik schaffte der offensivstarke Libero 1996 den Einzug ins EM-Finale ins Londoner Wembley-Stadion. Der eingewechselte Oliver Bierhoff erzielte für Deutschland in der Verlängerung den Siegtreffer, die Tschechen wurden stolzer Vize-Europameister. Vor der aktuellen Endrunde sind die Erwartungen wieder nicht so hoch in Tschechien, meint Miroslav Kadlec, der mittlerweile als Spielerberater arbeitet.

Kadlec machte von 1991 bis 1998 234 Bundesligaspiele für den 1. FC Kaiserslautern und gewann mit den "Roten Teufeln" zwei Deutsche Meisterschaften und den DFB-Pokal.

Der mittlerweile 47 Jahre alte Kadlec wird bei der EM vor Ort und auch als Experte für die ARD im Einsatz sein. Im bundesliga.de-Interview spricht er über die Chancen der Tschechen, wie es ist, dass sein Sohn Michal nun eine EM bestreitet, und was er mit Matthias Sammer gemeinsam hat.

bundesliga.de: Herr Kadlec, welche Chancen geben Sie der aktuellen tschechischen Mannschaft bei der kommenden Europameisterschaft in Polen und der Ukraine?

Miroslav Kadlec: Es ist nichts Neues, wenn man behauptet: Die Tschechen reisen als Außenseiter zur EM. Es muss aber kein Nachteil sein, wenn alle denken, die Tschechen fahren nur dahin, um mal kurz mitzuspielen. Meiner Meinung nach gibt es zwei große Turnierfavoriten, das sind Spanien und Deutschland. Alle anderen Mannschaften sind ganz eng beisammen, was die Leistungsstärke angeht. Jeder kann jeden schlagen. Das ist auch in der Gruppe der Tschechen so, mit Polen, Russland und Griechenland. In dieser Gruppe kann man Erster oder Vierter werden, alles ist möglich, da entscheiden Kleinigkeiten. Der Ausgang der Gruppe ist schwer vorherzusagen.

bundesliga.de: Wo liegen die Stärken der tschechischen Mannschaft?

Kadlec: Die Stärken liegen in der taktischen Disziplin. Wir haben eine gefestigte Abwehr und mit Peter Chech einen überragenden Torhüter. Wir haben ein bisschen ein Problem im Spiel nach vorne und nicht so viele Stürmer von internationaler Klasse. Bei Tschechien ist die Mannschaft der Star. Mit Tomas Rosicky, Jaroslav Plasil und Milan Baros, wenn er einen guten Tag erwischt, hat diese Mannschaft aber auch Spieler, die ein Spiel entscheiden können. Man muss abwarten, ob alle fit sind.

bundesliga.de: Wie ist denn die Erwartungshaltung in der tschechischen Öffentlichkeit?

Kadlec: Je nach dem: Die Öffentlichkeit ist durch die Erfolge der letzten Jahre verwöhnt (Tschechien nimmt zum fünften Mal hintereinander an einer EM teil; Anm. d. Red.). Aber die Stimmung ist gespalten: Manche glauben, die Mannschaft kann weiterkommen, manche sagen, sie fährt sicher nach der Vorrunde nach Hause. Der Trainer aber sagt, die Mannschaft soll selbstbewusst auftreten, wir kommen weiter. Es ist ähnlich wie 1996, als keiner mit uns rechnete.

bundesliga.de: Was ist der Trainer Michal Bilek für ein Typ, der Verband hat seinen Vertrag ja vor der EM verlängert?

Kadlec: Er hatte am Anfang seiner Amtszeit einige Probleme, weil die Qualifikation nicht optimal gelaufen ist. Aber er hat die Wende noch geschafft und dann alles richtig gemacht. Man wird sehen, wie er mit dem Druck bei einem großen Turnier umgeht.

bundesliga.de: Wie ist es denn für Sie, dass Ihr Sohn Michal Kadlec, der in der Bundesliga für Bayer Leverkusen spielt, auch in der Nationalmannschaft und bei der EM für Tschechien aufläuft?

Kadlec: Mittlerweile habe ich mich daran gewöhnt, da er ja schon einige Jahre mitspielt. Ich bin natürlich schon stolz, dass er es so weit gebracht hat. Vor fünf, sechs Jahren hätte ich nie daran gedacht, dass er so eine Karriere macht.

bundesliga.de: Warum?

Kadlec: Mit 18, 19 war er nicht immer der Beste in seinem Jahrgang.
Aber er hat immer an sich gearbeitet und sich technisch enorm weiterentwickelt. Die tschechischen Medien wollen natürlich jetzt immer Interviews mit uns beiden. Dass das so gekommen ist, ist natürlich eine schöne Sache.

bundesliga.de: Eine der Stärken des tschechischen Fußballs war ja immer die Entwicklung von Talenten. Wie sieht in diesem Bereich derzeit aus?

Kadlec: Wir haben natürlich nicht die Möglichkeiten wie Deutschland, das Anfang dieses Jahrtausends seine Nachwuchsausbildung komplett umgebaut hat. Aber es kommen immer wieder Talente nach, die auf sich aufmerksam machen. Letztes Jahr war Tschechien das einzige Land, das jeweils bei der U 17- , der U 19- und der U 21-EM mit dabei war. Das ist schon ein Wunder, wenn man das so sagen darf, bei den Möglichkeiten in Tschechien.

bundesliga.de: Wirkt sich diese Fülle an Talenten positiv auf das Niveau der tschechischen Liga aus?

Kadlec: Das Problem ist, dass die tschechischen Clubs wirtschaftlich nicht mithalten können, wenn die großen Talente mit 17, 18, 19 Jahren Angebote aus dem Ausland bekommen. Es ist klar, dass die tschechische Liga nicht viel besser werden kann, wenn die besten tschechischen Spieler im Ausland spielen.

bundesliga.de: Sie waren ein Libero, diese Position gibt es im modernen Fußball nicht mehr. Trauern Sie deswegen?

Kadlec: Nein (lacht). Es war ja nicht so, dass ich bei der EM 1996 oder beim 1. FC Kaiserslautern 20 Metern hinter den beiden Innenverteidigern gespielt habe. Schon damals spielte ich mindestens auf einer Linie, meistens sogar vor der Abwehrreihe. So wie das Matthias Sammer bei der deutschen Mannschaft auch gespielt hat. Wir waren ja bei eigenem Ballbesitz fast Mittelfeldspieler. Also ich glaube schon, dass Liberos wie Sammer oder ich auch heute noch unseren Platz finden würden, auch wenn jetzt statt eines 3-5-2-Systems meistens ein 4-2-3-1-System gespielt wird.

Das Gespräch führte Tobias Schächter