München - Holger Badstuber und Mats Hummels rauschten im Höchsttempo hinterher, Manuel Neuer machte sich bereit für die erste Glanztat der Begegnung. Der Grund: Martin Harnik war frei vor dem Tor aufgetaucht, erst im letzten Moment brachte Badstuber noch ein Bein dazwischen. Der DFB-Verteidiger vereitelte den frühen Rückstand gegen Österreich - und das zweite Tor von Martin Harnik innerhalb weniger Tage gegen Neuer.

Sie deutschen Abwehrstars hatten ihre liebe Mühe mit dem flinken Angreifer. Antrittsschnell und lauffreudig deckte Harnik die Defizite in Deutschlands Defensive im WM-Qualifikationsspiel auf. Die Schnelligkeit ist eine seiner Stärken - seine realistische Selbsteinschätzung eine weitere. "Ich werde nicht mehr der große Zauberer und Techniker werden", sagt der 25-Jährige in Diensten des VfB Stuttgart. Trotzdem entwickelte er sich in der Vorsaison zu einem der Top-Offensivspieler der Bundesliga.

Lauffreudig und sprintstark



875 Sprints zog der gebürtige Hamburger an, das war einsame Ligaspitze. Und nicht nur die Anzahl war einmalig, sondern auch die Geschwindigkeit der Sprints. Die Spitzengeschwindigkeit lag bei bei 34,3 km/h, der Durchschnitt bei 31,2 km/h. Harniks Ausdauerwerte stehen seinen Sprintfähigkeiten in nichts nach. Von allen Offensivspielern der Liga legte der Österreicher mit 364,4 Kilometern die weitesten Wege zurück.

Nicht immer kaltschnäuzig, aber stets leidenschaftlich erarbeitete er sich seine Tore. In der vergangenen Saison erzielte er 17 Treffer für den VfB, 62 Mal schoss er dafür aufs gegnerische Gehäuse. Torgefahr strahlte er dabei fast ausschließlich im Strafraum aus, obwohl er fast immer im rechten Mittelfeld eingesetzt wurde. Von seinen 28 Bundesliga-Toren erzielte Harnik nur eines von außerhalb des Sechzehners.

Seinen Einsatz honorieren die Fans - und natürlich die Verantwortlichen. Stuttgarts Sportdirektor Fredi Bobic sagt: "Harnik verkörpert genau die Charaktereigenschaften, die wir uns bei allen Spielern wünschen: Selbstbewusstsein, Verantwortungsgefühl und hohe Kritikfähigkeit an sich selbst, gepaart mit Identifikationsgefühl." So einen Spieler lässt man ungern noch mal von der Angel, mit einem Vertrag bis 2016 statteten die Schwaben Harnik aus.

Erst Traum-Debüt, dann Karriere-Knick



Harniks Entwicklung dürfte auch die Bosse bei Werder Bremen ins Grübeln gebracht haben. Bei Werder durchlief er die Nachwuchs- und Amateurabteilung. 2007 ging es dann ganz schnell für Harnik - wieder einmal.

Am 25. August debütierte der damals 20-Jährige für Werder beim Auswärtsspiel in Nürnberg. Nach 61 Minuten wechselte ihn Trainer Thomas Schaaf ein, acht Minuten später erzielte er das Siegtor.

Sein Raketen-Start ins Profigeschäft blieb eines der wenigen Highlights für Harnik im Werder-Trikot. Dieses streifte er im August 2009 ab, nach nur 17 Bundesliga-Einsätzen und zwei Toren. Zu prominent war die Konkurrenz. Schaaf schenkte Claudio Pizarro, Hugo Almeida und Markus Rosenberg das Vertrauen.

Fortuna Düsseldorf als Neustart



Harnik suchte sein Glück ein Stockwerk tiefer. Im Rheinland wurde er fündig. Düsseldorf, damals Zweitliga-Aufsteiger, lieh ihn für ein Jahr aus. Trainer Norbert Meier baute auf den Offensiv-Spieler. Harnik entwickelte sich zu einem der Top-Angreifer der 2. Bundesliga, zahlte das Vertrauen mit 13 Toren zurück. Fortuna schrammte am Saisonende nur knapp am Aufstieg vorbei und Harnik hatte sich ins Schaufenster gespielt. Bremen hatte auch nach Ende der Leihzeit keine Verwendung mehr für ihn, der VfB Stuttgart machte das Rennen.

In den vergangenen zwei Jahren bestritt der Österreicher 68 Spiele im VfB-Dress. 27 Tore und 19 Assists steuerte er bei. Im zweiten Anlauf hat er es als Stammspieler in der Bundesliga gepackt. In der vergangenen Saison schoss er 17 Treffer, war damit maßgeblich am 5. Platz der Schwaben beteiligt. Kein anderer Mittelfeld-Akteur traf häufiger. In den vergangenen 43 Bundesligaspielen stand er immer auf dem Platz, davon nur ein einziges Mal nicht in der Startelf.

Als ihn Trainer Bruno Labbadia in der Vorsaison nach einer kurzen Denkpause wieder von Beginn an brachte, bedankte sich Harnik mit einem Dreierpack gegen Hertha BSC.

Gegen den Ex-Club aus dem Keller?



In der laufenden Bundesliga-Saison hat sich Harnik als bislang einziger Stuttgarter in die Torschützenliste eingetragen. Er traf gegen Manuel Neuer bei der 1:6-Niederlage des VfB in München.

Die Pleite wurmt den ehrgeizigen Österreicher. "Man kann verlieren, aber die Art und Weise ist immer entscheidend", sagt er. Mit null Punkten hinken er und sein VfB den Ansprüchen hinterher. Das soll sich am 3. Spieltag ändern, auch wenn das für Harnik einen emotionalen Zwiespalt bedeutet: Am Samstag gastiert sein ehemaliger Förderer Norbert Meier mit der Düsseldorfer Fortuna in Stuttgart.

Christoph Gailer