Gelsenkirchen - Ein 17-Jähriger hat Schalke ins Pokal-Halbfinale geschossen - und Julian Draxler konnte danach sein Glück kaum fassen.

In der 116. Minute bewies Trainer Felix Magath ein glückliches Händchen, als er Neu-Profi Julian Draxler beim Stand von 2:2 gegen den 1. FC Nürnberg ins Spiel brachte. Drei Minuten später erzielte der Youngster mit einem fulminanten Linksschuss den Schalker Siegtreffer. Im Interview sprach Draxler anschließend über Freudentränen und zittrige Knie, Instinktschüsse und Profiperspektiven.

Frage: Julian Draxler, Sie dürften der glücklichste Mensch der Welt sein.

Julian Draxler: Ich kann noch gar nicht in Worte fassen, was da passiert ist. Und ich werde bestimmt auch noch einige Tage brauchen, um das alles zu verdauen und zu realisieren. Viel schöner kann ein einzelner Moment nicht sein!

Frage: Beschreiben Sie doch bitte mal diese "magische" Szene in der 119. Minute.

Draxler: Ich habe in dieser Situation gar nicht so viel nachgedacht, sondern einfach draufgehalten. Ich habe aus dem Instinkt heraus das gemacht, was ich sonst in der A-Jugend immer gemacht habe. So habe ich dort auch einige Tore geschossen. Ich hatte schon das Gefühl, dass ich den Ball gut getroffen habe. Dass er dann so einschlägt, hätte ich mir aber nicht erträumt. Zumal ich generell schon beidfüssig bin. Aber eigentlich ist der rechte Fuß mein stärkerer.

Frage: Anschließend sind Sie vor Freude auf den Rasen gesunken. Eine spontane Reaktion?

Draxler: Das kam einfach aus der Situation heraus. Ich wusste gar nicht, wie ich diesen Moment verarbeiten sollte. Ich war überglücklich und habe mich einfach hingekniet auf den Rasen. Und ich musste mich schon konzentrieren, dass keine Freudentränen rauskommen.

Frage: Haben Sie sich überhaupt gewundert, dass Sie so kurz vor dem Spielende noch eingewechselt worden sind?

Draxler: Das war eigentlich eine ganz lustige Geschichte: Ich habe nur fünf Minuten vorher beim Warmmachen noch zu Tim Hoogland gesagt, dass der Coach so spät bestimmt nicht mehr wechselt. Das Spiel stand auf der Kippe, es ging hin und her, da habe ich damit nicht mehr gerechnet. Und dann wurde ich plötzlich gerufen und bin doch noch hineingekommen - zum Glück!

Frage: Hätten Sie sich denn auch eine Elfmeterschießen zugetraut?

Draxler: Zittrige Knie hätte ich auf jeden Fall gehabt. Aber ich hätte auch den Mut gehabt zu schießen.

Frage: Ist für Sie mit diesem Spiel und diesem Tor ein Kindheitstraum wahr geworden?

Draxler: Das ist kaum zu begreifen. Ich bin da, wo ich immer hin wollte. Früher habe ich mich mit meinem Vater darüber unterhalten, wie das sein muss, wenn die ganze Kurve deinen Namen ruft. Dass das jetzt Wirklichkeit geworden ist, das kann ich kaum in Worte fassen.

Frage: Schon in den letzten Wochen gab es für Sie viel Lob, auch von Trainer Felix Magath. Was denken Sie, wenn Sie das alles hören und lesen?

Draxler: (lacht) So viel lese ich darüber gar nicht. Der Trainer hat mir auch empfohlen, die Zeitung nicht zu oft aufzuschlagen. Aber ab uns zu bekomme ich das natürlich schon mit und das ehrt mich sehr. Und wenn ich ehrlich bin: In den nächsten Tagen kann ich es mir wahrscheinlich nicht verkneifen, doch mal das ein oder andere über dieses Spiel zu lesen.

Frage: Da besteht ja auch schnell die Gefahr, dass man ein bisschen abhebt. Wie schaffen Sie es, auf dem Teppich zu bleiben?

Draxler: Auf dem Teppich bleiben muss man immer. Ich habe ein gutes Umfeld; meine Familie hält mich auf dem Boden. Auch wenn ich mal ein bisschen abheben würde, wovon ich aber nicht ausgehe. Für mich geht es einfach darum, mich jeden Tag ein bisschen zu verbessern. Ich weiß, dass ich noch viel lernen muss. Ich freue mich jeden Tag auf das Training, weil man sich von Spielern wie Raul oder Huntelaar eine Menge abgucken kann.

Frage: Sie besuchen eigentlich ein Gymnasium. Hat jetzt die Profikarriere Vorrang?

Draxler: Die Schule habe ich erst einmal unterbrochen. Der Trainer hat mir das auch geraten, indem er mir immer wieder vor Augen gehalten hat, wie groß meine Perspektive hier ist. Es geht jetzt schon in die Richtung, dass ich mit der Schule ganz aufhöre.

Aufgezeichnet von Dietmar Nolte