Jeden Tag aufs Neue jagen die Löwen in den Savannen und Wüsten Afrikas den langbeinigen Gazellen nach. Oft mit dem besseren Ende für die Jäger. Doch schenkt man den Fußball-Fans der Elfenbeinküste glauben, gibt es eine Gazelle, die der Löwe niemals erlegen wird. "La seule gazelle, qu'un lion n'attrape pas", heißt es auf Französisch. Wörtlich übersetzt geht es um die Tiere, gemeint ist aber Didier Drogba, den demnach kein Verteidiger stoppen kann.

Seit sich die Elfenbeinküste 2006 erstmals für eine Weltmeisterschaft qualifiziert hat, ist um ihren Kapitän und Rekordtorschützen eine Euphorie entfacht, wie sie in Deutschland höchstens mit dem Status von Lukas Podolski in Köln zu vergleichen ist. Bei Drogba geht die Begeisterung aber noch weiter - er ist für die Ivorer ein Volksheld.

In den Diskotheken ist es der "Drogba", bei dem um einen imaginären Ball getanzt wird, im Friseursalon lässt man sich den "Drogba-Haarschnitt" verpassen und Bierliebhaber bestellen das Gebräu mit dem Namen ihres Lieblings - das stärkste Bier im ganzen Land. Zahlreiche Lieder erzählen von seinen Erfolgen und seinem Leben.

Unter den Fittichen des Onkels

In dem von Bürgerkriegen gebeutelten Staat in Westafrika halfen die Erfolge der "Elefanten", wie die Nationalmannschaft genannt wird, die verschiedenen Volksgruppen wieder näher zu bringen. Dass Drogba dabei als Leitfigur und Vorbild vergöttert wird, ist schon etwas verwunderlich, da er nur wenige Jahre seines Lebens in der Elfenbeinküste verbracht hat.

Mit fünf Jahren verließ Drogba erstmals seine Heimatstadt Abidjan, dem heutigen Regierungssitz. Seine Eltern schickten ihn zu seinem Onkel, einem damaligen Zweitliga-Profi, nach Brest in der Bretagne. Michel Goba machte dem kleinen, traurigen Didier Mut, denn "du hast nur hier die Chance, aus deinem Leben etwas zu machen".

Abstecher in die Defensive

Drei Jahre später sorgten Ungereimtheiten mit Drogbas Pass jedoch dafür, dass er wieder zurück nach Afrika musste. Als eine Wirtschaftskrise die Elfenbeinküste in eine Krise stürzte, hielten es seine Eltern erneut für das Beste, ihren Sohn der Obhut des Onkels zu übergeben.

Zurück in Frankreich schickte Goba seinen Neffen als eine der ersten Amtshandlungen in einen Fußball-Verein. Dort kickte Drogba auf der Position des rechten Verteidigers. Zumindest so lange, bis sein Onkel dessen gewahr wurde. "Was machst du da hinten? Geh nach vorne! Beim Fußball schauen alle nur auf die Stürmer", soll er gesagt haben.

In der Form seines Lebens?

Fortan entwickelte sich Drogba über die Stationen Levallois UC, Le Mans UC, EA Guingamp und Olympique Marseille zu einem Top-Torjäger. Mit 25 Jahren wechselte er dann auf die Insel zum FC Chelsea. Seine Entwicklung scheint dabei nicht zu stoppen. Denn mit neun Toren an zwölf Spieltagen weist er in seinem sechsten Jahr bei den "Blues" seine bislang beste Torquote auf - im Schnitt trifft er alle 116 Minuten ins Schwarze.

Im letzten WM-Qualifikationsspiel der Elfenbeinküste gegen Gabun am vergangenen Samstag pausierte Drogba wegen einer Rippenverletzung - die Ivorer hatten aber schon einen Spieltag zuvor das Ticket für die Endrunde in Südafrika gelöst. Gegen Deutschland (Mi., ab 20:30 Uhr im Live-Ticker) will er jedoch unbedingt spielen. Vielleicht können die deutschen Verteidiger um Abwehrchef Per Mertesacker die "Gazelle" ja am Tore schießen hindern.

Michael Reis