Zusammenfassung

  • Domenico Tedesco feierte mit nur 31 Jahren sein Trainerdebüt in der Bundesliga.

  • Der neue Schalker Coach baute den Matchplan gegen Leipzig rund um die Abwehrkette auf - mit Erfolg.

  • Im Verein wird er auch für seine große Sozialkompetenz gelobt.

Gelsenkirchen - Keine Frage : dieser Trainer steht unter Strom. 90 Minuten lang agierte Domenico Tedesco bei seinem Bundesligadebüt an der Linie, dirigierte seine Mannschaft, brüllte Anweisungen hinein. Sogar als es vollbracht war, als der FC Schalke 04 den Traumstart mit einem 2:0-Auftaktsieg über Vizemeister RB Leipzig perfekt gemacht hatte, redete der neue Coach am Mittelkreis mit intensiven Gesten und großer Mimik beschwörend auf seine Profis ein.

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Engagiert, emotional und entschlossen präsentiert sich dieser Domenico Tedesco, wenn es gilt auf dem Platz. Und genau das ist es auch, was der neue, junge Trainer der Schalker von seiner Mannschaft erwartet. Entsprechend zufrieden nahm der 31-Jährige die ersten drei Punkte gegen Leipzig zur Kenntnis und machte seinen Spielern zugleich ein dickes Kompliment. "Wir haben dieses Spiel gewonnen aufgrund der Leidenschaft, die die Spieler auf den Platz gebracht haben. Die Mentalität war entscheidend."

Maßgeschneidertes Konzept rund um die Abwehrkette

Fast schon bescheiden wehrte Tedesco, außerhalb des Spielfeldes ein ebenso höflicher und bescheidener wie ruhiger Typ, Glückwünsche zur siegreichen Taktik ab: "Das war kein Erfolg irgendeines Matchplans." Das allerdings ist mehr als untertrieben, denn der nach Julian Nagelsmann aktuell zweitjüngste Trainer der Bundesliga hatte seinem Team ein maßgeschneidertes taktisches Konzept rund um die defensive Dreier- bzw. Fünferkette verpasst. Diszipliniert und konzentriert lief Schalke den Gegner im letzten Drittel an, stand kompakt und bot Leipzig keine Räume in der gefährlichen Zone. Defensiv agierte die Mannschaft fast perfekt, ließ bis auf eine einzige echte Chance der Leipziger nach 80 Minuten nahezu nichts zu.

© imago / Jan Huebner

"Unser taktischer Plan ist gegen eine richtig gute Mannschaft voll aufgegangen", fand auch Christian Heidel nach der Partie nur lobende Worte für seinen neuen Coach und schmunzelte: "Wir sind genau im richtigen Moment angelaufen, das hat die Mannschaft ja jetzt auch sechs Wochen geübt." Für den Sportvorstand war das Debütspiel von Tedesco auch ein Beleg, dass der Trainer mit seinen taktischen Ideen bei den Spielern auf fruchtbaren Boden stößt: "Die Mannschaft saugt im taktischen Bereich alles auf. Es ist ein gutes Gefühl, zu sehen, dass die Jungs das so annehmen und auch umsetzen."

Drei Jahre jünger als Abwehrchef Naldo

Auch Heidel dürfte erleichtert zur Kenntnis genommen haben, dass seine mutige Entscheidung sich auszuzahlen scheint. Dabei ist Domenico Tedesco mit seinen 31 Jahren zwar drei Jahre jünger als Abwehrchef Naldo, aber dennoch nicht der jüngste Schalker Trainer aller Zeiten. Kurt Otto (28 Jahre), August Sobottka (29) und Gustav Wieser (29) waren bei ihrem Amtsantritt noch jünger. Aber der Deutsch-Italiener überzeugt nicht nur mit einem klaren Plan, sondern auch mit seiner menschlichen Komponente. "Er hat eine große Sozialkompetenz und sucht das Gespräch. Er holt alle ins Boot und vermittelt allen das Gefühl der Zugehörigkeit", betonte Leon Goretzka.

Video: Tedesco will mit Schalke angreifen

Dabei scheut sich Tedesco zwar auch nicht vor unpopulären Entscheidungen, wie die Weitergabe der Kapitänsbinde von Benedikt Höwedes an Ralf Fährmann gezeigt hat. Der Trainer ordnet alles dem Erfolg unter, setzt aber zugleich auf Teamgeist. Entsprechend herzte er nach dem Auftakterfolg jeden einzelnen Spieler und betonte den Wert des Kollektivs: "Wir haben dieses Spiel gewonnen, weil wir alle geschlossen aufgetreten sind. Spieler, die reinkamen, haben Gas gegeben. Spieler, die nicht gespielt haben, haben sich bei jeder positiven Aktion mitgefreut."

Tedesco passt das Schalker Spiel den Bedingungen an

Bei aller Freude über seinen Traumeinstand auf der blau-weißen Bank war der Perfektionist aber nicht mit allem zufrieden, was er von seiner Mannschaft gesehen hatte. "Wir hätten uns in gewissen Situationen gewünscht, mehr Druck auf den Ball zu bekommen", gestand Domenico Tedesco offen ein. Im eigenen Stadion wirkte Schalke so manches Mal eher wie der Gast, weil man RB Leipzig zu oft die Spielgestaltung überließ und selbst aus der kompakten Defensive heraus eher auf schnelle Konter wie beim Treffer zum 2:0-Endstand statt auf Pressing und Offensivfußball setzte. Es ist aber auch eine der Stärken dieses Trainers, seine Mannschaft nicht zu überfordern und ein Spiel den Bedingungen anzupassen. "Wenn du diesen Druck nicht bekommst, wäre es fatal, trotzdem draufzugehen. Dann must du auch einen Plan B oder C haben – und das haben die Jungs gut gemacht", erklärte Tedesco.

Leidenschaft und Willen taten ein Übriges, die ersten drei Punkte gegen einen so ambitionierten Gegner wie den Vize-Meister aus Leipzig einzufahren. Einsatz und Einstellung sind Tugenden, die Domenico Tedesco seiner Mannschaft auch 90 Minuten lang an der Seitenlinie vorlebt. "Er coacht sehr aktiv, aber er ist dabei authentisch", meint Christian Heidel. So sieht es auch der Trainer selbst: "Emotionen gehören bei mir dazu – das bin ich, und da kann ich mich auch nicht verstellen."

Wenn es so weitergeht, könnte der FC Schalke 04 noch viel Freude an seinem neuen Chefcoach haben. Dann wird Domenico Tedesco zwar nicht als jüngster Trainer in die Annalen der Vereinsgeschichte eingehen, aber vielleicht als der erfolgreichste der jungen Garde. Kurt Otto hatte seine Mannschaft 1929/30 mit Spielern wie Szepan und Kuzorra immerhin zur Westdeutschen Meisterschaft geführt.

Aus Gelsenkirchen berichtet Dietmar Nolte