Köln - Von der positiven Entwicklung von Hannover 96 ist Dieter Schatzschneider nicht überrascht. Der Kult-Torjäger der Niedersachsen glaubt im Interview mit bundesliga.de, dass Trainer Tayfun Korkut der Erfolgsgarant ist.

"Er hat einen Plan, die Spieler vertrauen ihm", so der 56-jährige ehemalige Topstürmer von Hannover 96, dem Hamburger SV, Schalke 04 und Fortuna Köln, der mit 154 Toren bis heute der Rekordtorschütze der 2. Bundesliga ist.

bundesliga.de: Herr Schatzschneider, Hannover 96 hat mit neun Toren 19 Punkte geholt und steht auf Platz 4. Was sagt das über die Mannschaft aus?

Dieter Schatzschneider: Es zeigt, dass wir mit Tayfun Korkut einen Trainer haben, der weiß worauf es ankommt. Ich finde das okay. Es gibt ja den alten Spruch, nach denen eine gute Abwehr die Meisterschaft gewinnt, ein Angriff dagegen nur Spiele. Das trifft zwar nicht ganz auf 96 zu, aber die Tendenz ist da. Die Spieler scheinen den Trainer zu verstehen. Die vielen Spiele ohne Gegentor wären ja sonst nicht zustande gekommen.

"Es kann noch weiter nach oben gehen"

bundesliga.de: Wie fällt nach einem Drittel der Saison Ihr Zwischenfazit aus?

Schatzschneider: Die Mannschaft hat eine super Entwicklung genommen. Ich freue mich sehr. Auf vielen Positionen haben Leute wie Maurice Hirsch, Stefan Thesker, Ceyhun Gülselam oder Kenan Karaman gespielt, von denen ich dachte, dass sie noch Zeit brauchen würden. Sie wurden wegen der Ausfälle von anderen Spielern ins kalte Wasser geworfen und haben ihre Sache gut gemacht. Wenn alle verletzten Spieler wieder zurück kommen, haben wir noch viel Potenzial. Dann kann es noch weiter nach oben gehen.

bundesliga.de: Hat die schwierige Situation in der vergangenen Saison, als 96 tief im Abstiegskampf steckte, das Team zusammengeschweißt?

Schatzschneider: Das war keine schwierige Situation, das muss ich deutlich sagen. Es wurde hochprofessionell Krisenmanagement betrieben, genauso wie man sich das vorstellt. In aller Ruhe und fernab der Öffentlichkeit. In diesem Zusammenhang muss ich unseren Präsidenten Martin Kind loben, der das meisterhaft gemacht hat.

bundesliga.de: Aber sportlich ging es damals im Spiel gegen den Hamburger SV schon fast um alles. Bei einer weiteren Niederlage wäre es richtig eng für Hannover geworden?

Schatzschneider: Dann wäre es eng geworden. Dennoch hatte ich das Gefühl, dass der Trainer alles unter Kontrolle hatte. Für ihn war es auch keine schöne Situation, bei seiner ersten Bundesliga-Station gleich unten reinzurutschen. Mir war nach den letzten Spielen dann klar, dass der Trainer mit den Jungs hart arbeiten muss. Im heutigen Fußball funktionieren die alten Sprüche von wegen „Ärmel hochkrempeln“ und „Gras fressen“ nicht mehr. Das konnten Trainer vielleicht noch vor 20 Jahren erzählen. Heute sind die Fußballer intelligent genug. Die wollen etwas wissen und hören.

"Wir haben einen Trainer, der einen Plan hat"

bundesliga.de: Was sind die Gründe für das gute Abschneiden? Machen die Neuzugänge wie Kiyotake oder Joselu den Unterschied?

Schatzschneider: Nein, so weit würde ich nicht gehen. Da ist noch deutlich Luft nach oben. Beide haben erst zwei Tore gemacht.

bundesliga.de: Das sind immerhin vier von neun Toren ...

Schatzschneider: (lacht) Okay, insofern sind das schon fast 50 Prozent. Um auf die Frage nach den Gründen des Aufschwungs zurückzukommen. Wir haben jetzt einen Trainer, der einen Plan hat. Tayfun Korkut weiß wie es geht und führt die Mannschaft auch so. Er begeistert sie für diesen Plan und dafür, ihn umzusetzen. Wir sind zwar noch nicht auf dem Niveau von Mannschaften wie Dortmund oder Mönchengladbach. Aber das sind auch Beispiele für Vereine, deren Trainer einen Plan haben. Das mögen die Spieler. Diesen Trainern vertrauen sie. Das macht auch Tayfun Korkut. Er hat einen starken Charakter, der sich auch den Problemen stellt. Er schiebt keinen anderen vor. Das zeichnet ihn aus. Und dafür wird er von der Mannschaft belohnt.

bundesliga.de: Wie stabil erscheint Ihnen das ganze Gebilde schon?

Schatzschneider: Die Ebene, die ich mir vorstelle, ist noch lange nicht erreicht. Ich hoffe, dass Spieler, die derzeit fehlen, wie Miiko Albornoz auf der linken Seite oder Lars Stindl das Niveau noch heben werden. Eins bedenkt noch keiner. Durch die Rückkehr der Spieler, die gesetzt waren, entsteht endlich der Konkurrenzdruck, von dem ich glaube, dass er leistungssteigernd sein wird. Den hatten wir noch nie. Jeder hat Blut geleckt. Ein Edgar Prib kommt zurück, ein Andre Hoffmann in der Winterpause. Es sind noch einige Spieler da.

"Jetzt kann die Mannschaft zeigen, was in ihr steckt"

bundesliga.de: Täuscht der Eindruck, oder gehört auch Hannover 96 dennoch zu den Mannschaften, die auch immer einmal drei Niederlagen am Stück kassieren können?

Schatzschneider: Solche Aufs und Abs können immer mal passieren. Eine gute gewachsene Mannschaft wie Bayern München kann 96 auch auseinander nehmen. Aber das ist auch nicht unsere Augenhöhe. Wir messen uns mit anderen Mannschaften. Zuhause können wir aber gegen viele Teams gewinnen.

bundesliga.de: Schon am Samstag kann 96 diesen Beweis gegen Bayer Leverkusen antreten. Danach kommen die Spiele gegen Hoffenheim und Wolfsburg.

Schatzschneider: Genau das sind die Spiele, in denen unsere Mannschaft zeigen kann, was in ihr steckt.

bundesliga.de: Halten Sie die Rückkehr aufs internationale Parkett in der kommenden Saison für möglich?

Schatzschneider: Ich weiß ja, wie Bundesliga geht. Wenn wir in einer Halbserie 20 Punkte holen, reicht das, um nicht abzusteigen. Diese Punkte haben wir jetzt schon fast nach elf Spielen erreicht. Alles, was wir in den ausstehenden sechs Spielen noch holen, ist ein Schritt Richtung Europa. Ganz klar. Wenn wir drei von den sechs Spielen gewinnen, haben wir 28 Punkte. Damit ist man in der Verlosung. Wenn wir alle Spiele verlieren, wissen wir, dass wir gegen den Abstieg spielen. Jetzt kommt es auf die Mannschaft an, wohin die Reise geht. Also ist Europa drin.

Das Gespräch führte Tobias Gonscherowski