Diego, Arturo Vidal, Grafite, Edin Dzeko - regelmäßig fördern die Talentsichter der Bundesliga-Clubs Rohdiamanten zutage, die im deutschen Oberhaus mitunter auf Weltklasseformat geschliffen werden. Längst ergänzen beim Scouting aufwendig erhobene Daten das Bauchgefühl.

Erfolgreiches Scouting ist vor allem eine langwierige Angelegenheit. Dies verdeutlichte Michael Schröder, ehemals Abwehrspieler und heute Chefscout beim Hamburger SV bei einem Scouting-Kongress des WM-Sponsors Castrol: "Wir verfolgen Spielerkarrieren oft über Jahre hinweg und verschaffen uns auch Eindrücke aus den Trainingseinheiten und suchen das persönliche Gespräch."

Brasilianische Diamanten

Geduld, die sich mitunter auszahlt, wie zahlreiche erfolgreiche HSV-Transfers beweisen. Nigel de Jong, Vincent Kompany, Rafael van der Vaart oder Ivica Olic sind nur einige HSV-Entdeckungen, die in der jüngeren Vergangenheit an der Elbe zu internationalem Format heranwuchsen und den Verein schließlich gewinnbringend verließen.

Fast noch beeindruckender liest sich die Entdeckungsliste von Bayer Leverkusen. Die Werkself setzt ihren Scouting-Schwerpunkt ganz klar auf Südamerika und hat dort schon zahlreiche Rohdiamanten gehoben: Emerson, Jorginho, Zé Roberto, Sergio, Lucio, Juan, Renato Augusto, Arturo Vidal – regelmäßig entdecken die Bayer-Scouts kommende Weltklassespieler, die in Leverkusen den entscheidenden Schliff erhalten. Ein Aufwand freilich, der seinen Preis hat.

Sechsstelliges Scoutingbudget

"Unsere Scouting-Abteilung ist sicher eine der teuersten der Liga, aber dieses Investment ist im Vergleich zu den Kosten einer einzigen Transferfehlentscheidung gering", stellt Bayer-Manager Michael Reschke klar. Seit über 20 Jahren beobachten die Bayer-Scouts speziell den brasilianischen Markt, jährlich investiert der Verein eine sechsstellige Summe in die Talentsuche.

Einen guten Teil der Scouting-Budgets verschlingen die Reisekosten. Denn die von Spielerberatern zugesandten Video-Bewerbungen können den persönlichen Eindruck nicht ersetzen: "Der HSV verpflichtet grundsätzlich keine Spieler 'von einer DVD'", stellt Michael Schröder klar.

Sechs Mal Zuckerhut und zurück

Und so sammelt er fleißig Luftmeilen - wie sein Leverkusener Kollege Michael Reschke. Der reiste vor der Verpflichtung von Renato Augusto sieben Mal nach Brasilien, sein Sportdirektor Rudi Völler zwei Mal.

Die Eindrücke eines Beobachters am Spielfeldrand sind heute aber längst nicht mehr die einzigen Entscheidungshilfen, die den Vereinen bei der Verpflichtung neuer Talente zur Verfügung stehen. Elektronisch aufwendig erhobene Daten, die die Leistung und Entwicklung eines Spielers bis in die kleinsten Teilbereiche abbilden, zählen zum unabdingbaren Arbeitsmaterial von Trainern, Sportdirektoren und Managern.

Bauchgefühl trifft Risikominimierung

"Es geht um eine Minimierung des Risikos", erklärt der ehemalige Bayern-Trainer Ottmar Hitzfeld. "Die Zeiten des reinen Bauchgefühls sind endgültig vorbei, denn bei einer Multi-Millionen-Euro-Entscheidung kann man sich nicht nur auf subjektive Eindrücke verlassen".

Das sieht man auch beim VfB Stuttgart so. Dort zeichnet die Scouting-Abteilung nicht nur für die Sichtung neuer Talente verantwortlich, sondern beobachtet auch die eigenen Spiele sowie die kommenden Gegner.

Millionen Daten pro Spiel

Unter der Leitung von Sportwissenschaftler Mathias Munz sammelt das Analyse-System "Amisco" über acht im Stadion installierte Kameras bei jedem Spiel Millionen von Daten, die später für ausführlichste Analysen herangezogen werden.

Beim 1. FC Köln beobachten im sogenannten SportsLab 30 Sportstudenten weltweite Fußballübertragungen, füttern die Datenbanken mit Spielerwerten und melden interessante Kandidaten an Chefscout Stephan Engels und Scout-Koordinator Paul Steiner.

Zahlen für die Sicherheit

Die objektiven Fakten, die Zahlen, gewinnen beim Scouting immer mehr an Bedeutung, nicht zuletzt, um finanziell aufwendige Verpflichtungen auch abzusichern.

"Fehlentscheidungen in der Transferpolitik können sportlich und wirtschaftlich katastrophale Folgen haben", unterstreicht Hitzfeld die stetig wachsende Bedeutung der Talentsuche. Sein klares Resümee: "Ohne ein erfolgreiches Scouting sind sportliche Erfolge nahezu ausgeschlossen."

Norbert Obkircher