Die letzten Minuten im FIFA 10-Duell zwischen Schalke 04 und Borussia Dortmund: Schalke flankt noch einmal in den Strafraum, es wird gefährlich! "Kuranyi, an den Pfosten", dringt der Aufschrei von Kommentator Tom Bayer aus den Lautsprechern.

Gleichzeitig beschreibt Tom Bayer in Wohnzimmern, Sports Bars, Kellern und Kinderzimmern ungezählte Pässe, Eckstöße, Elfmeter und vergebene Chancen in tausenden weiteren FIFA-Spielen.

Casting im Tonstudio

Es ist kein Hexenwerk, dass der bekannte Sportreporter täglich rund um die Uhr in der FIFA-Welt von EA SPORTS zu hören ist - obwohl er die virtuellen Duelle überhaupt nicht sieht. Vielmehr steckt ein komplexes und aufwändiges Zusammenspiel zahlreicher Experten hinter der FIFA-Reihe, zu der am Ende der allgegenwärtige Kommentar Tom Bayers gehört.

Bayers Aufgabe beginnt im Frühjahr, etwa ein halbes Jahr vor dem Verkaufsstart der jeweils aktuellen Reihe. "2005 kam eine Anfrage von EA SPORTS, ob ich Interesse an einem Casting für Kommentatoren für deren Fußball-Simulationen hätte. Dieses Casting fand in einem Kölner Tonstudio statt, bei dem auch die Entscheider vom EA-Firmensitz im kanadischen Vancouver und von der europäischen Zentrale Madrid anwesend waren", erinnert sich Bayer an die Anfänge.

Tonaufnahmen in mehr als zehn Varianten

Man wurde sich einig, und Bayer tauschte kurzzeitig seinen Platz auf den Pressetribünen der Bundesliga und Champions League mit einem Sessel in einem Tonstudio im Kölner Media Park. "In meiner ersten Saison habe ich zwölf oder 13 Tage dort verbracht. Ich habe einen dicken Aktenordner mit gefühlt tausend Seiten bekommen und dann ging es los."

Alle Spielernamen, alle Standard-Formulierungen, fußballspezifischen Sätze und Text-Bausteine wurden aufgenommen. Viele Schilderungen in mehr als zehn Varianten: "Dann heißt es "Der Ball fliegt vorbei", "Der Schuss verfehlt das Tor", "Der Torhüter kann locker aufnehmen" oder "Nicht getroffen". Dadurch hören die Spieler später nicht immer ein- und denselben Kommentar zu gleichen Szenen, sondern es wird abwechslungsreicher", erklärt Bayer.

Nicht nur Vorleser

Allerdings ist Bayer nicht als Vorleser gefordert. Vielmehr ist die hohe Kunst der guten Reportage gefordert. Denn erstens liegen Bayer die deutschen Texte quasi wörtlich übersetzt vom englischen Original vor: "Ich übersetze aber nicht wortwörtlich. Man muss den deutschen Sinnzusammenhang erkennen, eigene Worte finden und den Kommentator-Stil beibehalten. Und improvisieren können. Das ist wie im Stadion."

Und zweitens gilt es im Tonstudio unter "Labor-Bedingungen" emotionale Texte zu sprechen. Mit Hilfe eines kleinen Tricks hat Bayer, der zusammen mit seinem Sky- und EA-Kollegen Sebastian Hellmann auch gemeinsame Texte und Moderationen aufnimmt, das Stadion ins Studio geholt. "Über Kopfhörer lasse ich mir Stadionatmosphäre einspielen. Ähnlich wie ein Schauspieler müssen wir uns in unseren täglichen Job hineinversetzen, um möglichst authentisch zu wirken."

Programmierer gefordert

Mit Abschluss der Aufnahmen beginnt die Arbeit der Programmierer. Sie sorgen dafür, dass das Gesprochene auch zum Geschehen auf dem Platz passt. Um diesen Programmieraufwand nicht für jede Sprache einzeln betreiben zu müssen - die FIFA-Reihe bietet derzeit Kommentare in mehr als zehn verschiedenen Sprachen -, werden die Texte sprachunabhängig durchnummeriert.

So kann beispielsweise Kommentar Nummer 1 ein Torschrei des Sprechers sein; sowohl in Englisch, Deutsch oder Spanisch als auch in den anderen Sprachen.

Sieben Tage für FIFA 10

Viele Kommentare werden ausgelöst, wenn bestimmte Spielsituationen entstehen. Dazu gehören Kopfbälle auf das gegnerische Tor, Fouls oder Einwürfe. Andere Bausteine werden abgespielt, wenn bestimmte Vorgaben erfüllt sind. Ein hoher Ballbesitz etwa ist keine Seltenheit im Spiel, und Tom Bayer bezieht dazu in allen eingespielten Varianten Stellung.

Für die aktuelle FIFA 10-Ausgabe ist Bayer mit sechs Tagen im Tonstudio ausgekommen. Viele Standards können noch von früheren Aufnahmen genutzt werden. Privat setzt sich Bayer auch schon mal vor die Spielkonsole, verzichtet aber auf seinen eigenen Kommentar. Denn in seinen wenigen fußballfreien Minuten bevorzugt der Eishockey-Fan das EA SPORTS-Spiel NHL.

Stefan Kusche