Für den FC Bayern hat die heiße Phase der Saison begonnen. Bundesliga, Champions League, DFB-Pokal - alles innerhalb weniger Tagen.

Der deutsche Rekordmeister kann in dieser Phase den Grundstein für einen erfolgreichen Schlussspurt der Saison legen, aber auch das eigene Leben schwer machen. Den Startschuss gestalteten die Münchner beim 1:2 gegen den 1. FC Köln unglücklich.

Helmer blickt voraus

Am Mittwoch folgt das Spiel bei Sporting Lissabon in der Champions League (ab 20:30 im Live-Ticker). Viele Spiele innerhalb weniger Tage, Titelkampf, Druck von außen und innen - das kennt Thomas Helmer nur zu gut. Der ehemalige Profi wurde mit dem FC Bayern drei Mal Deutscher Meister, hat ingesamt 390 Bundesliga-Spiele auf dem Buckel.

Heute arbeitet der 43-Jährige beim Sportsender DSF als Moderator und Experte. Im bundesliga.de-Interview spricht er über den schwachen Rückrundenauftakt der Bayern und blickt auf das anstehende Duell des FCB gegen Werder.

bundesliga.de: Thomas Helmer, was überrascht Sie beim Blick auf die aktuelle Bundesliga-Tabelle am meisten?

Thomas Helmer: Hertha BSC.

bundesliga.de: Was ist mit dem FC Bayern? Platz 4 nach 21 Spieltagen...

Helmer: Das hat es schon öfter gegeben. Es ist eine beunruhigende Situation, aber keine dramatische für den FC Bayern. Das Programm der Rückrunde kommt ihnen generell entgegen. Gegen Ende der Saison haben sie noch zwei Heimspiele hintereinander. Deshalb haben sie auch noch eine realistische Chance auf den Titel.

bundesliga.de: Auch die Verantwortlichen des FC Bayern äußern sich zuversichtlich in Sachen Titelchancen. Wo liegen die Gründe, dass es bislang nicht nach Maß läuft?

Helmer: In den ersten Spielen war es so, dass sie sich sehr, sehr viele Möglichkeiten herausgearbeitet haben. Da hat sich wohl mancher gesagt: 'Okay, wir dominieren 60-70 Prozent des Spiels, aber treffen im Moment halt nicht. Aber es ändert sich auch wieder.' Vielleicht hat man sich ein bisschen zu sehr darauf verlassen, dass es irgendwann wieder besser wird und dann das Wichtigste im Fußball - die Defensive - ein wenig vernachlässigt.

bundesliga.de: Kann es sein, dass die Spieler nach dem fulminanten 5:1-Sieg im DFB-Pokal-Achtelfinale beim VfB Stuttgart etwas überheblich geworden sind? So nach dem Motto: Uns kann niemand schlagen?

Helmer: Es sieht zumindest so aus. Stuttgart ist ja schließlich auch kein leichter Gegner gewesen. Das sieht man aktuell auch. Sie halten sich in der Bundesliga sehr gut und haben auch noch im UEFA-Pokal gute Chancen. Andererseits muss man sagen, dass die Bayern in Hamburg nicht schlecht gespielt haben. Im Moment hat man den Eindruck, wenn es dem Gegner gelingt den Ribery zu kontrollieren oder generell die linke Seite, dass das schon fast 50 Prozent oder mehr ausmacht.

bundesliga.de: Die These, dass das Spiel der Bayern linkslastig ist, unterstreichen Sie also auch?

Helmer: Ja, in der Tat. Die linke Seite ist auf jeden Fall die stärkere Seite der Bayern.

bundesliga.de: Bastian Schweinsteiger konnte zuletzt kaum in die Breche springen, wenn es bei Ribery nicht wie gewohnt läuft. Warum?

Helmer: Bei Bastian Schweinsteiger darf man nicht vergessen, dass er immer noch ein junger Spieler ist. Auch wenn er schon viele Länderspiele absolviert hat und bereits lange beim FC Bayern ist, ist er noch lange nicht am Ende seiner Entwicklung. Das fehlt es einfach noch an der Erfahrung und der Reife.

bundesliga.de: Kritisiert wird er dennoch...

Helmer: Das wäre aber alles nicht so schlimm, wenn die Mannschaft an sich funktionieren würde - dann können auch kreative Spieler mal eine schwächere Partie haben. Es fällt wirklich extrem auf, wenn Ribery vom Gegner aus dem Spiel genommen wird. Da erwartet man von Bastian, dass er in die Lücke springt - das fehlt ihm momentan sicherlich. Man kann nicht sagen, dass er bisher eine gute Rückrunde spielt.

bundesliga.de: Fehlt ihm der Druck von der Bank?

Helmer: Das würde aber nicht nur auf Schweinsteiger zutreffen. Das trifft fast auf die gesamte erste Elf zu. Ich finde es auch im Angriff im Grunde fatal. Luca Toni braucht eigentlich nicht zu trainieren - wenn er fit ist, wird er auch spielen. Da ist nicht nur Mangel an Qualität zum Beispiel im Sturm, sondern auch an Quantität. Der Druck ist in vielen Mannschaftsteilen einfach gar nicht da.

bundesliga.de: Am Mittwoch gastiert der FC Bayern im Achtelfinal-Hinspiel der Champions League bei Sporting Lissabon. Können sich die Münchner in der aktuellen Form eine gute Ausgangslage für das Rückspiel erarbeiten?

Helmer: Das glaube ich auf jeden Fall, ja! Da habe ich nicht so große Sorgen, wie im Moment in der Bundesliga. In der Champions League haben sie bisher sehr gut gespielt. Daran werden sie sich auch erinnern.

bundesliga.de: Samstag gegen Köln war der Startschuss für die Bayern: Sieben Spiele in 22 Tagen. Da können die Münchener einiges gut machen, aber es kann auch in die andere Richtung gehen. Wie schätzen Sie das ein?

Helmer: In einer Zeitung stand, dass die Bayern vor "schlimme Wochen" stehen. Ich glaube nicht, dass es schlimme Wochen werden, sondern dass es wieder eher in die positive Richtung gehen wird, da ich die Aufgaben für diese Mannschaft als lösbar ansehe.

bundesliga.de: Was ist für die Münchner in der Champions League drin? Kann der ganz große Wurf gelingen?

Helmer: Dazu muss ich erstmal generell sagen, dass es da immer eine Chance gibt. Es sind ab dem Achtelfinale K.o.-Spiele, da kann man - wenn man an den zwei Tagen eine Top-Leistung bringt - jede Mannschaft schlagen. Auch die vermeintlichen starken Engländer, aber auch die Spanier und Italiener. Wenn sie gegen Sporting Lissabon weiterkommen, dann stehen die Chancen nicht schlecht - zumal sich in den anderen Duellen auch namhafte Gegner ausschalten werden.

bundesliga.de: Den Bayern bleibt keine Zeit zum Durchschnaufen. Am Sonntag steht bereits das Auswärtsspiel bei Werder Bremen an. Die Bayern stehen gehörig unter Druck…

Helmer: Ich glaube, dass die Bremer fast mehr Druck haben als die Bayern. Die Bayern werden am Sonntag nicht verlieren.

bundesliga.de: Beide Mannschaften haben ihre größten Schwächen eindeutig in der Defensive. Die Bremer haben bereits 34 Tore kassiert, die Bayern 30. Liegt es an der Spielweise oder am Personal?

Helmer: Bei den Bremern hat es auf jeden Fall auch etwas mit der Spielweise zu tun. Immer nach vorne ist zwar immer schön und gut - das finden ja auch alle toll. Diese Spielweise hat die Bremer zuletzt ja auch immer ausgezeichnet. Aber trotzdem: Es ist mir ein Rätsel, warum die Bremer dieses Problem, das man schon aus der Vorsaison kennt, nicht in den Griff bekommen - zumal mit Naldo und Mertesacker zwei gestandene Leute in der Innerverteidigung spielen.

bundesliga.de: Und bei Bayern?

Helmer: Bei Bayern ist es vielleicht auch so, dass die Spieler, die letzte Saison noch überragend waren, momentan einfach nicht die Form haben. Aufgrund der beiden defensiven Mittelfeldspieler vor der Abwehr sind die Bayern eigentlich so aufgestellt, dass man viele Gegentore verhindern könnte.

Das Gespräch führten Sven Becker und Fatih Demireli