Nicht nur für die User von bundesliga.de war Borussia Dortmund die Mannschaft der Hinrunde. Mit einer blutjungen Elf spielten sich die Westfalen in die Herzen der Fans und auf Rang fünf der Bundesliga.

Über Perspektiven, Potenzial und Probleme der Mannschaft sprach bundesliga.de.de kurz vor dem Rückrundenstart des BVB am Sonntag in Köln exklusiv mit Sportdirektor Michael Zorc.

bundesliga.de: Der BVB hat zum Ende der Hinrunde mit seiner sehr jungen Mannschaft die beeindruckende Serie von zehn Spielen ohne Niederlage hingelegt und dabei über weite Strecken guten Fußball gezeigt. Trauen Sie der Elf zu, dieses Niveau in der Rückrunde zu halten?

Zorc: Das hat zuletzt in der Tat alles gut funktioniert. Aber man darf auch nicht vergessen, dass wir einen außerordentlich schlechten Start im ersten Drittel der Hinrunde hatten - und da auch einige Fehler gemacht haben. Entscheidend wird sein, wie schnell wir jetzt unseren Rhythmus finden. Und da wir keinen aufgeblähten Kader haben, darf wie schon erwähnt wirklich nicht mehr viel passieren. Das Verletzungspech hat uns in der Hinrunde sehr getroffen - wenn man etwa überlegt, dass unser Kapitän Sebastian Kehl noch nicht eine einzige Minute gespielt hat oder dass mit Tamas Hajnal unser Top-Vorlagengeber der letzten Saison schon lange ausfällt. Aber zurzeit bin ich zuversichtlich, dass einige Spieler in den nächsten Wochen wieder zum Kader stoßen und dann den Konkurrenzkampf weiter anheizen.

bundesliga.de: Dieser Konkurrenzkampf hält auch Überraschungen bereit - zumindest hat Marcel Schmelzer dem etablierten Dede zurzeit den Rang abgelaufen.

Zorc: Marcel Schmelzer hat nicht erst seit zwei, drei Monaten diese Entwicklung genommen. Er hat sich komplett in der Liga und in der Mannschaft etabliert und ist ein echter Positivfaktor auf der linken Abwehrseite geworden. Auf den Konkurrenzkampf mit Dede auf dieser Position freue ich mich.

bundesliga.de: Könnte es anderen ehemals etablierten Spielern wie Hajnal oder auch Kehl bei Ihrer Rückkehr ähnlich ergehen wie Dede - dass sie von jungen Spielern verdrängt werden?

Zorc: Diese Unterscheidung machen wir nicht. Wir sehen den Kader als Ganzes und stellen ganz klar die Mannschaft in den Vordergrund. Jeder starke Spieler, der zurückkommt, hilft uns weiter - egal, ob jung oder etabliert.

bundesliga.de: Apropos starke Spieler: Sehen Sie Mats Hummels auch auf dem Weg zur WM in Südafrika?

Zorc: Er ist natürlich noch ein sehr junger Spieler. Aber von seiner Leistung her hat er es sicher verdient, in den Kreis der A-Nationalmannschaft aufzurücken. Das ist für mich nur eine Frage der Zeit.

bundesliga.de: Eine tolle Entwicklung hat auch Nuri Sahin genommen. Er trägt mit Ihrer alten Trikotnummer, der Acht, ja auch ein besonderes Erbe...

Zorc: Nuri ist nicht nur ein guter Fußballer. Er ist nach dem langen Ausfall von Sebastian Kehl auch in die Führungsrolle auf dem Platz ein wenig hineingerückt. Mit seinen spielerischen Fähigkeiten drückt er der Mannschaft trotz seines jungen Alters seinen Stempel auf. Er hat tatsächlich eine extrem positive Entwicklung genommen.

bundesliga.de: Sie haben Sebastian Kehl mehrfach angesprochen, der zurzeit in den USA trainiert. Haben Sie schon etwas von ihm gehört?

Zorc: Wir haben zuletzt am Tag seiner Abreise miteinander gesprochen. Ich denke, seine Entscheidung für den Aufenthalt in den USA war ein sehr guter und bewusster Schritt. Er kann dort noch intensiver trainieren. Wir hoffen, dass dies der entscheidende Schritt für ihn ist, bald auch wieder in das Mannschaftstraining einsteigen zu können.

bundesliga.de: Was wissen Sie aktuell über Mohamed Zidan, der trotz der Anschläge beim Afrika-Cup dort mit Ägypten im Einsatz ist?

Zorc: Wir haben noch vor einigen Tagen mit ihm telefoniert. Uns wurde versichert, dass die Ägypter räumlich weit entfernt von dem Ort des Anschlags ihr Quartier haben und die Lage dort sicher und unter Kontrolle sei.

bundesliga.de: Wie beurteilen Sie generell die Entwicklung rund um den Afrika-Cup?

Zorc: Für mich ist dieser Cup eh ein Unding. Er fällt mitten in den Spielplan der wichtigsten europäischen Ligen, dazu wird er alle zwei Jahre ausgetragen - aber das sind Entscheidungen, die alte Herren bei der FIFA treffen, die leider nicht wirklich täglich mit dem Sport zu tun haben.

bundesliga.de: Auch Zidan wird aufgrund des Afrika-Cups dem BVB einige Spiele fehlen. Wer soll ihn in der zentralen Rolle ersetzen - Nelson Valdez?

Zorc: Das wird der Trainer kurzfristig entscheiden. Aber Nelson hat das in den Vorbereitungsspielen und auch im Training gut gemacht. Das Beispiel zeigt aber einmal mehr, dass sich unsere Personallage in den letzten Wochen nicht entspannt hat.

bundesliga.de: Fehlt angesichts der engen Personallage auch ein bisschen der Konkurrenzdruck für die erste Elf?

Zorc: Diese Mannschaft macht sich den Druck selbst! Wir haben unter Jürgen Klopp in den drei Halbserien 29, 30 und 30 Punkte geholt, also konstant auf einem sehr hohen Niveau gespielt. Das traue ich der Mannschaft auch weiterhin zu, ohne dass draußen zehn hochkarätige Alternativen zur Verfügung stehen. Noch einmal: Es wird entscheidend sein, wie schnell wir in den Rhythmus finden, der uns in den letzten Wochen ausgezeichnet hat.

bundesliga.de: Wie schätzen Sie die Chancen am Sonntag in Köln ein?

Zorc: Natürlich ist es für beide Mannschaften enorm wichtig, erfolgreich in die Rückrunde zu starten. Köln steht in der Tabelle sicher nicht da, wo man sich am Anfang der Saison gerne gesehen hätte. Schlagen können wir jeden Gegner, das haben wir mit den Siegen in Wolfsburg und Hoffenheim bewiesen. Auf der anderen Seite haben wir auch zuhause gegen Mainz nur unentschieden gespielt. Wir werden auch gegen nicht so starke Mannschaften Probleme bekommen, wenn ein paar Prozent unserer Leistung fehlen.

bundesliga.de: Und welche Chancen sehen Sie, dass der BVB auch am Saisonende auf dem begehrten fünften Rang liegt? Ottmar Hitzfeld hat vor kurzem erklärt, er traue dem BVB sogar die "Sensationsmeisterschaft" zu.

Zorc (lacht): Das war wahrscheinlich eine nette humoristische Geste zum 100-jährigen Bestehen des Clubs. Ottmar Hitzfeld ist halt ein höflicher Mensch. Im Ernst: Wir sind in den letzten eineinhalb Jahren gut damit gefahren, zumindest keine Zielsetzung auszugeben, die sich konkret an einem Tabellenplatz orientiert. Natürlich haben wir das Ziel, attraktiven und aggressiven Fußball zu spielen - gerade hier in Dortmund. Das hat die Mannschaft zum Großteil in den letzten Monaten umgesetzt. Setzt sie das fort, werden sich die Ergebnisse von alleine einstellen.


Das Gespräch führte Dietmar Nolte.