Bremen - Es hätte ein trüber und trister Herbstsonntag an der Weser werden können. Dabei hatte der SV Werder Bremen wieder einmal zur Fanclub-Weihnachtsfeier ins Weser-Stadion geladen. Viele Teilnehmer hatten sich im Vorfeld dafür wohl schon auf einen wirklich eher besinnlichen ersten Advent mit den Spielern und Verantwortlichen eingestellt.

Doch das Team um Trainer Viktor Skripnik sorgte mit dem 4:0 gegen den SC Paderborn am Vortag dafür, dass es ein fröhliches, lustiges Fest wurde, mit bestens aufgelegten Stars und Idolen zum Anfassen. Schließlich hatten die Grün-Weißen mit dem Dreier erstmals seit dem 5. Spieltag wieder die Abstiegsränge verlassen.

Im Mittelpunkt des Interesses standen dabei die jungen Wilden, die bei der Gala am Samstag gegen den SCP alle in Verzückung versetzt haben: Davie Selke, Levent Aycicek und Janek Sternberg.

Aycicek trifft und singt

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Schon nach dem Schlusspfiff wurde Aycicek, der mit einem fulminanten Schuss für den Endstand sorgte, von den Treuesten der Treuen zur Gesangseinlage auf den Zaun der Ostkurve gerufen. "Ich habe als Fan früher Tim Wiese auf den Zaun klettern sehen, heute stand ich selber drauf. Ich hatte zuerst etwas Muffensausen, habe mich aber sehr geehrt gefühlt", meinte der kleine Spielmacher, der unter dem vorherigen Trainer Robin Dutt nur zu einem Kurzeinsatz von 19 Minuten kam, nach der Aktion.

Scherzhaft kommentierte Selke den Auftritt seines Freundes: "Levent kann super singen, das macht er auch gerne unter der Dusche. Deswegen haben sie den richtigen ausgesucht.“

Auch Selke stand nach langer Zeit wieder einmal in der Startelf und bedankte sich für das Vertrauen des Trainers mit dem Treffer zum 2:0 - seinem ersten Bundesliga-Tor vor heimischer Kulissse - und einer insgesamt famosen Leistung. Er machte damit das verletzungsbedingte Fehlen von Torjäger Franco di Santo vergessen und freute sich über das "Nachwuchs“-Konzept.

"Schönes Gefühl für uns junge Spieler"

"Es ist ein schönes Gefühl für uns junge Spieler. Viktor Skripnik gibt jedem eine reelle Chance. Das zeigt ja, dass Werder eine tolle Jugendarbeit macht. Aber wir wissen alle, dass es nur ein Spiel war und wir uns jeden Tag so präsentieren müssen“, meinte Selke, der die U-19-Nationalmannschaft im Sommer fast im Alleingang zur Europameisterschaft schoss.

Eine einfache Erklärung für den Erfolg im Zusammenspiel mit Aycicek oder auch Janek Sternberg hatte er auch parat: "Uns hat es natürlich geholfen, dass wir uns alle aus der U 23 kennen. Wir kennen unsere Laufwege, wissen genau, wann der andere den Ball spielt.“

Sternberg bekam überraschend den Vorzug vor den arrivierten Kräften, um den gesperrten Santiago Garcia auf der linken Seite der Viererkette zu verrichten. Und der 22-Jährige zeigte von Beginn an keine Scheu. "Als der Trainer mir sagte, dass ich spiele, war mein Puls von keinem Gerät dieser Welt mehr zu messen. Dafür beginnt man Fußball zu spielen, um irgendwann einmal in der Bundesliga aufzulaufen. Für mich ist ein Traum in Erfüllung gegangen“, gab Sternberg zu Protokoll.

Skripnik und die Youngster

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Für den Trainer war die Nominierung der vielen Youngster nichts Besonderes und auch kein meisterlicher Griff in die Trickkiste. "Irgendwann muss man die jungen Spieler auch mal ins kalte Wasser schmeißen und gucken, ob sie schwimmen können. Gegen Paderborn war eine gute Gelegenheit dafür und sie haben es alle sehr gut gemacht", so Skripnik.

Sportchef Thomas Eichin pflichtete dem Urkainer bei und zeichnete gleichzeitig den Weg für weitere Auftritte hoffnungsvoller Talente vor. "Ich denke nicht, dass Victor damit ein allzu großes Risiko eingegangen ist. Er kennt die Fähigkeiten der jungen Spieler. Das war ein Grund, warum wir uns für ihn als Cheftrainer entschieden haben. Wir befinden uns auf einem alternativlosen Weg. Wir müssen den jungen Spielern auch in wichtigen Partien vertrauen“, sagte er.

Ob dieser Weg schon am kommenden Sonntag zum Abschluss des 14. Spieltages in Frankfurt eine Fortsetzung findet, wird sich zeigen. Mit einem erneuten Sieg stünde einer neuerlichen Adventsfeier aber nichts im Wege.

Michael Reis