Nürnberg - Beim 5:0-Sieg des 1. FC Nürnberg gegen den FC St. Pauli hat ein Mann gleich vier Mal getroffen, dem zuvor in 22 Begegnungen nur zwei Tore gelungen waren.

Mit den Fußballweisheiten ist das so eine Sache. Manche sind in Stein, andere in Sand gemeißelt. So mag es zwar streng genommen stimmen, dass ein Spiel 90 Minuten dauert. Doch wenn ein Match bereits nach 17 Minuten 3:0 steht, ist "das Spiel" de facto schon vorher "durch", wie St. Paulis Trainer Holger Stanislawski nach der bitteren 0:5-Niederlage seine Teams zu Protokoll gab: "Für uns war das Spiel nach wenigen Minuten gelaufen."

Eigler mit Viererpack

In der Tat folgten nach dem frühen Nürnberger Tor von Philipp Wollscheid (3.) gleich noch vier weitere Treffer (14./17./86./87.) Und für alle vier war der gleiche Spieler verantwortlich. Christian Eigler, der überhaupt nur ins Sturmzentrum gerückt war, weil Julian Schieber noch fünf Wochen verletzt ausfallen wird, war der Mann des Tages an diesem sonnigen Frühlingsnachmittag.

Eiglers Trainer lobte den Fließband-Schützen nach dem Spiel natürlich auch für seine Treffsicherheit. Primär wollte er ihn aber als "sehr mannschaftsdienlichen Spieler" gewürdigt wissen.

Führung diszipliniert verwaltet

Überhaupt gelingt es Dieter Hecking in dieser Saison ja fast wöchentlich, irgendeinen Spieler auf die Bühne zu schieben, dem die Beobachter vor der Saison eher eine Nebenrolle zugetraut hätten.

Der "Club" zeigte dabei nicht nur in seiner torreichen Drangphase, dass er als Team einen Riesenschritt nach vorne gemacht hat. Er verhielt sich auch nach der frühen 3:0-Führung taktisch ungeheuer diszipliniert und behielt die Spielkontrolle, ohne jugendlich leichtsinnig nach vorne zu stürmen. Die biederen Gäste kamen so erst gar nicht auf die Idee, irgendwelche Lücken für eigene Konter nutzen zu wollen.

Comeback von Gündogan

Philipp Wollscheid, der seit Wochen in bestechender Form ist und seinen ersten Ligatreffer erzielte, freute sich: "Wenn man 5:0 gewinnt, macht das einfach Spaß", sagte der Innenverteidiger: "Das wollen wir erstmal genießen, so oft gewinnt man in der Höhe nicht in der Bundesliga."

Und Ilkay Gündogan, der nach langer Verletzungspause ab der 65. Minute sein erstes Pflichtspiel im Jahr 2011 bestreiten durfte, fühlte sich angesichts des Ergebnisses gar "wie bei meinem ersten Bundesligaspiel überhaupt". Sein Coach wollte sich hingegen nur einen kurzen Moment des Überschwangs gönnen: "Das war ein sehr schöner Samstagnachmittag. Mich macht stolz, wie die Mannschaft auftritt und sich auch von Verletzungen, wie zuletzt von Schieber, nicht aus der Spur bringen lässt."

"Ich habe keine Europakarte"

"Die Jungs merken, dass wir einen Plan in der Tasche haben", wurde Hecking gleich wieder nüchtern: "Wenn es schlechter läuft, brauchen sie uns, im Moment brauchen sie uns nicht." Der "Plan", von dem Hecking sprach, sieht jetzt erst mal jede Menge Bescheidenheit vor. Hecking und Manager Martin Bader haben durchaus registriert, dass die Nürnberger Fans nach der deutlichen Führung gut eine Stunde lang vom "Europapokal" sangen, den man bald erreichen werde.

Weshalb Hecking auch nach dem Schlusspfiff alle Mühe hatte, die mächtig aufkeimende Euphorie im Fränkischen zu bremsen. "Klar dürfen die Fans träumen. Aber ich habe keine Europakarte, wohl aber eine von Niedersachsen. Wolfsburg finde ich also, und da spielen wir in der kommenden Woche."

Aus Nürnberg berichtet Christoph Ruf