Köln - Jede der nun sieben deutschen Meisterschaften von Borussia Dortmund, vier seit Einführung der Bundesliga, kennt ihre ganz eigenen Helden und Geschichten. Das Besondere an der dritten Meisterschaft für den BVB im Jahr 1963 war, dass sie im letzten Endspiel vor der Einführung der Bundesliga erkämpft wurde.

Eine große Stütze der damaligen Meisterelf war Wolfgang "Stopper" Paul. Der heute 71-Jährige hat mit bundesliga.de über die Dortmunder Meisterschaft 1963, die Anfänge der Bundesliga und die aktuelle Mannschaft des BVB gesprochen.

bundesliga.de: Herr Paul, Sie sind als Vorsitzender des Ältestenrates von Borussia Dortmund dem Club immer noch eng verbunden. Wie haben Sie die Entscheidung im Meisterkampf verfolgt?

Wolfgang Paul: Wie bei allen Heimspielen der Borussia war ich mit vielen alten Weggefährten und Mitgliedern des Ältestenrates im Stadion und habe die Mannschaft unterstützt. Mit Wilhelm Burgsmüller, Alfred Schmidt, Dieter Kurrat, Helmut Bracht, Theodor Redder und Siggi Held haben wir dann nach dem Spiel noch lange zusammengesessen und den Moment genossen.

bundesliga.de: Bis auf Siggi Held alles Mitglieder der Meisterelf von 1963. Wie beurteilen die Sieger von damals denn die jetzige Mannschaft?

Paul: Die Jungs von Jürgen Klopp haben wirklich Außergewöhnliches geleistet und das ganze Land mit ihrem Erfolg überrascht. Was mich besonders beindruckt hat, war die Konstanz, mit der sie praktisch die ganze Saison dominiert haben. Das ist schon große Klasse.

bundesliga.de: Das Stichwort 1963 ist schon gefallen. Sie waren damals der Abwehrchef im letzten Endspiel um die deutsche Meisterschaft, bevor die Bundesliga eingeführt wurde. Gibt es Parallelen zu der diesjährigen Meisterschaft?

Paul: Das waren natürlich ganz andere Zeiten. Aber was damals unsere Stärke war, zeichnet auch die aktuelle Dortmunder Mannschaft aus: großer Zusammenhalt. Ansonsten hat sich das Fußballgeschäft sehr gewandelt. Als ich 1961 von Schwerte zum BVB gewechselt bin, habe ich 500 DM im Monat verdient.

bundesliga.de: Sie waren dann bis 1970 im Verein. Wie lief denn Ihre Dortmunder Anfangszeit als junger Spieler?

Paul: Max Merkel (damaliger Dortmunder Trainer, Anmerk. d. Red.) holte mich zur Borussia. Zuvor hatte ich bereits für die Westfalen- sowie die Bundeswehrauswahl gespielt und war mit dem VfL Schwerte zwei Mal hintereinander aufgestiegen. Damals war ich noch Halbstürmer und kein Abwehrspieler.

bundesliga.de: Und Merkel schulte Sie dann um?

Paul: Merkel wechselte zur Saison 1961/62 zu 1860 München. Mein Trainer war dann Hermann Eppenhoff. Der BVB brauchte damals einen Mittelläufer - heute würde man sagen zentralen Verteidiger. Eppenhoff war überzeugt, dass ich aufgrund meiner körperlichen Voraussetzungen und Zweikampfhärte diese Position spielen könnte. Er brachte mich dann auch direkt im ersten Meisterschaftsspiel 1961/62.

bundesliga.de: Wie lief es auf der neuen Position?

Paul: Naja, wir spielten bei Westfalia Herne und verloren mit 0:4. Ein gewisser Gerhard Clement schoss damals zwei Tore und war leider mein Gegenspieler. Die nächsten Spiele durfte ich dann erst einmal zugucken. Ohne mich lief es allerdings auch nicht wirklich besser und nachdem wir am 7. Spieltag zuhause gegen Oberhausen verloren, war ich wieder in der Mannschaft.

bundesliga.de: 1961/62 wurden Sie mit Dortmund Achter in der Oberliga West. Mit welchen Erwartungen gingen Sie in die nächste Saison?

Paul: Das hört sich vielleicht blöd an, aber was die Trainer heute immer predigen, haben wir gemacht: Wir haben nur von Spiel zu Spiel gedacht und wollten einfach so viele Partien wie möglich gewinnen. Irgendwann merkten wir dann, dass es klappen könnte mit der Qualifikation für die Endrunde. Allein das war schon ein großer Ansporn. (Vor Einführung der Bundesliga wurde in fünf Oberligen gespielt. Die besten Mannschaften qualifizierten sich für die Endrunde mit zehn Mannschaften in zwei Gruppen. Die Gruppensieger bestritten das Endspiel, Anmerk. d. Red.)

bundesliga.de: In Ihrer Endrundengruppe setzten Sie sich gegenüber 1860 München, Borussia Neunkirchen und dem Hamburger SV durch und standen im Endspiel gegen den 1. FC Köln. Die Kölner hatten die Oberliga West gewonnen, Sie waren Zweiter geworden. Waren die Domstädter leicht favorisiert?

Paul: Leicht? Die Kölner waren der ganz klare Favorit vor diesem Spiel und so haben sie sich auch gefühlt. Vom ganzen Auftreten her war in Köln damals alles etwas professioneller als bei uns. Die liefen schon in schicken Club-Anzügen herum, da waren wir in Dortmund noch gar nicht auf die Idee gekommen.

bundesliga.de: Wie lief die Zeit vor dem Endspiel in Stuttgart ab?

Paul: Wir hatten eine prima Vorbereitung auf dieses Endspiel, was auch damit zusammenhing, dass wir in einem ganz tollen Hotel mit eigenem Swimming-Pool untergebracht waren. Heute hört sich das vielleicht albern an, aber für uns war es damals etwas Besonderes. Zudem war es das letzte Spiel für unseren "Charly" Schütz, bevor er als einer der Ersten nach Italien ging. Wir Mitspieler haben ständig versucht umzurechnen, wie viel er in der nächsten Saison verdienen würde. Mit Lire war das ja nicht so leicht.

bundesliga.de: Gab es da Neid innerhalb der Mannschaft?

Paul: Überhaupt nicht. Charly hatte sich das mit seinen Leistungen absolut verdient. Neid gab es in dieser Dortmunder Mannschaft sowieso nicht. Wir kamen alle aus der Region und hielten zusammen.

bundesliga.de: 75.000 Zuschauer verfolgten dann am 29. Juni1963 das Finale in Stuttgart. Wie sind Ihre Erinnerungen an dieses Spiel?

Paul: Die Kulisse war natürlich sensationell. Die Zuschauer waren gleichmäßig zwischen Dortmundern und Kölnern aufgeteilt. Es war unglaublich heiß an diesem Tag und Wechseln durfte man damals noch nicht. Wir waren sicherlich auch nicht so gut trainiert wie die Profis heute. Uns war bewusst, dass es ein sehr anstrengendes Spiel werden würde. Die Kölner waren der Favorit, aber an diesem Tag haben wir gezeigt, wer die bessere Mannschaft war. Dieter Kurrat, Reinhold Wosab und Aki Schmidt hatten uns schon mit 3:0 in Führung gebracht, ehe Schnellinger den 3:1-Endstand herstellte.

bundesliga.de: Die Jubelszenen aus dem Signal Iduna Park sind ja noch allgegenwärtig. Wie haben Sie damals den Titel gefeiert?

Paul: Es war vielleicht nicht alles so durchorganisiert, aber wir haben uns natürlich genauso gefreut. Damals war es noch gang und gäbe, dass die Fans aufs Spielfeld liefen und gemeinsam mit der Mannschaft feierten. Danach verbrachten wir noch einen wunderschönen Abend im Hotel, bevor es zurück nach Dortmund ging.

bundesliga.de: Wie wurden Sie dort empfangen

Paul: Es war einfach unglaublich! Die ganze Stadt war in schwarz-gelb gewandet und auf den Beinen. Es war ein überwältigendes Gefühl.

bundesliga.de: In der nächsten Saison wurde der Deutsche Meister zum ersten Mal in der Bundesliga ausgespielt. Wie wurde diese Umstellung bei den Spielern aufgenommen?

Paul: Wir haben uns alle wahnsinnig auf die Bundesliga gefreut. Zum einen waren wir jetzt offiziell Profis und verdienten mindestens 1.200 DM im Monat. Zum Anderen - und das wog wesentlich schwerer - hatten wir nun jede Woche die Möglichkeit, uns mit den besten Spielern des Landes zu messen. Qualitativ war das ein Riesensprung. Jetzt fuhr man nicht mehr nach Herne, Hamborn oder zu Viktoria Köln, sondern nach Hamburg, Bremen oder München.

bundesliga.de: Hat sich das auch in der täglichen Arbeit bemerkbar gemacht?

Paul: Sicherlich. Die Trainingslehre war damals nicht so ausgefeilt wie heute und die Trainer dachten: "Ihr seid Profis, also müsst Ihr zwei Mal am Tag rennen." Am Wochenende waren wir dann oft platt.

bundesliga.de: 1966 holten sie als erste deutsche Mannschaft einen Europapokal. Trauen Sie der aktuellen Dortmunder Mannschaft zu, international ähnlich für Furore zu sorgen?

Paul: Zunächst einmal darf man nicht den Fehler machen und denken, dass die Entwicklung der Jungs jetzt einfach immer so weiter geht. Es wird sicherlich auch einmal das eine oder andere Leistungsloch geben. Generell traue ich dieser Mannschaft aber einiges zu und denke, dass sie, wenn vielleicht noch ein oder zwei passende Spieler geholt werden, auch in der Champions League eine gute Rolle spielen kann. Es muss ja nicht direkt der Titel sein.

Das Gespräch führte Florian Reinecke