Fredi Bobic ist ein Mann, der Herausforderungen liebt. Im März hat er die wohl größte seines bisherigen Lebens angenommen. Er wurde Geschäftsführer beim bulgarischen Erstligisten Chernomorets Burgas. Doch selbst in der Balkanrepublik ist die Bundesliga immer ein Thema.

So ist es nicht verwunderlich, dass Bobic voll im Bilde ist, was das Trainer- und Spielerkarussell der Bundesliga angeht. Mit bundesliga.de spricht er über das Geschehen auf dem deutschen Markt, seinen Freund Zvonimir Soldo, den deutschen Nachwuchs und die Bärenaufgabe Burgas.

bundesliga.de: Herr Bobic, was sagen Sie zum großen Trainerkarussell in der Bundesliga?

Fredi Bobic: Es ist schon außergewöhnlich, dass so viele Trainer am Ende der Saison ihren Arbeitsplatz verlieren oder auch freiwillig gehen, weil sie woanders bessere Optionen sehen. Es ist ungewöhnlich, dass nicht nur in der Bundesliga, sondern auch in der 2. Bundesliga so viele Plätze zu vergeben waren. Es hat also eine große Rotation stattgefunden. Es ist spannend zu sehen, dass es auch auf der Position des Trainers einen so unheimlichen Wechselkurs gibt.

bundesliga.de: Meist wechseln die Clubs den Trainer, die weniger erfolgreich waren. Doch nun haben sich im zweiten Jahr in Folge drei der Top-Fünf der abgelaufenen Saison einen neuen Trainer geholt/holen müssen. Wie erklären Sie sich das? Wird das Trainergeschäft immer kurzlebiger?

Bobic: Das auf jeden Fall. Natürlich hängt das Trainerdasein immer mit dem Erfolg einer Mannschaft zusammen. Dem widerspricht natürlich die Tatsache, dass drei der fünf besten Clubs einen neuen Trainer haben. Aber bei Jupp Heynckes war ja von vornherein klar, dass er den Job nur kurzfristig machen würde. Bei Martin Jol war man sehr überrascht, dass er eine für ihn offensichtlich bessere Lösung in Amsterdam gefunden hat. Womöglich gab es da auch Unstimmigkeiten. Felix Magath hat aus seinen zwei Jahren in Wolfsburg das Optimale herausgeholt. Nun will er halt mit Schalke die Meisterschaft holen. Alles in allem ist die Situation mit den vielen Trainerwechseln außergewöhnlich, ungewöhnlich. Aber davon lebt die Bundesliga. Und dadurch bleibt die Liga auch interessant.

bundesliga.de: Als letzter Club kam Köln zu seinem Trainer. Zvonimir Soldo ist es geworden. Hat Sie die Ernennung Ihres jahrelangen Mitspielers beim VfB Stuttgart überrascht?

Bobic: Mich hat die Ernennung gefreut. Nicht überrascht, aber gefreut. Er war ja schon frühzeitig in der Verlosung für den Trainerposten in Köln. Ich bin mir sicher, dass er sehr gut aufgetreten ist, weshalb er den Job auch bekommen hat. Sicherlich hat er klare Ansagen gemacht. Ich habe noch vor einem Monat mit ihm gespielt. Wir sind ständig telefonisch in Kontakt. Ich weiß, wie er über Fußball denkt. Ich weiß, wie akribisch er arbeitet. So war er als Fußballer selbst auch. Ich freue mich für ihn und für den 1. FC Köln, dass der Club die Chance genutzt hat, etwas Neues auszuprobieren. Sie geben einem jungen Trainer einer neuen Generation die Chance, sich zu beweisen. Ich hoffe, dass er sich nicht in dem "Kölschen Klüngel" verirrt, sondern Erfolg hat.

bundesliga.de: Dennoch hat sich Köln nach dem erfahrenen Daum einen sehr unerfahrenen Trainer geholt. Geht der FC damit auch ein gewisses Risiko ein?

Bobic: Zvonimir war auch im Ausland unterwegs. Er hat Dinamo Zagreb zur Meisterschaft und zum Pokalsieg geführt. Er hat also schon in seiner ersten Station großen Erfolg gehabt. Ich sehe ihn nicht als unerfahren an, dafür war er lange genug auch ein Weltklassespieler. Seine Erfahrungen werden die Kölner Mannschaft weiterbringen. Die ist ja auch eine Multikulti-Truppe und Zvonimir spricht mehrere Sprachen. Das passt sehr gut.

bundesliga.de: Auch in punkto Spieler hat sich viel getan seit Saisonende. Ist die Bundesliga wieder interessanter für ausländische Spieler geworden?

Bobic: Die Bundesliga ist immer interessant für ausländische Spieler. Man sieht, wie das Produkt verkauft wird. Man sieht die vollen Stadien. Man sieht die modernen Arenen. Jeder kann jeden schlagen, was für ein großes Gleichgewicht in der Liga spricht. Man weiß, die Gehälter kommen pünktlich und die Strukturen innerhalb der Vereine stimmen auch. Das ist für viele Spieler interessant. Ich merke das jetzt, wo ich in Bulgariern arbeite. Viele wollen unbedingt in die Bundesliga. Viele der Megastars gehen jedoch nicht nach Deutschland, wohl einfach, weil sie anderswo mehr verdienen können.

bundesliga.de: Fünf Spieler hat bundesliga.de benannt, die die kommenden Stars in der Bundesliga werden können. Marko Marin, Benedikt Höwedes, Sami Khedira, Julian Schuster und Caio. Denken Sie auch, dass dieses Quintett in Zukunft für viel Aufmerksamkeit sorgen kann?

Bobic: Auf jeden Fall. Sami Khedira sehe ich absolut als einen der kommenden Stars der Bundesliga. Er hat eine starke Saison gespielt und besitzt unheimlich großes Potenzial. Ich bin vollkommen überzeugt davon, dass er eine feste Größe in der Nationalmannschaft spielen wird. Caio hat keinen guten Start in seine Bundesliga-Laufbahn gehabt. Er hat sich schwer getan, reinzufinden. Doch in letzter Zeit habe ich tolle Sachen gesehen. Er hat eine Wahnsinns-Qualität. Der wird den Frankfurtern noch viel Freude machen. Höwedes ist auch ein junger, aufstrebender Spieler. Wenn er die Schule unter Felix Magath richtig annimmt, dann kann er viel erreichen. Es steckt unheimlich großes Potenzial in ihm. Marin ist ja schon ein kleiner Star in der Bundesliga. Er muss jetzt den nächsten Schritt machen. Mit der Art und Weise, wie er Fußball spielt, hat er von den fünf Genannten das größte Starpotenzial. Schuster gehört zu einer Gruppe von talentierten Freiburgern. Ich denke, auch er hat große Möglichkeiten, sich zu entwickeln. Aber er kommt aus der 2. Bundesliga und ich würde ihm jetzt noch nicht diesen großen Schuh anziehen wollen.

bundesliga.de: Vier der fünf sind deutsch, drei von ihnen spielen aktuell bei der U21-Europameisterschaft. Wie steht es Ihrer Meinung nach um den deutschen Nachwuchs im allgemeinen?

Bobic: Insgesamt gut. Man sieht s aktuell ja auch bei der U21. Ich hoffe, dass sie die EM erfolgreich bestreiten können. Das Spiel gegen Spanien hat mir unheimlich gut gefallen. Der deutsche Nachwuchs ist im Kommen. In den vergangenen zwei, drei Jahren haben die jungen DFB-Teams sehr erfolgreich abgeschnitten. Aber man darf sich nicht zurücklehnen. Was mir noch fehlt, sind diese großen Spielerpersönlichkeiten. Mir kommen die Nachwuchstalente zu gleich vor. Es fehlen die Typen, die auch mal ganz verrückte Dinge machen. Von der Qualität her - auch im internationalen Vergleich - müssen wir uns nicht mehr verstecken. Das ist auch gut für die A-Nationalmannschaft, zumal die jungen Burschen heutzutage schon früh die Chance bekommen, für diese zu spielen. Aber man muss geduldig sein und darf nicht nur auf die Erfolge schauen, sondern auf die Entwicklung jedes einzelnen Spielers. Fußball spielen können sie alle. Entscheidend ist, ob sie vom Kopf her das Zeug dazu haben.

bundesliga.de: Sie selbst arbeiten seit einigen Monaten als Geschäftsführer in Bulgarien bei Chernomorets Burgas. Wie fällt Ihr Saisonfazit und Ihr persönliches Fazit aus?

Bobic: Das Fazit fällt sehr positiv aus. Wir haben uns in der Rückrunde unheimlich stabilisiert und nach vorne gerabeitet. Wir sind auf Platz 7 gelandet. Krassimir Balakov hat einen fantastischen Job gemacht. Er hat das Optimum aus der Truppe rausgeholt. Wir bauen die Mannschaft jetzt um, wollen uns verstärken und werden uns dazu sicher auch auf dem deutschen Markt bedienen. Wir werden versuchen, nächste Saison weiter vorne anzugreifen, um vielleicht schon in der Europa-Liga spielen zu können. Für mich persönlich gilt es, die Sturkturen des Vereins auf hohes europäisches Niveau zu trimmen, die Abteilungen zu optimieren. Alle Erfahrungen, die ich in Deutschland erlebt habe, auch meine Zeit, die ich bei der DFL verbracht habe, lasse ich einfließen. Wir bauen zudem ein großes Trainingszentrum. Und wenn dieser Campus am Jahresende steht, dann beginnt eine neue Zeitrechnung in Bulgarien. Denn dann haben wir Möglichkeiten, die die Konkurrenz wohl erst in vier, fünf Jahren haben wird. Es gibt viel zu tun. Es ist eine sensationelle Erfahrung.

bundesliga.de: Können Sie sich vorstellen, längerfristig in Burgas zu bleiben?

Bobic: Mit Sicherheit. Aber ich bin noch oft in Deutschland. Ich pendel sehr viel, schaue mir Spiele und Spieler an, treffe mich mit Firmen, die hier investieren wollen. Hier entsteht ein neues Stadion mit Shoppingmeile. Das wird ein riesiger Komplex. Es entsteht ein neues Zentrum in der Stadt. Für bulgarische Verhältnisse ist das alles Neuland, fast eine kleine Revolution. Das ist eine unheimlich große Aufgabe, auf die ich mich sehr freue.

Das Gespräch führte Sebastian Stolz