Köln - Borussia Dortmund oder Bayer Leverkusen - dieses enge Duell im Kampf um die Deutsche Meisterschaft hat es vor neun Jahren schon einmal gegeben. Damals bog Bayer Leverkusen mit scheinbar komfortablem Fünf-Punkte-Vorsprung auf die Zielgerade ein. Die Meisterschale schnappten sich aber der BVB und Christian Wörns.

Im Gespräch mit bundesliga.de schaut der heute 38-Jährige, der sowohl für Bayer als auch die Borussia jeweils mehr als 200 Bundesliga-Spiele bestritten hat, auf die damalige Entscheidung zurück: "Plötzlich waren es nur noch zwei Punkte und wir dachten: 'Wer so seine Spiele gewinnt, der kann auch Meister werden.'"

bundesliga.de: Herr Wörns, Borussia Dortmund liegt mit 66 Punkten an der Spitze, Leverkusen mit 61 auf Platz 2. Kommt Ihnen diese Konstellation irgendwie bekannt vor

Christian Wörns: Sie spielen sicherlich auf den Meisterkampf 2002 an, als wir mit Dortmund in einer ähnlichen Situation waren wie Leverkusen heute. Damals hatten wir 61 und Leverkusen 66 Punkte, aber trotzdem ist die Situation nicht 1:1 zu vergleichen.

bundesliga.de: Inwiefern?

Wörns: Zunächst einmal waren damals nur noch drei und nicht fünf Spiele zu absolvieren. Außerdem mussten wir aufpassen, dass wir die Champions League nicht mehr verspielen. Schalke auf Platz 5 war nur drei Punkte hinter uns. Alles war viel enger beisammen als heute. Leverkusen wird sicherlich den 2. Platz nicht mehr abgeben.

bundesliga.de: Kann es ein Vorteil für die "Werkself" sein, dass sie nicht mehr so sehr nach hinten schauen müssen?

Wörns: Natürlich kann man sagen, dass Bayer nichts zu verlieren hat und befreit aufspielen kann. Aber ob das wirklich ein Vorteil ist, weiß man immer erst hinterher. Wir hatten damals ganz klar die Einstellung, dass wir zunächst einmal Platz 2 verteidigen wollten. Die Champions League war das Wichtigste. Das war auch vom Club als Saisonziel vorgegeben.

bundesliga.de: An die Meisterschaft haben Sie damals nicht gedacht?

Wörns: Selbstverständlich schielt man mit einem Auge auch immer nach oben, aber wir hatten es selber ja nicht in der Hand. Wir mussten unsere Spiele gewinnen, darauf lag unser Augenmerk.

bundesliga.de: Wann kam der Zeitpunkt, an dem Sie merkten: "Es geht doch noch was in Richtung Meisterschaft, Leverkusen schwächelt"?

Wörns: Am 32. Spieltag verlor Bayer zuhause gegen Bremen. Das war überraschend. Gleichzeitig taten wir uns gegen den Vorletzten Köln sehr schwer. Kurz vor Schluss bekamen wir beim Stande von 1:1 einen etwas glücklichen Elfmeter zugesprochen, den Marcio Amoroso sicher verwandelte. Plötzlich waren es nur noch zwei Punkte und wir dachten: "Wer so seine Spiele gewinnt, der kann auch Meister werden."

bundesliga.de: Vor dem letzten Spieltag waren Sie dann Tabellenführer und mussten "nur" Ihr Spiel gegen Werder Bremen gewinnen. Wie geht man mit diesem Druck um?

Wörns: Wir waren absolut fokussiert auf dieses Spiel. Mathias Sammer (der damalige Dortmunder Trainer, Anm. d. Red.) und unser Kapitän Stefan Reuter bemühten außerdem die Historie: Immer wenn der BVB in einer ähnlichen Situation war, hat er auch gewonnen.

bundesliga.de: Stimmt das?

Wörns:(lacht) Das wurde uns zumindest damals erzählt. Nachgeprüft habe ich das nie. Es sollte uns vor dem Spiel etwas beruhigen und das hat auch geklappt.

bundesliga.de: 2002 gewann der "Jäger" die Meisterschaft. Wie sehen sie die Chancen in dieser Saison verteilt?

Wörns: Ich gehe ganz klar davon aus, dass die Borussia es packt. Sie spielen einen tollen Fußball und werden dran bleiben. Darüber hinaus haben sie mit der deutlich besseren Tordifferenz (+41 für den BVB, +24 für Leverkusen, Anm. d. Red.) noch einen weiteren Vorteil.

bundesliga.de: Leverkusen hat seit dem 19. Spieltag bereits acht Punkte auf den BVB aufgeholt. Meinen Sie nicht, dass es bei den Dortmundern nun zum großen Nervenflattern kommen könnte, weil man zwischendurch schon einmal 13 Punkte vor Bayer stand?

Wörns: Den Eindruck habe ich überhaupt nicht. Dass die Dortmunder nicht alles gewinnen können, war eigentlich klar. Sie haben ihre Punkte nicht liegen gelassen, weil sie zu wenig in ein Spiel investiert haben oder überheblich waren. Das wäre bedenklich. Sie werden weiter arbeiten und ihre Punkte holen.

bundesliga.de: 2002 war es spannend bis zum letzten Spieltag. Erleben wir auch in dieser Saison wieder ein Herzschlagfinale?

Wörns: Sicherlich kann es bis zum Schluss spannend bleiben, aber eigentlich gehe ich davon aus, dass die Dortmunder es früher schaffen. Die Meisterschaft kann sich schon am Sonntag entscheiden, wenn Leverkusen nicht bei den Bayern gewinnt und Dortmund zuhause Freiburg schlägt.

Das Gespräch führte Florian Reinecke