Leverkusen/Köln - Bayer Leverkusen darf wieder vom Titel träumen. Vor dem 30. Spieltag beträgt der Rückstand des Tabellenzweiten auf Spitzenreiter Borussia Dortmund nur noch fünf Punkte.

Um den BVB weiter unter Druck zu setzen, muss die "Werkself" am Sonntag beim FC Bayern München möglichst dreifach punkten. bundesliga.de sprach vor dem brisanten Duell in der Münchner Allianz Arena mit Ex-Bayer-Star Ulf Kirsten.

bundesliga.de: Herr Kirsten, am Sonntag steht das Spiel zwischen Bayern München und Bayer Leverkusen an. Was dürfen die Fans erwarten?

Ulf Kirsten: Zwei absolute Spitzenteams treffen aufeinander, die mit zahlreichen Nationalspielern besetzt sind. Auch der Tabellenstand - der Vierte gegen den Zweiten - macht die Partie natürlich attraktiv. Von den Vorzeichen sieht es auch so aus, dass wir mal langsam wieder an der Reihe wären, in München mal wieder zu gewinnen.

bundesliga.de: Welcher der beiden Clubs hat denn den größeren Druck?

Ulf Kirsten: Ich denke, dass die Bayern den größeren Druck haben, erstens, weil sie zuhause spielen und zweitens, weil sie die Chance wahren müssen, in die Champions League zu kommen. Wir haben mit dem 2. Platz eigentlich schon viel erreicht. Wir schielen mit einem Auge zwar noch auf die Meisterschaft, aber da sind wir von den Dortmunder Ergebnissen abhängig. Ich denke, dass wir aber stark und reif genug, um mal wieder in München zu gewinnen.

bundesliga.de: Sie haben gerade die Meisterschaft schon angesprochen. Nun beträgt der Rückstand auf die Dortmunder nur noch fünf Punkte. Wie realistisch sehen Sie die Chancen für Ihren Club?

Ulf Kirsten: Im Fußball ist alles möglich. Wir haben das 2002 ja selbst schmerzlich erlebt. Da haben wir drei Spieltage vor Schluss auch noch mit fünf Punkten geführt und die Meisterschaft trotzdem noch verspielt. Diesmal sind die Vorzeichen anders rum. Allerdings haben die Dortmunder eine klasse Mannschaft und spielen einen tollen Fußball. Sie machen wenige Fehler, weshalb es schwierig sein wird, aber es ist halt nicht unmöglich.

bundesliga.de: Sicher hingegen sollte die Teilnahme an der Champions League sein.

Ulf Kirsten: Das dürfte sicher sein. Wir haben in der Rückrunde sehr souverän gespielt und besonders auswärts viele Punkte geholt. Sicherlich haben wir noch ein schweres Restprogramm, aber die anderen Clubs müssen auch alles gewinnen, um uns überhaupt noch einholen zu können. Da werden wir uns keine Blöße mehr geben.

bundesliga.de: Sie haben gerade schon gesagt, dass Leverkusen in der Rückrunde besonders stark ist, sogar das beste Team. Auch auswärts ist die "Werkself" stark. Woher kommt diese Entwicklung?

Ulf Kirsten: Wir haben klasse Einzelspieler, funktionieren aber auch als Mannschaft sehr gut. Außerdem herrscht im Umfeld Ruhe und die Tatsache, dass wir keine englischen Wochen mehr haben, hilft uns sicherlich auch. Aber die Stärke der Mannschaft ist sicherlich ausschlaggebend und dass wir keine Ausfälle haben.

bundesliga.de: Die Bayern hingegen müssen am Sonntag auf Holger Badstuber und Arjen Robben verzichten. Wie schwerwiegend sind diese Ausfälle für die Münchener?

Ulf Kirsten: Die Bayern haben einen so starken Kader, dass sie den ein oder anderen Ausfall immer wieder auffangen können. Arjen Robbens Ausfall fällt vielleicht etwas schwerer ins Gewicht, aber die Alternativen bei den Bayern sind da.

bundesliga.de: Wie beurteilen Sie die Tatsache, dass Robben wegen Schiedsrichter-Beleidigung gesperrt wurde? Sind das schon die Nerven, die sich da bemerkbar machen?

Ulf Kirsten: Die ganze Saison war nicht so souverän, wie man es von den Bayern die letzten Jahre über gewohnt war. Da spielt dann auch die sportliche Situation eine Rolle. Vielleicht war Robben auch mit sich selbst unzufrieden. Dass er sich dann einen verbalen Ausrutscher geleistet hat, darf eigentlich nicht passieren, aber vielleicht ist das für uns gar nicht so schlecht (lacht).

bundesliga.de: Glauben Sie denn, dass die Bayern die Champions-League-Teilnahme schaffen werden?

Ulf Kirsten: Die Bayern sollte man nie abschreiben. Die sind immer für einen Endspurt gut. Ich denke schon, dass die Bayern noch auf Rang 3 kommen werden.

bundesliga.de: Als der Abschied von Trainer Jupp Heynckes zum Saisonende bekannt wurde, ist es in Leverkusen weitestgehend ruhig geblieben. Wie ist die Mannschaft mit der Situation umgegangen?

Ulf Kirsten: Die Klasse der Mannschaft macht da einiges aus. Wir haben gestanden Spieler - Michael Ballack, Simon Rolfes, Sami Hyypiä und auch Stefan Kießling - das sind alles erfahrene Spieler, die schon einiges erlebt haben und das auffangen konnten. Ich denke, dass die Spieler das aber weniger belastet hat, weil der Vertrag von Jupp Heynckes ja zum Saisonende auslief und es somit von vorneherein möglich war, dass er auch gehen könnte.

Das Gespräch führte Gregor Nentwig