München - Mit roter Trainingsjacke steht Mirko Slomka auf dem Platz, fuchtelt mit den Armen und gibt lautstark Anweisungen. Der neue HSV-Trainer, kurz zuvor offiziell als Nachfolger von Bert van Marwijk vorgestellt, ist sofort mit Feuereifer bei der Sache - doch die Aufgabe könnte auf den ersten Blick kaum schwerer sein. Denn dem taumelnden Dino Hamburger SV droht zum ersten Mal seit der Bundesliga-Einführung vor 50 Jahren der bittere Gang in die Zweitklassigkeit. 

"Manchmal reicht es, an ein paar Stellschrauben zu drehen, wir müssen der Mannschaft wieder das Erfolgsgen einhauchen", sagt Slomka bei seiner Bestandsaufnahme. Sieben Bundesligaspiele in Folge ist der HSV als Verlierer vom Platz gegangen - genügt da wirklich ein Feintuning? bundesliga.de zeigt auf, in welchen Mannschaftsteilen der Traditionsclub Verbesserungspotenzial hat.

Baustelle Torhüter

Ein Sorgenkind der Hanseaten ist Rene Adler, der von der Form vergangener Jahre weit entfernt ist. Der Keeper, zuletzt beim 2:4 in Braunschweig an zwei Gegentoren beteiligt, leistete sich in der aktuellen Saison bereits fünf schwere Fehler. Nur 58 Prozent der Bälle, die auf seinen Kasten flogen, wehrte Adler ab - das ist mit Abstand der schwächste Wert seiner Karriere (Ligaschnitt: 68 Prozent). Allerdings verwundert die Leistungsdelle des 29-jährigen Schlussmann nur bedingt, verpasste er doch verletzungsbedingt sowohl die komplette Sommer- als auch Wintervorbereitung.

Baustelle Abwehr

In der Viererkette des HSV war in den vergangenen Wochen nur der Wechsel konstant. Bert van Marwijk baute sie von Spiel zu Spiel um, dementsprechend wenig eingespielt ist die Abwehrformation. Das größte Problem: Nur Lasse Sobiech (23) und Jonathan Tah (18) sind körperlich in Topform - ausgerechnet die beiden Abwehrspieler mit der wenigsten Erfahrung. Die beiden Spieler, die eigentlich die Abwehr organisieren sollten - Johan Djourou und Heiko Westermann - sind körperlich nicht auf der Höhe. Während Marcell Jansen links gesetzt ist, steckt Slomka auch auf der rechten Seite in der Zwickmühle: Dennis Diekmeier hat nach Fußbruch noch Rückstand, und auch Zhi Gin Lam ist aktuell angeschlagen.

Baustelle Doppelsechs

Das defensive Mittelfeld ist eines der neulagischen Punkte der Hamburger. Der einzige Spieler mit Abräumer-Qualitäten ist Tomas Rincon - alle anderen, die auf der Sechser-Position eingesetzt wurden, haben negative Zweikampfwerte (Quasim Bouyi sogar nur 17 Prozent). Weil die Mittelfeldspieler auf den Flügeln, wie zum Beispiel Ola John oder Hakan Calhanoglu, nur wenig Defensivarbeit leisten, ist die Doppelsechs um so mehr gefordert. Bereits in seinem ersten Training stellte Slomka Jonathan Tah auf diese Position - gut möglich, dass dies die erste Stellschraube ist, an der der neue Coach dreht. Weitere Alternativen sind Michael Mancienne und Heiko Westermann, die in ihrer Karriere schon öfter im defensiven Mittelfeld gespielt haben.

Baustelle Kreativzentrale

Auch im Offensivspiel war das HSV-Mittelfeld nicht optimal besetzt. Meist standen mit Tolgay Arslan, Milan Badelj, Hakan Calhanoglu und Rafael van der Vaart ähnliche Typen gleichzeitig auf dem Platz: Ballsicher, aber nicht sonderlich schnell. Alle vier spielen lieber den Pass, als dass sie sich mit Tempo freilaufen und Löcher reißen. Insbesondere zuhause fehlte so die Spielidee. In fünf der letzten acht Heimspiele schoss der HSV kein Tor. Pierre-Michel Lasogga, dessen Qualitäten im Abschluss unstrittig sind, traf zu Hause nur ein Mal. Außerdem kaschieren die 35 erzielten Tore die Offensivprobleme: Der HSV traf acht Mal per Weitschuss (Höchstwert) und profitierte zehn Mal von einem schweren Fehler der Gegner. So oder so muss Slomka erst einmal experimentieren: Van der Vaart fällt mit einer Knöchelverletzung die kommenden Wochen aus.

Baustelle Team

Der HSV war in der laufenden Saison taktisch nicht immer auf der Höhe. Dass die Norddeutschen in der Rückrunde das laufschwächste Team sind (111 Kilometer pro Spiel), hat weniger mit Fitness als mit Organisation und den taktischen Defiziten einiger Spieler zu tun. Insgesamt agierte der HSV in der Defensive viel zu offen und sorglos: Die meisten Gegentore (51), die meisten Stürmer-Gegentore (25), die meisten Gegentore aus dem Spiel (43) kamen nicht zufällig zustande. Grundsätzlich ist die Frage, ob das 4-2-3-1-System für den HSV das richtige ist. In der vergangenen Saison hatte man mit einem 4-4-2 mit Raute zwischenzeitlich großen Erfolg (so genossen Dennis Diekmeier und Marcell Jansen auf dem Flügel mehr Freiheiten für ihre Vorstöße), aber auch einen Tannenbaum mit drei Sechsern und zwei offensiven Mittelfeldspielern könnte für mehr Stabilität sorgen. Mirko Slomka ist nicht zu beneiden - sollte er aber zügig die richtigen Stellschrauben finden, ist der Klassenerhalt durchaus noch zu schaffen

Johannes Fischer