Bremen – In der 58. Minute kannte die Euphorie bei den Bremer Fans keine Grenzen mehr. "Der SVW ist wieder da", hallte es lautstark durch das Weser-Stadion. Nur wenige Sekunden zuvor hatte Fin Bartels mit einem fulminanten Schuss zum 2:0 gegen den VfB Stuttgart getroffen.

Am Ende war das auch der Endstand und der SV Werder Bremen freute sich damit über den ersten Heimsieg seit Mai dieses Jahres. Es war gleichzeitig der zweite Dreier in Folge. Zusammen mit dem Weiterkommen im Pokal ist der neue Trainer Viktor Skripnik somit tadellos in seine erste Amtszeit als Proficoach gestartet – das gelang auch Thomas Schaaf 1999, bevor er 14 Jahre lang eine grün-weiße Erfolgsära prägte. Ein gutes Omen für Skripnik?

Skripnik warnt vor verfrühter Euphorie

"Die Euphorie ist noch fehl am Platz. Natürlich machen die Siege Mut und sie bringen auch eine gute Atmosphäre in die Kabine. Aber wir haben uns damit ja noch nicht gerettet. Wir müssen akribisch weiterarbeiten und enorm verbessern. Und das in allen Bereichen", sagte Skripnik auf Nachfrage von bundesliga.de.

Augenscheinlich hat der Ukrainer es aber geschafft, dass die Mannschaft ihr Potenzial auf dem Rasen auch wieder abruft. Die Körpersprache der Bremer ist eine ganz andere, als zuletzt unter Vorgänger Robin Dutt. Erstmals in dieser Saison blieb die oft als Schießbude der Liga belächelte Werder-Elf auch ohne Gegentor.

Dabei haben Skripnik und Co-Trainer Torsten Frings vor allem in der mentalen Arbeit den Hebel angesetzt. "Das Trainerteam besteht aus Werder-Legenden, die es geschafft haben, uns das Werder-Gen wieder einzupflanzen. Sie haben uns klar gemacht, was Werder ist, und dass wir keine Angst haben und uns was zutrauen müssen. Wir haben es jetzt im Kopf und deshalb geht es wieder aufwärts", erklärte Mittelfeldchef Zlatko Junuzovic.

"Wir müssen uns quälen"

Auf der Pressekonferenz nach der Partie beschrieb Skripnik dieses Werder-Gen ausführlich und mit viel, viel Herzblut in der Stimme: "Wir müssen stolz sein, für diesen Verein, in diesem grünen Trikot und vor solch tollen Fans in diesem Stadion spielen zu dürfen."

In der Stunde des Erfolgs vergaß Skripnik jedoch nicht, den Tatsachen ins Auge zu sehen. Schonungslos deckte er auf der Pressekonferenz die Schwächen seiner Mannschaft auf. "So sehr ich mich über den Sieg freue, wir werden in den nächsten Wochen daran arbeiten müssen, auch spielerische Lösungen zu finden. Wir müssen uns quälen, um wieder die guten Zeiten von früher zu erleben", so Skripnik.

Die Daten aus dem Stuttgart-Spiel unterstreichen seine Aussagen. Lediglich 35 Prozent Ballbesitz und eine eher unterdurchschnittliche Passquote von 75 Prozent (Stuttgart hatte 86 Prozent) hätten eher für einen Sieg der Gäste gesprochen.

Nordderby vor der Brust

Aber "das ist auch auch bezeichnend für das Momentum, dass wieder auf unserer Seite ist", meinte Thomas Eichin. Der Sportchef mahnte vor den Automatismen im Fußball: "Das Pendel kann ganz schnell auf die andere Seite schlagen. Momentan schlägt es auf unserer Seite und dann gehen die Dinger eben rein."

Mit sechs Zählern aus zwei Spielen haben die Bremer vorerst die Rote Laterne am Ende der Tabelle abgegeben. Am nächsten Spieltag steht das Nordderby beim Hamburger SV auf dem Programm. Die Länderspielpause bringt vorher aber erst einmal viel Zeit fürs Trainieren. "Ich persönlich hätte gerne weitergespielt, zumal jetzt ein geiles Spiel ansteht. Da geht es bekanntlich um mehr als nur um drei Punkte", blickte Torschütze Fin Bartels aber schon einmal auf den Auftritt beim Erzrivalen voraus.

Aus Bremen berichtet Michael Reis