Es waren seine Minuten am späten Abend des 22. April 2009. Vielleicht nicht seine ganz persönliche Mondlandung, aber sicher ein ganz besonderer Moment: Mit einem letzten Hechtsprung ins linke Eck bringt er seine Fingerspitzen an den Ball, lenkt diesen an den Pfosten und pariert damit auch den Schuss von Marcell Jansen.

Quasi im Alleingang führte Tim Wiese sein Team an diesem Abend mit insgesamt drei gehaltenen Elfmetern ins DFB-Pokalfinale. Und das ganze auch noch in der "Höhle des Löwen" - der HSH Nordbank Arena, direkt vor der Nordkurve, wo der harte Kern der "Rothosen"-Fans steht.

Rückkehr an die Stätte des Triumphes

Heute Abend (ab 20:30 Uhr im Live-Ticker) kehrt Wiese nun an die Stätte seines jüngsten Triumphes zurück, wenn Werder Bremen zum Rückspiel des UEFA-Pokal-Halbfinals beim Hamburger SV antritt.

"Das war bestimmt einer der größten Momente in meiner Karriere", gab sich der Held schon kurz nach dem Abpfiff damals abgeklärt: "Ich war mir so sicher, ich bin ganz ruhig geblieben."

Kein leichtes Unterfangen in dieser Situation - und speziell für ihn. Einerseits handelte es sich um einen Elfmeter-Krimi, noch dazu im Rahmen eines so prestigeträchtigen Nordderbys zwischen den großen Rivalen von Weser und Elbe, andererseits ist der extrovertierte Wiese nicht unbedingt bekannt als ruhiger Vertreter seiner Art.

Den Worten Taten folgen lassen

Im Vorfeld der Partie hatte er zum Beispiel die Stimmung mit lockeren Aussagen angeheizt, dann seinen Worten aber auch Taten folgen lassen. "Ich musste ja was reißen als Sprücheklopfer", hatte sich der Provokateur selbst in der Bringschuld gesehen.

Seine Freundin Grit Freiberg kennt ihren Tim natürlich genau. "Er hat ein Potenzial für Anfeindungen, und daran ist er sicher nicht ganz schuldlos", sagte die Psychologie-Studentin kürzlich in der "Bild".

Lob von Vorgesetzten und Mitspielern

Und auch seine Vorgesetzten im Verein wissen um Wieses Art. "Tim hat ein lockeres Mundwerk und braucht diese Provokationen in gewisser Weise, aber er muss das richtige Maß finden", hebt Geschäftsführer Klaus Allofs zumindest leicht warnend den Zeigefinger.

An jenem Mittwochabend in Hamburg hatten ihn aber alle "Grün-Weißen" lieb. "Kompliment an Tim Wiese. Er hat eine großartige Leistung gezeigt", sagte Diego im bundesliga.de-Interview stellvertretend für die gesamte Mannschaft.

Und auch Allofs stimmte ein: "Es war schon toll, wie er bei der Belastung in dieser Atmosphäre kühl geblieben ist. Er hat in dieser Saison einen großen Schritt nach vorne gemacht."

Schwebend ins DFB-Tor?

Ein Geheimnis seiner starken Leistungen lüftete der Torhüter im vergangenen Herbst selbst. "Zu Lauterer Zeiten wog ich 104 Kilo, jetzt nur noch 87. Ich gehe nicht mehr ins Fitnessstudio, sondern gehe joggen", sagte der frühere Muskelprotz, der abtrainiert hat: "Ich fühle mich leicht wie eine Feder."

Schwebend will Wiese also seinen Weg gehen. Mit Werder sind trotz einer Bundesliga-Saison im Mittelmaß noch zwei Titel drin - der DFB- und der UEFA-Pokal. Ein noch größeres Ziel verfolgt der 27-Jährige allerdings im Nationaltrikot, auch wenn er erst ein Länderspiel auf seinem Konto hat. Der Torwart will auf jeden Fall mit zur WM im kommenden Jahr in Südafrika, am liebsten natürlich als Nummer 1.

Die besten Argumente dafür kann er höchstpersönlich auf dem Platz liefern, mit besonderen Momenten, wie dem am Abend des 22. April…

Tim Tonner