Dortmund - Es war der Chef höchstpersönlich, der das "Feuer frei" gab: Nachdem Borussia Dortmund den amtierenden Deutschen Meister FC Bayern München in dessen eigenem Stadion mit 3:1 entzaubert hatte, legte BVB-Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke die selbst auferlegte Zurückhaltung ab.

"Wir befinden uns an einem Punkt, an dem wir sagen: Wir können und wollen Meister werden", nahm er das bislang verbotene M-Wort zum ersten Mal in den Mund. Der Blick auf die Tabelle hatte selbst bei den Dortmunder "Defensivkünstlern" die Euphoriebremse lösen lassen. Ihre Erkenntnis: Bei zwölf Zählern Vorsprung vor dem ersten Verfolger Leverkusen müsste es in den verbleibenden zehn Spieltagen schon mit dem Teufel zugehen, wenn die Borussen nicht die Meisterschale am 34. Spieltag in die Höhe recken dürften.

Hummels windet sich

Angeblich hatten sich die BVB-Oberen bereits in der vergangenen Woche darauf verständigt, das bislang verbotene Wort offiziell im Dortmunder Sprachgebrauch zuzulassen - falls es mit einem Auswärtssieg in der Allianz Arena klappen würde. Die neue Doktrin wollte den meisten BVB-Spielern kurz nach Spielschluss jedoch nicht so einfach über die Lippen gehen. So verklausulierte Mats Hummels seine Sätze in einem "Sky"-Interview dermaßen, dass er selbst darüber schmunzeln musste. "Da fällt mir nur ein Wort ein, das ich nicht benutzen darf", sagte der Dortmunder Innenverteidiger auf die Frage nach der Leistung seines Teams.

Dabei hätte Hummels nur auf die Worte seines Präsidenten hören müssen, der ebenfalls seine Zurückhaltung aufgab. "An irgendeinem Punkt wird man unglaubwürdig, wenn man sich nicht zum großen Ziel bekennt", erklärte Dr. Reinhard Rauball, der jedoch - am Samstagabend noch in Unkenntnis des Bayer-Remis gegen Bremen - zunächst einschränkte. "Ich warte noch ab, wie Leverkusen spielt. Dass die Bayern uns nicht mehr überholen, ist ein Fakt."

Kehl und Großkreutz sprechen vom Titel

Der erste BVB-Profi, der die neue Redefreiheit auskostete, war gleichzeitig der erfahrenste. Sebastian Kehl, der in der Schlussphase von München sein Comeback nach sechs Monaten Verletzung gab, äußerste sich zu den schwarzgelben Titel-Träumen. "Wir wollen oben bleiben, das ist klar. Wir haben den Meisterwunsch in den letzten Wochen schon innerlich verarbeitet." Sein Fazit: "Wir werden im Sommer was zu feiern haben."

Da wollte auch Kevin Großkreutz, der seinen markigen Worten ("Bayern ist reif") vor dem Spitzenspiel große Taten folgen ließ ("Große Klappe, viel dahinter"), nicht zurückstecken. "Natürlich geht es für uns um die Deutsche Meisterschaft", sagte der Mittelfeldspieler, der am Samstagabend zusammen mit Marcel Schmelzer Bayern-Star Arjen Robben den Zahn zog: "Das ist doch klar und jeder weiß, dass das mein großer Traum ist."

Stadt plant die Meisterfeier

Nicht nur für Großkreutz spielen die Borussen derzeit in einer eigenen Liga. "Die anderen Vereine, auch die Bayern, müssen jetzt einfach anerkennen, dass wir zur Zeit die beste Mannschaft in Deutschland sind. Wir sind die Nummer eins", sagt der Jungspund forsch.

Auch die Stadt Dortmund hat längst mit den Planungen für eine große Titelsause begonnen. "Wir sind in der Vorplanung und spielen gerade unter Sicherheitsaspekten viele Varianten durch", sagte Hans-Werner Rixe von der städtischen Dortmund-Agentur. Die Meisterfeier soll nach dem letzten Saisonspiel am 14. Mai gegen Eintracht Frankfurt wie bei früheren Anlässen wieder im Herzen der Stadt auf dem Friedensplatz stattfinden. Bis zu diesem Zeitpunkt wird auch Hummels den neuen BVB-Duktus intus haben.

Johannes Fischer