Hamburg - Aller guten Dinge sind drei. Auf dieser alten Volksweisheit ruhten beim Hamburger SV vor der Partie gegen den FC Augsburg (Spielbericht) nach neun sieglosen Spielen und 595 Minuten ohne einen Treffer die Hoffnung auf die Wende im Abstiegskampf.

Seine zwei Premieren vor Hamburger Publikum konnte Bruno Labbadia erfolgreich bestreiten. Bei seinem Bundesliga-Debut hatte der Stürmer am 1. August 1987, dem ersten Spieltag der Saison, mit dem Treffer zum 5:2-Endstand über Schalke 04 sein erstes von 103 Liga-Toren erzielt, 22 Jahre und 14 Tage später nahm er zum ersten Mal im Volkspark auf der Bank Platz und durfte genießen, wie sein Team Borussia Dortmund mit 4:1 vom Platz fegte.

Wer damals nicht rechtzeitig im Stadion war, hatte so einiges verpasst: Bereits nach zwölf Minuten lagen die Hamburger 3:1 vorn. Und auch beim ersten Heimspiel nach Labbadias Rückkehr legte sein Team los wie die Feuerwehr. Von Beginn an waren die Gastgeber hellwach und berannten das Tor des Tabellen-Sechsten.

Olic und Lasogga beenden Torflaute

Mit Erfolg. Innerhalb dieser ersten zwölf Minuten stand Ivica Olic goldrichtig als er einem Schuss von Zoltan Stieber die entscheidende Richtungsänderung gab und die Fans nach knapp 300 Minuten ohne Treffer in der Imtech Arena mal wieder einen Heimtreffer bejubeln konnten. Es war der erste Treffer des Ex-Wolfsburgers nach seiner Rückkehr an alte Wirkungsstätte in der Winterpause und der erste für den HSV nach 595 torlosen Minuten. In über 127 Jahren Vereinsgeschichte hat es so eine Flaute bei den Hanseaten nicht gegeben.

Mit Pierre-Michel Lasogga beendete ein weiterer Spieler sein Torflaute. Seit dem achten Spieltag hatte der Hamburger Top-Torjäger der Vorsaison nicht mehr getroffen. Mit seinen Treffern zum 2:0 und 3:2 nur 73 Sekunden nach dem Augsburger Ausgleich wurde der Ex-Berliner zum Matchwinner - und das über einen Angstgegner. Von sieben Spielen gegen die Fuggerstädter konnte der HSV zuvor nur eines gewinnen. 0,57 Punkte holten die Hanseaten in diesen Duellen im Schnitt, so wenig wie gegen keinen anderen Liga-Konkurrenten.

Gänsehaut-Atmosphäre im Volkspark

Kein Wunder, dass die Fans Lasogga noch lange nach Abpfiff hochleben ließen. Als er endlich aus der Kurve entlassen wurde, feierten seine Kollegen bereits in der Kabine. Nicht ohne zuvor die HSV-Anhänger unter den 51 321 im Stadion in höchsten Tönen gelobt zu haben. "Das war eine Stimmung, als ob wir gerade Deutscher Meister geworden wären", freute sich Kapitän Rafael van der Vaart über die Unterstützung von den Rängen. Und Labbadia bekam noch auf der Pressekonferenz "Gänsehaut, wenn ich an die Atmosphäre im Stadion denke".

"Die Stimmung war Wahnsinn. Die Fans haben uns die letzten 20 Minuten getragen. Wir müssen ihnen großen Dank aussprechen", so Matthias Ostrzolek. Überhaupt sei es "eine große Hilfe, wie die ganze Stadt hinter uns steht", erinnert der ehemalige Augsburger an das letzte Trainingsspiel vor der Partie gegen den FCA als die zahlreich erschienenen Kiebitze die Spieler "mit Applaus" unter die Dusche verabschiedeten. "Das tut uns Spielern enorm gut."

Einzelgespräche, Taktik und Torschusstraining

Genau wie die vielen Einzelgespräche und taktischen Einheiten, mit denen Labbadia in den Trainingseinheiten die Mannschaft wieder aufgebaut hat. "Durch die Misserfolge der letzten Wochen waren wir im Kopf doch sehr angeknackst" gibt Ostrzolek gegenüber bundesliga.de zu. "Seit er da ist, versucht er positiv zu sein und uns den Glauben und das Selbstvertrauen wiederzugeben und die negativen Erlebnisse aus den Köpfen zu bekommen."

Neben der Seelenmassage habe der Coach "viel im taktischen Bereich gearbeitet. In der Defensive stehen wir kompakter und näher an den Gegenspielern", so Ostrzolek. Und dann "immer wieder Torschusstraining", um den Angreifern die Sicherheit zurückzugeben. "Das war diesmal eine große Qualität", zog dann auch der Trainer eine positive Bilanz. "Entscheidendend war, dass wir wieder aufgestanden sind. Das 2:2 war natürlich ein Schock, aber wir sind sofort zurückgekommen."

Einzelne Spieler wollte Labbadia nach der Partie nicht hervorheben. "Der Matchwinner war heute ganz klar die Mannschaft. Sie hat sich, dem Verein und den Fans den Glauben zurückgegeben." Den Glauben daran, dass der HSV auch im kommenden Jahr in der Bundesliga spielt.

Aus Hamburg berichtet Jürgen Blöhs