Jürgen Kohler spielte sowohl für Bayern München als auch für Borussia Dortmund. Seine erfolgreichste Zeit als Spieler hatte er beim BVB. In sieben Jahre wurde er zwei Mal Deutscher Meister mit den "Schwarz-Gelben", gewann die Champions League und den Weltpokal. Klar, dass am Sonntag beim Duell seiner Ex-Vereine (ab 16:30 Uhr im Live-Ticker auf bundesliga.de) sein Herz für den BVB schlägt.

bundesliga.de: Am Sonntag spielt der FC Bayern gegen Borussia Dortmund. Sie haben für beide Vereine die Schuhe geschnürt. Für wen drücken Sie die Daumen?

Jürgen Kohler: Natürlich für Borussia Dortmund. Schließlich habe ich beim BVB sieben Jahre gespielt und Erfolge wie die Meisterschaft und den Gewinn der Champions League gefeiert.

bundesliga.de: Im Oktober 1991 gewann Dortmund sein bislang letztes Spiel (3:0) beim FC Bayern. Wie muss die Borussia agieren, damit es endlich wieder einen Sieg in München gibt?

Kohler: Der BVB muss seine Chance nach vorne suchen. Wenn man in München nur das Tor verbarrikadieren will, dann sind die Bayern immer stark genug, über eine Einzelaktion oder eine Standardsituation ein Spiel zu entscheiden. Deshalb muss man versuchen, zwar kompakt zu stehen, aber auch auf der anderen Seite immer wieder Nadelstiche zu setzen. Die Bayern-Abwehr ist nicht so sattelfest, dass man sagen könnte, da hat man keine Chance ein Tor zu erzielen. Die linke Seite der Bayern ist die stärkere im Spiel nach vorne, das heißt, die rechte Seite der Dortmunder muss gut zugemacht werden. Aber im Abwehrverhalten ist die linke Seite dann auch anfällig, so dass der BVB dort seine Angriffe vortragen kann.

bundesliga.de: Seit dieser Saison sorgt Jürgen Klopp in Dortmund für Aufwind. Wie beurteilen Sie die Situation beim BVB?

Kohler: Jürgen Klopp macht einen guten Job bei der Borussia. Gerade in der Abwehr hat er eine sehr junge Mannschaft, mit der man Geduld haben muss. Allerdings ist man bei so einem tollen Publikum wie in Dortmund immer etwas unter Druck, und irgendwann sollte man auch wieder international spielen. In dieser Saison sind sie ja leider sehr früh unglücklich ausgeschieden. Ein Verein wie Borussia Dortmund sollte natürlich immer den Anspruch haben, international dabei zu sein. Die Aufgabe von Jürgen Klopp ist es, jetzt eine schlagkräftige Truppe zu formen, die dann auch international bestehen kann.

bundesliga.de: In den letzten Jahren hat der BVB etwas den Anschluss an die Spitze verloren. Wo sehen Sie die Gründe?

Kohler: Hans-Joachim Watzke hat tolle Arbeit geleistet, indem er den Verein nach der sehr schwierigen Zeit wieder in die richtige Spur gebracht hat. Das Sportliche musste daher etwas zurück gestellt werden. Der Spagat zwischen den damaligen Möglichkeiten und dem Anspruch wurde hervorragend gelöst. Da sollte man auch das Dortmunder Publikum loben. Langfristig muss es aber wieder das Ziel sein, international eine wichtige Rolle zu spielen. Dafür braucht man eine gute Mannschaft und muss in diese auch in den nächsten ein bis zwei Jahren investieren.

bundesliga.de: In welcher Tabellenregion erwarten Sie den BVB am Saisonende?

Kohler: Realistisch ist in meinen Augen ein Platz um Rang 6, wo man momentan steht. Vielleicht mit etwas Glück auch Platz 5. Für die nächsten Jahre muss man das Team aber punktuell verstärken, um auch international zu bestehen.

bundesliga.de: Bei den Bayern stürmt mit Luca Toni ein echter Weltstar. Hat der ehemalige eisenharte Innenverteidiger Jürgen Kohler Tipps für die Dortmunder Abwehrspieler?

Kohler: Solche Duelle sind für die jungen Spieler sehr wichtig, da man sich mit solchen Top-Stürmern messen und gegen sie beweisen kann. Der Verteidiger kann in so einem Spiel eigentlich nur gewinnen. Es ist ja auch ein wichtiger Lernprozess für die Jungs.

bundesliga.de: Jürgen Klinsmann hat bei den Bayern sicherlich einen schwereren Job. In München erwartet man mehr als nur die Meisterschaft. Trauen Sie ihrem ehemaligen Nationalmannschaftskollegen das zu?

Kohler: Bayern hat nach wie vor den stärksten Kader in der Bundesliga und Jürgen macht in München bisher einen guten Job. Es erschwert natürlich immer die Vorbereitungszeit, wenn die Bayern so viele Nationalspieler abstellen müssen. Die Vorrunde war daher etwas holprig, aber trotzdem auch erfolgreich, wenn man nur auf den Punktestand schaut - und nur das zählt. Ich glaube nicht, dass Hoffenheim am Ende der Saison noch vor den Bayern stehen wird.

bundesliga.de: Tabellenführer 1899 Hoffenheim ist sicherlich die Überraschung der Bundesliga. Kann der Aufsteiger bis zum Saisonende oben bleiben?

Kohler: Ich finde es gut, wenn sich ein Mann wie Dietmar Hopp für den Fußball engagiert. In Hoffenheim ist etwas aufgebaut worden, das auch länger anhalten wird. Gewisse Dinge wie Fankultur kann es dort natürlich noch nicht geben. Was in Hoffenheim geleistet wird, ist positiv und tut auch dem deutschen Fußball gut.

bundesliga.de: Die Bundesliga ist spannend wie nie - das lässt sicher auch das Fußballerherz von Jürgen Kohler höher schlagen. Wie sehen Sie die Situation in der Bundesliga?

Kohler: In ersten Linie ist es erstmal eine Momentaufnahme. Das gilt, bis auf Bremen, für alle Vereine. Einem Verein wie dem HSV würde ich es gönnen, wenn sie endlich mal wieder einen Titel holen würden. Es wäre schön, wenn so ein Traditionsverein mit tollem Stadion und Fans die Schale hoch halten dürfte - mich persönlich würde es freuen.

Das Gespräch führte Mark Schnell