Am Samstag um 16.50 Uhr beendete Franco Zuculini seine Leidenszeit. 18 Minuten zuvor war er im Spiel gegen Nürnberg eingewechselt worden, dann schnappte er sich den Ball. Mit raumgreifenden Schritten sprintete er durch die Hälfte des Gegners. Er nahm Maß und platzierte die Kugel zentimetergenau ins rechte Eck. Raphael Schäfer streckte sich vergebens, das Netz zappelte - und der Frust, der sich seit seinem Wechsel nach Hoffenheim peu a peu angestaut hatte, entwich im Handumdrehen.

Zuculini rannte los, bedeutete seinen Teamkameraden, ihn beim Jubellauf nicht aufzuhalten und ließ sich erst nach einer halben Ewigkeit von seinen Teamkameraden einfangen. Hätte er beim geplanten Sprint zu seiner Familie nicht die Orientierung verloren, wie er nach dem Schlusspfiff gestand, wäre er wohl nicht einmal mit einem Lasso zu bändigen gewesen. Zuculini - der argentinische Vulkan war soeben ausgebrochen.

Vom Vasenverkäufer zum Nationalspieler

Es war das 3:0 im Spiel seines neuen Clubs, sein erstes Tor für den neuen Verein - und gleichzeitig das erste Ausrufezeichen des Newcomers in der Bundesliga. "Zucu" war endlich angekommen in einer fremden Welt, in der er sich mühsam eingelebt hatte. "Mir ist eine Zentnerlast von den Schultern gefallen", gestand er nach der Partie. "Ich kam vor ein Paar Wochen auf einen fremden Kontinent, in eine fremde Umgebung. Es sind schwere Momente, wen man nicht spielt."

Er, der Liebling Maradonas, der im Sommer mit großen Vorschusslorbeeren nach Hoffenheim gewechselt war und von Argentiniens Nationaltrainer als "kommender Topstar der nächsten WM" betitelt wurde. Eine schwere Bürde für einen Teenager, der vor nicht allzu langer Zeit noch von seinem Vater angefertigte Blumentöpfe verkaufte. Von Haustür zu Haustür war er getingelt, um die guten Stücke an den Mann zu bringen. Als er seinen ersten Profivertrag erhielt, konzentrierte sich Zuculini nur noch auf das Wesentliche - und das war Fußball.

Klassenerhalt als Abschiedsgeschenk

Bei Racing Club de Avellaneda, einem Vorortclub von Buenos Aires, spielte er sich schnell in die Stammelf und in die Herzen der Fans .Unbändige Energie und Kampfgeist zeichnen den Teenager aus, der seine Stärken im defensiven Mittelfeld hat. Als Bindungsglied zwischen Abwehr und Sturm ist er für die Spieleröffnung zuständig. Dank seiner Kombination aus Kraft, Schnelligkeit und technischer Beschlagenheit spielte er sich in die Nationalself und weckte das Interesse der europäischen Talentscouter.

Mit diesen Tugenden führte Zuculini sein Team zum Klassenerhalt - gleichzeitig sein Abschiedsgeschenk an die Fans. "Wir haben uns aufgeopfert und wie Raubtiere gekämpft", umschreibt Zuculini bildhaft den Abstiegskampf in seiner Heimat. Die Anhänger dankten es ihm und bereiteten ihrem Star ein rauschendes Abschiedsfest.

"Merke, dass ich meine Spielweise umstellen muss

So rasant ging es jedoch bei seinem neuen Verein zunächst nicht weiter. Vor seiner Einwechslung im Spiel gegen Nürnberg war "Zucu" in der laufenden Saison bislang nur 22 Minuten zum Zuge gekommen. Eine Rückenverletzung hatte ihn in der Saisonvorbereitung zurückgeworfen, so dass er zunächst einmal seine eigenen Ansprüche zurückschrauben musste.

Und auch die Umstellung auf die gestiegenen Anforderungen in der Bundesliga machte ihm zu schaffen. "Ich merke, dass ich zunächst meine Spielweise anpassen muss. In Argentinien lernen zwar alle Mittelfeldspieler von der Jugend an, sich gut zu organisieren, allerdings ist der Unterschied zwischen meiner Heimat und Deutschland doch groß. Diesen Unterschied muss ich durch harte Trainingsarbeit kompensieren", hatte er nach der ersten Eingewöhnungsphase in der neuen Umgebung gesagt - und machte sich an die Arbeit.

"Der stand kurz vor der Explosion"

Mit großem Eifer versuchte sich Zuculini in jeder Übungseinheit bei Cheftrainer Ralf Rangnick zu empfehlen - so lange, bis dieser nicht mehr umhin kam, seinem Neuzugang eine Einsatzchance zu geben.

"Unser Coach hat das gemerkt und ihn in der zweiten Halbzeit gebracht", verriet Christian Eichner, der Torschütze zum 1:0 gegen den "Club". "Zuculini war zuletzt im Training aufgedreht wie ein HB-Männchen. Der stand kurz vor der Explosion." Mit seinem Treffer öffnete er das Ventil - und der Vulkan brach aus.

Johannes Fischer