
Deniz Undav: "Es gibt keine hässlichen Tore"
Spätestens seit der Weltmeisterschaft 2026 ist Deniz Undav den Deutschen als Toptorjäger und Kultkicker bekannt. Weit weniger verbreitet ist, dass der Stürmer des VfB Stuttgart abends an Taktiken tüftelt und seine Trainerkarriere plant – aber bitte ohne Laptop. Über einen Fußballer mit Spielintelligenz und das Menschsein als Erfolgsgeheimnis.
Text: Ronald Reng
Manche Probleme im Fußballspiel des VfB Stuttgart versucht Mittelstürmer Deniz Undav abends zu Hause mit Papier und Kugelschreiber zu lösen. Er zeichnet dann am Tisch mit Kreuzen und Kreisen die 22 Fußballer seiner Mannschaft und des Gegners auf das Papier, um Spielsituationen noch einmal durchzudenken, die ihnen der Trainer nachmittags auf Video vorgeführt hat.
Hätten sie durch eine andere Anordnung ihrer Offensivspieler den Gegner zu Fehlern im Passspiel zwingen können? Hätten sie andere Positionen einnehmen sollen, um bei diesem einen Angriff die gegnerischen Linien zu durchbrechen?
Der Kugelschreiber malt Pfeile, streicht Kreuze durch, um sie ein paar Zentimeter weiter rechts oder links auf dem Blatt zu platzieren. Nicht selten erscheint Deniz Undav dann am nächsten Trainingsmorgen beim VfB Stuttgart im Büro von Trainer Sebastian Hoeneß und bittet darum, mal kurz die Taktiktafel benutzen zu dürfen. "Ich zeige dem Trainer dann meine Idee, wie ich die Spielsituation auflösen würde. Manchmal sagt er: Ja, kann man mal probieren. Oder er sagt: Wenn wir das so machen, wie du denkst, dann macht der Gegner aber das – und ich sage: Oh. Stimmt."
Mit seiner offenherzigen Art und seinen Toren im Handumdrehen wurde er im zurückliegenden Sommer die eine deutsche Identifikationsfigur während der ansonsten aus nationaler Sicht verkorksten Weltmeisterschaft. Nach seinen drei Toren und zwei Torvorlagen als Einwechselspieler in den ersten zwei WM-Spielen kreierte ein Politiker, der Vorsitzende der Jungen Union Johannes Winkel, den Ausdruck "Deniz-Undav-Moment" als Synonym für durchschlagenden Erfolg.
Die Frage, ob Undav der Superjoker von der Ersatzbank bleiben oder in die Startelf rücken sollte, wurde zur nationalen Debatte. Und dann löste sich die Euphorie eines Montags mit dem unerwarteten Ausscheiden im WM-Sechzehntelfinale gegen Paraguay schlagartig auf. Zurück blieb Deniz Undav mit seinen widersprüchlichen Gefühlen. Er hatte als Mannschaftssportler eine elende Enttäuschung mitgemacht und gleichzeitig bei dieser WM persönlich überwältigende Momente erlebt. In diesem Zwiespalt verschwand der Stuttgarter in die Sommerpause.
Fast zwei Monate sind seitdem vergangen, und Deniz Undav sitzt mit uns in einem dieser Hotelsessel, in denen man nur versinken kann. Er ist zurück im Alltag, auf Reisen mit dem VfB. Zum ersten Mal spricht er ausführlich, in Ruhe, über diesen Sommer und alles, was sich daraus für ihn für die neue Bundesliga-Saison ergibt.
Nach Misserfolgen versuchen Leistungssportler fast immer die gleiche Selbsttherapie: nur nach vorn schauen. "Ich wollte unser Ausscheiden bei der WM auch einfach verdrängen", sagt er. Leider wollten alle anderen um ihn herum aber unbedingt mit ihm darüber reden. Die Freunde, die Familie, "die mussten sich ja auch alle abreagieren und sich erst mal aufregen, dass wir früh, viel zu früh, rausgeflogen sind".
Die Fragen enterten seinen Kopf, wieso, weshalb, warum, und die Gedanken begannen, sich im Kreis zu drehen: "Die ganze Zeit habe ich darüber nachgedacht, ob unser Ausscheiden auch meine Schuld war, weil ich gegen Paraguay gleich nach ein paar Minuten vergeblich aufs Tor geschossen hatte, statt den Ball querzupassen. Aber ich hatte in dem Moment einfach nicht gesehen, dass ein Mitspieler vielleicht besser positioniert war. Jeder, der mich und mein Spiel kennt, weiß, dass ich es mindestens genauso liebe, Tore aufzulegen, wie selbst zu schießen."
Selbst Bundestrainer Julian Nagelsmann hatte die vergebene Torchance in seiner ersten Analyse nach dem Aus explizit angesprochen. "Dann sagst du dir: Wir hatten danach doch noch 115 Spielminuten Zeit, es kann doch nicht nur an der einen Aktion gelegen haben. Aber der Gedanke kommt zurück: War es wirklich deine Schuld?"
Ob Julian Nagelsmann nach der Weltmeisterschaft bei Deniz Undav anrief, welchen Berufswunsch der Stürmer für die Zeit nach der aktiven Karriere hegt und weshalb es keine hässlichen Tore gibt, lest ihr in Ausgabe 3|2026 von BUNDESLIGA – Das Magazin als E-Paper.