München - Es hat nur etwas mehr als sechs Minuten gedauert bis der FC Bayern München gegen Bayer Leverkusen in Führung ging, doch in diesen frühen Minuten wurde schon deutlich, dass diese Mannschaft nur ein Ziel kannte - offensiv und defensiv alles zu geben.

Und das zahlte sich aus. Der FCB gewann das Top-Spiel gegen den Tabellenzweiten deutlich mit 5:1 (4:0) und ist aufgrund des Remis von Hannover 96 beim HSV wieder vorbei an den Niedersachsen auf dem 3. Platz, der zur Champions-League-Qualifikation berechtigt.

Gelungenes Debüt für Jonker

Es war die Geste der Bayern im Top-Spiel: Immer wieder spielten die Münchner riskante und lange Pässe nach vorne, und auch wenn Franck Ribery und Thomas Müller auf den Außenpositionen nicht an jeden Ball herankamen, schickten beide immer einen Gruß zurück zu den Kollegen - den "Daumen hoch" für den guten Versuch.

"Vor allem in der ersten Halbzeit haben meine Spieler mit großem Herz und unglaublichem Einsatzwillen den Kampf angenommen und viele Bälle gewonnen", erklärte Andries Jonker, der gegen Bayer sein Debüt als Chefcoach auf der Bayern-Bank gab. "Wenn du dann früh 1:0 in Führung gehst, kannst du Konter spielen. Das haben wir hervorragend gemacht."

Nachdem letzte Woche feststand, dass Jonker Louis van Gaal für die letzten fünf Spieltage ablösen würde, versprach Uli Hoeneß eine Leistungs-Explosion. "Ich erwarte, dass die Zwangsjacke, in der die Spieler seit Monaten stecken, abgestreift wird", sagte der FCB-Präsident. Und Hoeneß sollte Recht behalten.

Alle Mannschaftsteile stark verbessert

Die gesamte Bayern-Mannschaft war in den ersten 45 Minuten kaum wiederzuerkennen im Vergleich zu den letzten Auftritten gegen Freiburg, Gladbach und Nürnberg, aus denen der FCB zwar sieben Punkte holte, spielerisch aber nicht überzeugte.

Müller knüpfte auf Rechtsaußen an seine formidable WM-Leistung in Südafrika an, die Viererkette ließ, nachdem Danijel Pranjic verletzungsbedingt schon früh durch Diego Contento ersetzt werden musste, nichts anbrennen und im Sturm zeigten Mario Gomez und Miroslav Klose, dass sie auch gemeinsam erfolgreich auf dem Platz stehen können. Am Ende stand ein hochverdienter Sieg. "Wir hätten sicherlich auch nicht auf ein 5:1 getippt, aber dass wir gewinnen können, das wussten wir", sagte Müller.

München zeigt ein neues Gesicht

Obgleich Jonker ja schon in der Ära van Gaal beim FCB war und der Niederländer zudem nur eine Woche Zeit hatte, um die Mannschaft neu einzustellen, machte sich der Trainerwechsel auf dem Platz deutlich bemerkbar.

Es war nicht nur die Aggressivität auffallend, mit der die Bayern-Spieler zu Werke gingen. Auch die Spielweise zeigte deutliche Unterschiede. Die Münchner vermieden es, sich den Ball an der Mittellinie lange hin und her zu spielen, um dann irgendwo die Lücke in der gegnerischen Defensive zu finden. Stattdessen spielten sie allesamt schnell und kompromisslos nach vorne, gingen häufig bis zur Grundlinie durch und versuchten ihr Glück im Eins-gegen-Eins.

"Dass dieses Potenzial in der Mannschaft steckt, ist bekannt", meinte Gomez, der mit einem lupenreinen Hattrick kurz vor der Halbzeitpause die Bayern endgültig auf die Siegerstraße schoss. "Man braucht aber auch diese Aggressivität, die wir gegen Bayer gezeigt haben, um Spiele in der Bundesliga zu gewinnen. Damit konnte Leverkusen nicht umgehen." Der Anschlusstreffer von Eren Derdiyok nach der Halbzeitpause war daher auch nur ein Strohfeuer bevor Ribery den Endstand herstellte.

Jonker fordert vier weitere Siege

Durch den Sieg stehen die Münchner wieder auf Platz 3 und haben die Qualifikation für die "Königsklasse" selbst in der Hand. "Wir haben immer wieder gesagt, dass wir nicht Europa League, sondern Champions League spielen wollen", erklärte Gomez. "Spätestens nach dieser Woche muss jedem Spieler klar sein, dass es keine Alibi-Ausreden mehr gibt. Wir müssen das Ruder herumreißen, und gegen Bayer haben wir den Schritt in die richtige Richtung gemacht."

Auch wenn nach dem Sieg der Dortmunder gegen Freiburg auch offiziell feststeht, dass der FCB die Meisterschale aus dem letzten Jahr an den BVB oder Leverkusen weiterreichen muss, mit einer solchen Leistung in den letzten vier Spielen ist der FCB auf dem besten Weg, die Saison noch zu einem versöhnlichen Ende zu bringen. "Jetzt sind wir vor Hannover, der Druck liegt bei Hannover", sagte Jonker. "Unsere Aufgabe ist es, die vier verbleibenden Spiele zu gewinnen."

Doch auch wenn der Blick sich auf 96 richtet und niemand offiziell zur Attacke auf den 2. Tabellenplatz bläst, dürfte es im Hinterkopf der erfolgshungrigen Bayern wieder rumoren, denn der Abstand beträgt "nur" noch sechs Zähler. Einen psychologischen Vorteil im Schlussspurt dürfte das 5:1 auf jeden Fall gebracht haben.

Aus der Allianz Arena berichtet Jessica Pulter