Köln - 1982 patzte Jean-Marie Pfaff in seinem ersten Spiel für den FC Bayern München. Er verlängerte einen Einwurf des Bremers Uwe Reinders ohne Not ins eigene Tor.

Im Interview mit bundesliga.de spricht er über seine Münchner Zeit, den Einstand von Manuel Neuer und die Entwicklung der Bundesliga.

bundesliga.de: Guten Tag, Herr Pfaff. 1990 haben Sie Ihre Karriere beendet. Genießen Sie ihren Ruhestand zu Hause in Belgien?

Pfaff: Nein, für mich gibt es keinen Ruhestand, ich habe immer noch einen vollen Terminkalender. Ich habe meine eigene Torwartschule, halte Vorträge für Firmen und bin jedes Wochenende in der Soap "De Pfaffs" vor einem Millionenpublikum zu sehen.

bundesliga.de: Sie haben sechs Jahre beim FC Bayern in der Bundesliga gespielt. Verfolgen Sie das Geschehen in der Bundesliga und Ihrem alten Klub noch?

Pfaff: Sicher. Wenn man so lange für einen Verein gespielt hat, beobachtet man die Entwicklung des Klubs noch sehr aufmerksam.

bundesliga.de: Haben Sie denn das Spiel gegen Mönchengladbach gesehen?

Pfaff: Nicht live, aber die Ausschnitte habe ich mir angeschaut. Das Tor habe ich natürlich auch gesehen.

bundesliga.de: Kam Ihnen die Szene irgendwie bekannt vor?

Pfaff: Ich weiß, worauf Sie hinauswollen: Mein Eigentor bei meinem ersten Spiel für die Bayern 1982. Die Situationen kann man aber nicht miteinander vergleichen.

bundesliga.de: Inwiefern?

Pfaff: Ich habe einen Einwurf des Bremers Uwe Reinders ins Tor verlängert. Das ist ein Tor, wie es in 1.000 Jahren nur einmal fällt. Manuel Neuer hat einen ganz normalen Fehler gemacht, der in jeder Saison dutzendfach vorkommt. Gerade wenn man bedenkt, dass die Abwehr und er sich erst einspielen müssen. Die Situation hat mich an die Szene von Schumacher gegen Battiston bei der WM 1982 erinnert.

bundesliga.de: Wie geht man als Torwart mit so einem Fehler um?

Pfaff: Zunächst einmal hat Neuer nach dem Spiel alles richtig gemacht, keine Ausreden gesucht und das Tor auf seine Kappe genommen. Da gibt es für die Journalisten weniger zu schreiben. Er hatte natürlich das Pech, dass die Bayern durch diesen Patzer verloren haben. Hätten Sie gewonnen, würde das Thema lange nicht so hoch gehängt. Für mich war damals der Zuspruch von Fans und Familie sehr wichtig. Ich denke, für Neuer ist es etwas einfacher. Ich sprach die Sprache nicht und meine Mitspieler waren teilweise sehr gut mit den anderen Torleuten befreundet. Die wollten lieber jemand anderes im Tor haben. Neuers Status bleibt von diesem Fehler unangetastet. Außerdem konnte er sich beim Länderspiel am Mittwoch sofort wieder beweisen.

bundesliga.de: Nach dem Spiel in Bremen haben Sie drei Mal in Folge zu Null gespielt und die nächsten fünf Spiele alle gewonnen. Welchen Ratschlag würden Sie Manuel Neuer geben, um ähnlich gestärkt aus diesem verpatzten Einstand hervorzugehen?

Pfaff: Du spielst so, wie Du trainierst. Er muss im Training Gas geben und weiter hart arbeiten. Bayern ist etwas anderes als Schalke. Wenn er mit Schalke verloren hat, hat er halt verloren. Verliert er mit Bayern, geht die Welt unter. Mit diesem Druck muss er lernen umzugehen. Für mich war das damals schwer. Ich komme aus einem Dorf in Belgien, hatte in der Liga meistens vor 6.000 bis 7.000 Zuschauern gespielt. Dann plötzlich in der Bundesliga vor 80.000. Neuer kennt die Bundesliga, er wird das hinbekommen.

bundesliga.de: Wie beurteilen Sie insgesamt Neuers Fähigkeiten?

Pfaff: Ich habe gelesen, dass Franz Beckenbauer ihn als weltklasse bezeichnet hat. Ganz so weit sehe ich ihn noch nicht, dafür hat er auch einfach noch zu wenig vorzuweisen. Ich bin überzeugt, dass er sich zu einem Weltklassetorwart entwickeln wird, denn er verfügt über super Anlagen und bringt körperlich alles mit. Es gibt aber auch noch Bereiche, in denen ich Luft nach oben sehe.

bundesliga.de: Zum Beispiel?

Pfaff: Er muss sein Timing bei Flanken und Standards verbessern. Er ist stark und schnell, was wichtig beim Herauslaufen ist, aber manchmal noch zu ungestüm. Darüber hinaus muss er seine Abwehr noch mehr dirigieren. Das ist ungemein wichtig, da der Torwart den besten Überblick hat. Wenn ich Stürmer wäre, würde ich im eins gegen eins den Ball unter ihm durchspielen. Er springt meistens mit beiden Beinen und dadurch entsteht eine Lücke.

bundesliga.de: Sie sind mit dem FC Bayern München drei Mal Deutscher Meister geworden, haben zwei Mal den DFB-Pokal gewonnen und standen im Finale des Europapokals der Landesmeister. Glauben sie, dass Manuel Neuer ähnlich erfolgreich sein wird?

Pfaff: Warum nicht? Ich denke, er wird mit den Bayern einige Titel holen. Aber ganz so leicht wird es nicht werden, denn mit Dortmund haben die Bayern einen starken Konkurrenten. Für die Bundesliga ist es toll, dass der BVB so stark ist.

bundesliga.de: Sie sprechen sehr leidenschaftlich über Fußball. Reizt es Sie nicht, vielleicht noch einmal auf die Fußball-Bühne zurückzukehren?

Pfaff: Mittlerweile genieße ich den Fußball wieder. Nach meiner Karriere brauchte ich etwas Abstand. Es war eine sehr schöne aber auch sehr harte Zeit als Spieler. Seit zehn Jahren habe ich die Trainer-Lizenz und könnte mir gut vorstellen, als Coach zu arbeiten. Ich bin fast jedes Wochenende im Stadion und schaue mir viel Fußball an. Natürlich hat sich das Geschäft verändert: Früher gab es einen Trainer und einen Co-Trainer, heute umfasst ein Trainerstab fast zehn Personen. Davor habe ich keine Angst. Man muss immer mit der Zeit gehen. Trotz aller Wandlung geht es beim Fußball nachwievor darum, möglichst viele Tore zu schießen und möglichst wenige zu kassieren.

bundesliga.de: Könnten Sie sich denn auch ein Engagement in Deutschland vorstellen?

Pfaff: Natürlich. Ich habe mich in Deutschland immer sehr wohl gefühlt und im Fußball ist vieles möglich. Die Lust auf Fußball ist bei mir wieder riesengroß.

Das Gespräch führte Florian Reinecke