Dortmund - Der BVB und Schalke trennen sich unentschieden, aber einer ist der klare Gewinner. Torhüter Manuel Neuer brachte die Dortmunder mit seinen Paraden zur Verzweiflung und gab sich hinterher bescheiden: "Das ist mein Job!"

Fünf Tage vor dem Länderspiel gegen Italien präsentierte sich Manuel Neuer in Weltklasse-Form. Ohne seine Rettungstaten hätte Schalke schon nach einer halben Stunde hoffnungslos zurückgelegen. Woher er seine ganz persönliche Stärke zieht, was der Mannschaft zurzeit fehlt und welche Perspektiven der Verein hat, darüber sprach der Keeper nach dem Spiel.

Frage: Das war ein arbeitsreicher Tag für Sie - sind Sie entsprechend froh, dass es für einen Punkt gereicht hat?

Manuel Neuer: Vor allem in der ersten Hälfte hat der BVB sehr viel Druck gemacht und hatte einige gute Chancen. Zum Glück waren es in der zweiten Halbzeit dann nicht mehr ganz so viele. Dortmund steht verdient an der Tabellenspitze. Hier einen Punkt mitzunehmen und dabei zu null zu spielen, ist also nicht so schlecht. Dass wir nicht verloren haben, ist wichtig für alle Schalker.

Frage: Die Revanche für die Hinspielpleite ist aber nicht ganz gelungen.

Neuer: In der Hinrunde haben wir zuhause gegen Dortmund wirklich katastrophal gespielt und 1:3 verloren. Darauf mussten wir jetzt im Rückspiel unbedingt einen Antwort geben. Wir haben zwar nicht unseren besten Fußball gezeigt, aber wir haben gekämpft.

Frage: Sie mussten mehrere Male einen Rückstand verhindern und auch offensiv hatte Schalke wenig gute Aktionen. Was fehlt der Mannschaft zurzeit?

Neuer: Wir sind zurzeit einfach nicht so selbstbewusst. Wir sind etwas verunsichert, und deshalb stehen wir hinten nicht so gut. Gerade darum ist es wichtig, dass die Mannschaft sich auf mich verlassen kann und weiß, dass hinten ein Rückhalt da ist. Ich habe versucht, der Mannschaft Vertrauen zu geben.

Frage: Wie kann die Mannschaft das Selbstvertrauen wieder finden?

Neuer: Es bringt nichts, jetzt nur draufzuhauen. Das Selbstvertrauen müssen wir uns erarbeiten. Ein Punkt in Dortmund ist ein guter Anfang. Dieses Unentschieden im Derby ist für uns auf jeden Fall ein kleines Erfolgserlebnis. Wir hatten es nicht verdient, einen Punkt mitzunehmen - das ist ganz klar! Aber wir sind trotzdem froh, dass es geklappt hat.

Frage: Den Punkt haben Sie Schalke fast alleine gerettet mit einigen spektakulären Aktionen. Als Sie in der 78. Minute weit vor dem Tor geklärt haben, haben Sie da noch nachgedacht?

Neuer: Das ist purer Instinkt gewesen. Wir waren alle in der Vorwärtsbewegung und wurden von einem langen Ball der Dortmunder kalt erwischt. Ich bin einfach rausgestürmt und habe gehofft, dass ich angeschossen werde. So ist es dann zum Glück auch gewesen. Es stimmt schon, dass ich einige gute Szenen hatte und ein paar Bälle halten konnte. Aber das ist ja auch mein Job!

Frage: Woher kommt Ihr eigenes Selbstvertrauen, das sich in solchen Szenen zeigt?

Neuer: Das habe ich schon von den Spielen mit der Nationalelf während der Weltmeisterschaft im Sommer mitgenommen. Ich denke auch, dass ich eine ganz gute Saison spiele. Ich habe trotz vieler Schwierigkeiten, die sich auf Schalke ergeben haben, immer versucht, eine Top-Leistung zu bringen. Das ist unter diesen Umständen nicht immer einfach. Aber man darf sich auch nicht zu viele Gedanken machen über diverse Sachen.

Frage: Apropos Nationalmannschaft: Freut es Sie, dass Sie Ihre Weltklasseleistung vor den Augen von Bundestrainer Jogi Löw zeigen konnten?

Neuer: Ich freue mich nicht besonders, weil Jogi Löw die Leistung gesehen hat. Ich freue mich vielmehr, weil wir einen Punkt aus Dortmund mitgenommen haben. Es war wichtig für alle Schalker, dass wir dieses Prestigeduell nicht verloren haben.

Frage: In der Nationalmannschaft stehen Sie jetzt in den nächsten Tagen als einziger Schalker gleich fünf Dortmundern gegenüber.

Neuer: Die Situation ist halt so. Vor ein paar Jahren waren es noch mehrere Schalker, dafür war keiner der Dortmunder dabei. Das ist eine normale Entwicklung - mal stellt der eine, mal der andere Verein mehr Spieler. Aber wenn wir uns treffen, dann sind wir alle Nationalspieler. Egal, ob Schalker oder Dortmunder. Wir spielen alle für Deutschland und wir tragen alle dasselbe Trikot.

Frage: Eine letzte Frage zu Ihrem Verein: Wie geht s jetzt weiter mit Schalke?

Neuer: Ich hoffe, dass wir aus dem kleinen Erfolgserlebnis etwas mitnehmen können. Nicht aufgrund der spielerischen Leistung, aber aufgrund des kämpferischen Einsatzes. Und ich hoffe, dass wir wieder mehr Ruhe finden. Unser nächstes Ziel muss es jetzt sein, unser Heimspiel gegen Freiburg zu gewinnen. Über andere Ziele wie Platz fünf in der Liga müssen wir zum jetzigen Zeitpunkt wirklich nicht reden.

Aufgezeichnet von Dietmar Nolte