München - Er weiß ganz genau, wie es beim FC Bayern München zugeht. 404 Mal lief er zwischen 1977 und 1991 für den deutschen Rekordmeister in der Bundesliga auf, feierte dabei sieben Deutsche Meisterschaften sowie drei DFB-Pokalsiege. Klaus Augenthaler, Weltmeister von 1990, äußert sich im Gespräch mit bundesliga.de zur derzeitigen Situation seines Ex-Vereins.

bundesliga.de: Herr Augenthaler, der FC Bayern steht nach acht Spieltagen nicht nur souverän an der Tabellenspitze der Bundesliga, sondern ist außerdem schon seit insgesamt 1018 Pflichtspiel-Minuten ohne Gegentor. Hätten Sie diese Dominanz vor der Saison erwartet?

Klaus Augenthaler: Nein, das kann man vor einer Saison nie so genau sagen. Sie haben zwar einen guten Kader, sich im Sommer prima verstärkt und mit Jupp Heynckes einen neuen Trainer geholt, der sich bestens auskennt in München. Aber dennoch war diese Dominanz nicht vorherzusehen. Ich glaube, mit den Neuverpflichtungen von Manuel Neuer, Rafinha, Jerome Boateng sowie mit Jupp Heynckes als Trainer hat der FC Bayern alles richtig gemacht. Es ist Ruhe eingekehrt.

bundesliga.de: Die Balance scheint dabei vor allem zu passen: Trainer Jupp Heynckes scheint die alten Schwächen in der Defensive aus der Vorsaison abgestellt zu haben, ohne die starke Offensive zu sehr zu drosseln. Wie beurteilen Sie seine Arbeit?

Augenthaler: Bayern hat eine so großartige Offensivabteilung, da musste er nicht viel verändern. Aber er hat erkannt, dass die Bayern in der Vorsaison Probleme hatten bei den Standardsituationen oder auch bei verschiedenen Situationen in der Abwehr. Das hat er analysiert und in der Vorbereitung behoben. Er hat Stabilität in die Defensive gebracht und das ist auch die Grundlage, um im Fußball Erfolg zu haben. Man muss eine stabile Abwehr haben und wenige Gegentore kassieren, wobei die Bayern ja nicht nur wenige Gegentore kassieren, sondern auch kaum Torchancen zulassen. Das macht letztendlich den Erfolg aus.

bundesliga.de: Besonders Franck Ribery blüht zurzeit wieder auf. Ist Heynckes auch menschlich der ideale Trainer für die Bayern?

Augenthaler: Ich glaube, dass der Jupp durch seine langjährige Erfahrung, die er auch im Ausland gesammelt hat, dazugelernt hat. Das hört sich jetzt zwar komisch an, aber ich habe ihn ja erlebt in seiner ersten Amtszeit als Bayern-Trainer, wo er vielleicht ein Stück weit verbissener war als heute. Heute weiß er ganz genau, dass ein Franck Ribery oder auch ein Arjen Robben, die ein Spiel ausmachen können, etwas anders behandelt werden müssen wie ein 19- oder 20-Jähriger.

bundesliga.de: Für Arjen Robben war nach seiner Verletzungspause zuletzt nur auf der Bank Platz. Hat der Rekordmeister da ein Luxusproblem?

Augenthaler: Nein, die Bayern haben noch so viele Spiele vor der Brust, dass der ein oder andere Spieler immer mal wieder eine Pause braucht. Aber man hat gesehen gegen Hoffenheim, dass Robben mit Sicherheit nicht begeistert war, dass er nur eingewechselt wurde. Und so etwas merkt ein erfahrener Trainer wie Jupp Heynckes sofort. Das Problem wurde ausgeräumt und Robben hat auch mehr oder weniger zugegeben, dass er nicht 100-prozentig fit war, um von Anfang an zu spielen. Spieler sind egoistisch und wollen natürlich immer spielen. Doch Jupp Heynckes hat einen großen Kader und da muss jeder Akteur bei Laune gehalten werden.

bundesliga.de: Mario Gomez hat nach acht Partien bereits acht Tore auf seinem Konto. Kann der amtierende Torschützenkönig seine Ausbeute aus dem Vorjahr, wo er 28 Mal getroffen hatte, sogar noch toppen?

Augenthaler: Das ist nicht das Wichtigste. Nein, wichtig ist, dass die Mannschaft funktioniert. Und das tut sie, sie spielt mit Spaß. Und deswegen hat Gomez auch seine Tore gemacht. Aber er ist nicht nur vorne stark, sondern arbeitet wie das gesamte Team auch nach hinten mit. Und vorne weiß er genau, wo er wie hinlaufen muss, das sind quasi blinde Abläufe.

bundesliga.de: In der Champions League haben die Bayern mit dem FC Villareal, Manchester City und dem SSC Neapel wahrlich keine leichte Gruppe erwischt - und marschieren dennoch nach Siegen gegen Villareal und ManCity bereits vorneweg. Sehen Sie die Münchner denn schon auf dem Weg ins Finale im eigenen Stadion?

Augenthaler: Ich glaube, dass ist noch ein bisschen zu früh. Die Vorrunde werden sie wohl überstehen, wenn man auswärts bei Villareal und zuhause gegen ManCity gewinnt. Dieser gute Start mit zwei Siegen aus den ersten beiden Partien war wichtig und gibt natürlich Selbstvertrauen. Dennoch darf man nicht vergessen, und das wird auch der Jupp angesprochen haben, dass die ersten 30 Minuten gegen ManCity nicht so gut waren. Wenn man Pech hat, dann wird vielleicht eine von beiden Elfmetersituationen für ManCity gepfiffen. Und dann geht s vielleicht auch anders aus.

bundesliga.de: In der Bundesliga gab es zuletzt gegen 1899 Hoffenheim nur ein torloses Remis. Die Kraichgauer hatten die etwas müde erscheinenden Bayern sogar am Rande einer Niederlage. War das ein Ausrutscher oder müssen die Münchner der Mehrfachbelastung mit der Champions League und dem DFB-Pokal früher oder später Tribut zollen?

Augenthaler: Solche Spiele wird es immer wieder mal geben in einer Saison, das kenne ich noch aus eigener Erfahrung. Heynckes wird das auch angesprochen haben, gerade nach der guten Partie in der Champions League gegen Manchester City. Vor allem die Auswärtsspiele in der Bundesliga nach einem Champions-League-Spiel unter der Woche sind anstrengend. Neben der Reiserei kommt nämlich auch noch dazu, dass jedes Team gegen den FC Bayern immer an seine Leistungsgrenze geht, vor allem in einem Heimspiel. Und dann spürt man eben so eine gewisse Müdigkeit und dann muss man sich auch mal zufrieden geben mit einem "schmutzigen" 1:0-Sieg oder mit einem Punkt. Und so war es ja auch jetzt gegen Hoffenheim. Aber was ich in den vorherigen Spielen von den Bayern gesehen habe, da muss ich schon sagen, dass die Henyckes-Elf momentan wirklich das Beste ist, was Deutschland zu bieten hat.

Das Gespräch führte Robin Schmidt


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