Köln - Zweimal wurde Christian Ziege mit dem FC Bayern München Deutscher Meister, einmal UEFA-Cup-Sieger. Zudem gewann er Titel in England und Italien. Im Interview mit bundesliga.de analysiert der Europameister von 1996 die Situation bei den Bayern und spricht über die Herausforderer Wolfsburg, Dortmund und Mönchengladbach. Außerdem hat er einen Traditionsverein als mögliches Überraschungsteam auf dem Zettel.

bundesliga.de: Herr Ziege, die Bundesliga startet am Freitag in ihre 53. Saison. Freuen Sie sich schon auf den Auftakt?

Christian Ziege: Es ist immer schön, wenn der Ball wieder rollt. Ich habe zwar keine schlaflosen Nächte, aber die Bundesliga oder auch die 2. Bundesliga fehlen natürlich schon in der Sommerpause.

bundesliga.de: Zum Start empfängt ihr Ex-Verein FC Bayern den Hamburger SV. Der letzte Auswärtssieg der Hanseaten liegt schon acht Jahre zurück. Die Vorzeichen könnten also besser sein.

Ziege: Es wird wieder sehr, sehr schwer für die Hamburger - auch nach dem Ergebnis im Pokalspiel in Jena. Die Bayern haben ein Heimspiel und werden dieses auch so angehen. Von daher: Heimsieg Bayern.

bundesliga.de: Die Münchner können in diesem Jahr zum vierten Mal in Serie Meister werden. Packen sie den Rekord?

Ziege: Die Bayern werden alles dafür tun. Zwar haben sie den Supercup gegen Wolfsburg etwas unglücklich verloren, aber beim Audi Cup gegen zwei große Mannschaften wie den AC Mailand und Real Madrid dann eindrucksvoll gezeigt, wozu sie im Stande sind.

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"Douglas Costa hat unglaubliches Potenzial"

bundesliga.de: Der Meister war auf dem Transfermarkt recht aktiv. Vor allem der Wechsel von Arturo Vidal hat hohe Wellen geschlagen. Nachvollziehbar?

Ziege: Arturo Vidal hat bei Juventus Turin gezeigt, warum ihn Jupp Heynckes schon vor vier Jahren zu Bayern holen wollte. Er bringt etwas mit, was dem Spiel der Bayern vielleicht gefehlt hat. Vor allem seine Aggressivität und seine Präsenz auf dem Platz tun den Bayern gut.

bundesliga.de: Einen starken Eindruck hat auch Douglas Costa hinterlassen.

Ziege: Wenn er es schafft, diese Leistungen aus der Vorbereitung in der Saison konstant zu zeigen, dann wird nicht nur der FC Bayern, sondern die gesamte Bundesliga eine Menge Spaß an ihm haben. Douglas Costa hat unglaubliches Potenzial.

bundesliga.de: Unglaubliches Potenzial hat Coach Pep Guardiola auch Joshua Kimmich bescheinigt. Stimmen Sie zu?

Ziege: Er ist zweifelsohne ein großes Talent, allerdings ist der Konkurrenzkampf in München groß. Mir gefällt, dass er bereits sehr selbstbewusst auftritt und nicht den lieben Schwiegersohn gibt, der einfach mitschwimmt. Aber er wird Zeit brauchen.

"Wolfsburg fehlen defensiv noch ein paar Prozent"

bundesliga.de: Zeit, die Coach Pep Guardiola offenbar nicht zugestanden wird. Trotz zahlreicher Titel steht er in den Medien oft in der Kritik. Wie beurteilen Sie seine Arbeit?

Ziege: Ich kann die Kritik an Guardiola nicht nachvollziehen. Er hat hervorragende Arbeit geleistet. Welcher Verein auf der Welt, außer vielleicht Real oder der FC Barcelona, hat vor der Saison den Anspruch drei Titel zu holen? Und das jedes Jahr. Diese Titel hängen an so vielen Faktoren, die man auch als Coach nicht immer beeinflussen kann. Für mich gehört er zu den besten Trainern der Welt.

bundesliga.de: Zum besten Trainer Deutschlands wurde jüngst Wolfsburgs Dieter Hecking gewählt. Können die Wölfe den Bayern auch im Kampf um die Schale gefährlich werden?

Ziege: Der VfL hat in den letzten Jahren eine großartige Entwicklung genommen, aber ich denke, so weit sind sie noch nicht. Zwar kann es klappen, wenn alles für dich läuft und die Bayern schwächeln, aber mir fehlen defensiv noch ein paar Prozent, um konstant auf diesem Niveau zu spielen.

bundesliga.de: Auf einem ähnlich hohen Niveau ist auch ein weiterer Ex-Club von Ihnen anzusiedeln. Für Borussia Mönchengladbach steht gleich am 1. Spieltag der absolute Kracher bei Borussia Dortmund an. Ein erster Gradmesser?

Ziege: Es ist ja erst das erste Spiel und es kann noch so viel passieren. Gladbach macht aber einen sehr gefestigten Eindruck und wird die Saison auf jeden Fall auf einem der ersten vier Plätze beenden.

bundesliga.de: Ein solch offensives Saisonziel wird man von den Gladbacher Verantwortlichen wohl nicht hören. Sportdirektor Max Eberl hat den Erfolg der letzten Saison als absolute Sensation bezeichnet. Stapelt er da nicht ein bisschen zu tief?

Ziege: Ich denke, dass Max Eberl sehr intelligent handelt. Es gab schon viele, die groß den Mund aufgerissen haben und es am Ende wieder in die andere Richtung ging. Sollte die Entwicklung aber weitergehen, muss man natürlich auch in Sachen Anspruch den nächsten Schritt machen.

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"BVB ist unter Tuchel variabler geworden"

bundesliga.de: Eine richtungsweisende Saison hat auch die Dortmunder Borussia vor sich. Mit Thomas Tuchel steht ein echter Taktikfuchs an der Seitenlinie. Kann er den BVB wieder auf Kurs bringen?

Ziege: Das steht außer Frage. Aber die Mannschaft braucht sicherlich Zeit, bis sie verinnerlicht hat, was der Trainer von ihr verlangt. Das Spiel unter Tuchel ist variabler geworden. In der letzten Saison hatten sie Probleme, das Geschehen selbst zu diktieren. Gegen Wolfsberg hat man gesehen, was Tuchel wichtig ist. Doch bis die Mechanismen greifen, kann es eben auch den ein oder anderen Rückschlag geben.

bundesliga.de: Mit dem ein oder andern Rückschlag rechnet man bei Sensations-Aufsteiger SV Darmstadt sowieso. Für Stürmer Dominik Stroh-Engel wäre der Klassenerhalt gar ein Weltwunder. Sehen sie das ähnlich?

Ziege: Es wird für keinen Gegner ein Leckerbissen, gegen sie zu spielen. Vor allem am Böllenfalltor. Sie werden extrem viel arbeiten und für jeden Punkt alles reinhauen. Ich denke, dass Coach Dirk Schuster auch überhaupt nichts anderes zulassen wird. Wozu es am Ende reicht, wird man dann sehen.

bundesliga.de: Für die größte Überraschung sorgte in der vergangenen Saison wohl der FC Augsburg, der Fünfter wurde. Wer hat diesmal das größte Überraschungspotenzial?

Ziege: Ich könnte mir vorstellen, dass der 1. FC Köln den nächsten Schritt macht. Mit Sportdirektor Jörg Schmadtke und Coach Peter Stöger ist eine gute Ruhe in den Club gekommen. Köln ist kein einfaches Pflaster, hat aber allemal das Zeug dazu, für eine positive Überraschung zu sorgen.

Das Gespräch führte Thomas Ziemann