Gelsenkirchen - Seit sieben Monaten lenkt Christian Heidel die Geschicke des FC Schalke 04. Schnell hat sich gezeigt, dass ein frischer Wind weht auf Schalke. Gerade der unaufgeregte und souveräne Umgang mit der Niederlagen-Serie zu Beginn der Saison taugt dafür als Beweis. Im zweiten Teil des großen Exklusiv-Interviews mit bundesliga.de spricht Heidel über die weiteren Maßnahmen, die Schalke für die kommenden Jahre fit machen sollen und erklärt, was er von den beiden Neuzugängen, Holger Badstuber und Guido Burgstaller, erwartet.

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bundesliga.de: Sie haben in Ihrem ersten halben Jahr auf Schalke nicht nur in Bezug auf die Mannschaft vieles angestoßen, sondern wollen auch in Sachen Infrastruktur ein neues Schalke schaffen. So wird es unter anderem ein neues Leistungszentrum für die Profis geben, aber auch ein neues Jugendinternat...

Heidel: ...zudem bekommen wir neue Trainingsplätze und eine neue Geschäftsstelle. Das alte Parkstadion wird umgebaut zu einem klassischen Fußballstadion für die Mannschaften der Knappenschmiede. Ganz Schalke 04 wird auf dem Berger Feld an der Veltins-Arena zu Hause sein.

bundesliga.de: Das klingt spektakulär. Lassen Sie uns dennoch einen Moment bei der Nachwuchsarbeit bleiben, die ohnehin als eine der besten der Bundesliga gilt. Ist es vorstellbar, dass sich Jugendarbeit soweit optimieren lässt, dass man irgendwann ein Stück weit unabhängig wird von teuren Spielerkäufen?

Heidel: Das kann ich mir für Schalke nicht vorstellen. Will man in der Spitze spielen – und das ist Schalkes Anspruch für die Bundesliga und auch für Europa –, wird man trotz bester Arbeit nicht alles aus der eigenen Jugend abdecken können. Es gibt Ausnahmen, wie Leroy Sané, der in kürzester Zeit Fuß gefasst hat im Profi-Fußball. In der Regel aber ist der Weg aus der U19 in die Bundesligaspitze sehr schwierig. Dennoch ist es das erklärte Ziel unsere Jugendarbeit – die, wie Sie sagen, ohnehin top ist – noch zu optimieren. Schafft man für unsere Top-Trainer auch Top-Möglichkeiten, die sie aktuell noch nicht vorfinden, warum sollte die Entwicklung dann stagnieren oder gar rückläufig sein?! Im Übrigen warne ich grundsätzlich vor der Haltung „Warum etwas verändern, es funktioniert doch?“ Das ist gefährlich. Denn dass etwas über einen längeren Zeitraum gut funktioniert hat, bedeutet noch lange nicht, dass es auch in Zukunft weiterhin gut funktioniert.

bundesliga.de: Sie spielen explizit auf Stimmen an wie „Warum etwas ändern? Wir haben in den vergangenen 15 Jahren doch 14mal europäisch gespielt“?

Heidel: Ja. Niemand gibt uns die Garantie, dass das in den kommenden 15 Jahren auch der Fall sein wird. Die Bundesliga verändert sich, die anderen Vereine haben aufgeholt. Ich kann das sehr gut beurteilen, weil ich mit dem FSV Mainz 05 aus einem kleinen Verein komme, der extrem aufgeholt hat. Warum? Weil dort die notwendigen Dinge schon gemacht worden sind und man nicht nur von Saison zu Saison geschaut und darauf geachtet hat, auf welchem Tabellenrang man am 34. Spieltag steht. Und diese Erkenntnis ist der Grund dafür, dass nun auf Schalke überall Bagger herumstehen. (lacht)

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bundesliga.de: Wie reagiert man auf dieses Engagement?

Heidel: Mir ist zunächst wichtig zu betonen, dass all das nicht allein auf dem Mist von Christian Heidel gewachsen ist. Diese Pläne gab es zum Teil schon, wir haben in dem einen oder anderen Fall nur die Prioritäten etwas verändert und das eine dem anderen vorgezogen. Es besteht im Verein absolute Einigkeit, dass wir das tun müssen, auch wenn es bedeutet, dass wir die eine oder andere Million nun nicht in die Mannschaft investieren können. Dieses Geld müssen wir zwingend in die Infrastruktur investieren. Würden wir das nicht tun, bin ich überzeugt, dass wir in zehn Jahren über ganz andere Probleme diskutieren müssten. Andere Vereine würden uns dann überholen, und das wäre gewiss nicht allein mit Geld auszugleichen.

bundesliga.de: Der Fußball ist schnelllebig, eine Infrastruktur zu verändern, braucht aber Zeit. Sind Sie jemand, der trotz dieses Wissens ungeduldig wird?

Heidel: Ich sehe mich als Entwickler, so habe ich meine Arbeit schon in Mainz verstanden. Wenn man sich in Erinnerung ruft, wo der Club 1992 gestanden hat und wo er heute steht, sieht man, dass dafür ein Prozess von mehr als zwanzig Jahren notwendig war, den wir gemeinsam vorangetrieben haben. Soll heißen: Ich weiß, wie viel Zeit die Dinge in Anspruch nehmen. Und mir ist völlig klar, dass ich nicht für morgen einen Bagger bestellen und dann sofort beginnen kann, ein Loch zu graben. (lacht) Dafür bedarf es sehr vieler Schritte, Baugenehmigungen etc. Zudem müssen wir uns klarmachen, dass wir heute Dinge auf den Weg bringen, durch die wir morgen noch keine Spiele gewinnen werden. Die Maßnahmen, die das erfordert, müssen wir aber selbstverständlich auch erledigen. All das gilt es unter einen Hut zu bringen.

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bundesliga.de: Maßnahmen, die sofort greifen sollen, sind die Ausleihe von Holger Badstuber und die Verpflichtung von Guido Burgstaller. Welche Überlegung steht hinter der Entscheidung für diese beiden Spieler?

Heidel: Uns war wichtig, dass diese Spieler keine lange Integrationszeit benötigen. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass man Wintertransfers aus dem Ausland – das bedeutet neues Land, neue Sprache, neue Liga, neue Mitspieler – Zeit geben muss. Die Rückrunde ist dann aber ruckzuck rum. Mit Badstuber und Burgstaller setzen wir auf Spieler, die deutschsprachig sind und die Bundesliga und die anderen Spieler kennen. Bei Burgstaller imponiert uns, abgesehen von seinen 16 Toren, gerade auch seine Spielweise. Er arbeitet sehr viel gegen den Ball. Genau das brauchen wir, dass der vorderste Stürmer gleichzeitig der der erste Verteidiger ist. Für unsere Spielidee ist das unabdingbar. Wir trauen Burgstaller unbedingt zu, dass er den Sprung von der Zweiten Liga in die Bundesliga schnell schafft.

bundesliga.de: Und Holger Badstuber?

Heidel: Badstuber, ein Spieler, der einer der besten Innenverteidiger in Deutschland war, bedeutet für uns eine Alternative ohne jegliches wirtschaftliche Risiko. Er hat zwar zwei Jahre nicht gespielt, ist aber fit und wird nun seinen Rhythmus finden.

>>> Badstuber: "Ich kann Schalke mit meiner Qualität helfen"

bundesliga.de: Würden Sie zum Abschluss bitte einmal in wenigen Sätzen Ihre Vision vom neuen FC Schalke 04 in zwei, drei Jahren beschreiben?

Heidel: Wir können niemand die Meisterschaft versprechen. Aber wir stellen heute die Weichen dafür, dass Schalke in drei, vier Jahren die Möglichkeit hat dauerhaft in der Bundesliga-Spitze mitzuspielen. Wenn wir das mit der großen emotionalen Kraft bündeln können, über die dieser Club verfügt, bin ich überzeugt, dass uns das auch gelingen wird. Damit aber kein falscher Eindruck entsteht: Das darf nicht bedeuten, dass wir in den nächsten drei Jahren immer nur Elfter werden – nein, das geht nicht!

>>> Zum ersten Teil des Exklusiv-Interviews mit Christian Heidel

Das Gespräch führte Andreas Kötter