Aristoteles hätte seine helle Freude gehabt. Die 1:0-Führung für Hannover 96 gegen den FC Bayern München durch Jiri Stajner in der 15. Minute entsprach ganz der Vorstellung des antiken griechischen Dichters von einer Peripetie.

In der klassischen Dramentheorie beschreibt dieser Begriff den entscheidenden Moment des Umschwungs, wodurch entweder die anschließende Katastrophe ausgelöst wird oder die Handlung auf die Lösung des Konflikts zusteuert.

Happy End statt Katastrophe

Eine Niederlage gegen 96 wäre aus Sicht des Rekordmeisters vielleicht nicht sofort einer Katastrophe gleichgekommen. Doch nach bis dato nur einem Bundesliga-Sieg in der Rückrunde und dem bitteren, weil deutlichen und verdienten Pokal-Aus gegen Bayer Leverkusen bestand zumindest erhöhte Alarmbereitschaft in den Chefetagen des FC Bayern.

Auch das kickende Personal war sich des Ernstes der Lage bewusst. Vom "Schicksalsspiel" (FCB-Torwart Michael Rensing) war hinterher die Rede, und von "fünf vor Zwölf" (Stürmer Miroslav Klose) auf der imaginären bayrischen Geduldsuhr.

Ein weiterer Rückschlag im Titelrennen, in dem der Topfavorit in der gesamten Saison noch kein einziges Mal auf Platz 1 lag, hätte den Druck auf Trainer Jürgen Klinsmann beträchtlich erhöht - noch dazu im Falle einer Niederlage gegen das mit Abstand auswärtsschwächste Team der Bundesliga (nur ein Punkt).

Vier Treffer per Kopf

Doch die Katastrophe blieb aus, aus der Tragödie wurde eine Komödie mit Happy End. Da konnte auch die Tatsache, dass der FCB zum sechsten Mal in den letzten sieben Bundesligapartien einem 0:1 hinterherlaufen musste, die Stimmung nicht trüben. Gelöst lächelnd und mit einem unter dem Strich hochverdienten 5:1 im Rücken trat Klinsmann nach dem Schlusspfiff vor die Kameras und Mikrofone.

"Wir haben Geduld bewiesen gegen sehr kompakte Hannoveraner. Nach dem Gegentreffer hat sich die Mannschaft nicht aus der Ruhe bringen lassen und hat ein Tor nach dem anderen herbeigezwungen", analysierte der 44-Jährige erleichtert die siegbringenden Treffer durch Daniel van Buyten (20.), Klose (25.), Hamit Altintop (34.), Lukas Podolski (73.) und Martin Demichelis (89.).

Überragend war dabei die Münchener Lufthoheit. Lediglich Altintop, der in der 65. Minute mit einem Muskelfaserriss ausgewechselt werden musste und nun zwei bis drei Wochen ausfallen wird, traf mit dem Fuß, die restlichen vier Treffer waren allesamt Kopfbälle nach Standards.

Starker van Buyten

Auf seine Superstars hatte der ehemalige Bundestrainer gegen die Niedersachsen nicht zählen können. Luca Toni und Franck Ribery fielen ebenso verletzt aus wie Tim Borowski, Kapitän Mark van Bommel konnte aufgrund seiner Gelb-Sperre ebenfalls nur untätig auf der Tribüne sitzen.

Seinen höchsten Bundesliga-Sieg als Coach hatte Klinsmann anderen zu verdanken. Van Buyten beispielsweise, der nicht nur den schnellen Ausgleich besorgte, sondern auch den auf die Sechserposition vorgerückten Demichelis mit 75 Prozent gewonnenen Zweikämpfen glänzend in der Innenverteidigung vertrat.

"Ich denke, ich habe einen guten Eindruck hinterlassen. Aber der Trainer ist der Chef und entscheidet", wollte van Buyten gegenüber bundesliga.de offen lassen, ob ihm seine starke Vorstellung in Zukunft vom Reservisten zum Stammspieler macht. Die gegen 96 erlittene Sprunggelenksverletzung verhindert einen Einsatz des Belgiers in den kommenden Partien gegen Sporting Lissabon, Bochum und Karlsruhe jedenfalls nicht.

Klinsmann glaubt fest an die Meisterschaft

Bedanken musste sich Klinsmann auch bei Bastian Schweinsteiger, der die ersten beiden Treffer mit sehenswerten Freistößen vorbereitete. Oder bei Lukas Podolski, der wie van Buyten und Schweinsteiger beim 2:4 gegen Leverkusen noch lange auf der Bank schmoren musste und mit seinem 4:1 gegen Hannover endgültig den Sack zumachte. Oder bei Ze Roberto, der die letzten beiden Torvorlagen lieferte und nach seinem Wechsel von der linken Verteidigerposition zurück ins Mittelfeld förmlich aufblühte.

Dank der Patzer der Konkurrenz rangiert der FCB nun wieder auf Platz 2, punktgleich mit Hoffenheim, Wolfsburg und dem Hamburger SV. Einzig der Abstand zu Tabellenführer Berlin ist mit vier Zählern gleichgeblieben.

"Hertha ist vorne weg und muss eingeholt werden. Es sind noch elf Spiele und ich glaube, wir haben noch alle Möglichkeiten, um Deutscher Meister zu werden", sagte Klinsmann. Insofern hätte die Partie gegen Hannover reinigende Wirkung im gesamten Club erzeugt - die Katharsis und Aristoteles lassen grüßen.

Aus der Allianz Arena berichtet Denis Huber