Gdansk - Als Vicente del Bosque mit dicken Schweißperlen auf seiner kahlen Stirn noch von den Journalisten in die Mangel genommen wurde, dürfte Joachim Löw bereits zufrieden auf dem Rückweg ins deutsche Team-Hotel gewesen sein.

"Die Wahrheit ist", sagte der müde Weltmeister-Trainer del Bosque, "das war insgesamt kein gutes Spiel von uns, und das sollte uns Sorgen machen." Löw, Bundestrainer im Spionage-Einsatz, wird die Zitterpartie der taumelnden Spanier im letzten EM-Gruppenspiel gegen Kroatien (1:0) ganz ähnlich gesehen haben.

Löw: "Spanien nach wie vor Topvaforit"



Unter den Augen Löws, der mit dem DFB-Team frühestens im Finale auf den Welt- und Europameister treffen könnte, präsentierte sich Spanien defensiv anfällig, offensiv überraschend hilflos, insgesamt fahrlässig. Die Erkenntnis des Abends: Die Übermannschaft der vergangenen Jahre ist schlagbar. Von einer Wachablösung in der Favoritenfrage wollte der Bundestrainer am Dienstag aber nichts wissen. "Für mich ist Spanien nach wie vor der absolute Topfavorit", sagte Löw, und erklärte auch, warum: "Sie sind immer noch weltklasse in der Ballkombination. Aber es ist schwierig, wenn sich eine Mannschaft wie Kroatien mit neun Spielern hinter den Ball stellt und versucht, jede Aktion zu zerstören."

Auch Del Bosque meldete sich am Tag nach dem Zittersieg noch einmal zu Wort und räumte ein, dass man "nicht extrem optimistisch" sei. Gleichzeitig forderte er, die Dinge mit mehr Augenmaß zu betrachten, und verwies auf die Schwierigkeiten anderer Favoriten: "Auch Deutschland war gegen Dänemark nahe dran, auszuscheiden."

Kroatiens scheidender Trainer Slaven Bilic hatte nach dem bitteren Vorrunden-Aus seines Teams behauptet: "Es gibt andere Mannschaften, die haben vielleicht nicht ganz so viel Qualität, sind aber hungriger als Spanien."

Casillas rettet gegen Rakitic



Dass die Iberer nach 90 bangen Minuten überhaupt ins Viertelfinale stolperten, wo sie am Samstag (ab 20:30 Uhr im Live-Ticker) in Donezk auf England, Frankreich oder die Ukraine treffen (del Bosque": Ich habe da keine Präferenz"), hatten sie zwei Protagonisten zu verdanken: dem "heiligen Iker" und Jesus.

Torwart Iker Casillas hielt Spanien bei einer Kopfballchance des früheren Schalkers Ivan Rakitic in der 58. Minute mit einer Glanzparade im Spiel. Der eingewechselte Jesus Navas traf nach einer Traumkombination über den ebenfalls eingewechselten Cesc Fabregas und Andres Iniesta in der 88. Minute zum äußerst glücklichen 1:0.

Spanien leidet - Kroatien hadert



"Es war ein Geduldsspiel", sagte Casillas in der stickigen Mixed Zone, während sich im Hintergrund ein Gewitter zusammenbraute: "Es war eine sehr schwierige Partie, weil wir sehr nervös waren. Das war nicht leicht." Ähnlich sahen das auch seine Teamkollegen, die einräumten, viel durchgemacht zu haben. "Wir haben gelitten!", sagte Iniesta, der zum Spieler des Spiels gewählt wurde: "Es war eine harte Partie, schwierig, aber wir haben bis zum Schluss gekämpft und den Sieg geholt."

Bis zum 1:0 durch Navas hätte ein Tor der Kroaten aufgrund der gleichzeitigen Führung Italiens gegen Irland den Vorrunden-K.o. für Spanien bedeutet. Und bei einem vermeintlichen Foul von Sergio Ramos an Mario Mandzukic (27.) hätten sich die Spanier nicht beschweren dürfen, wenn Schiedsrichter Wolfgang Stark (Ergolding) auf Elfmeter entschieden hätte. So waren die Kroaten eben nur "nah dran", wie der zu Lokomotive Moskau wechselnde Bilic sagte: "Wir hätten Spanien in dieser Nacht stoppen können. Aber Casillas war für sie der Held."

Derjenige, der den spanischen Mannschaftskapitän zum Helden gemacht hatte, sparte nicht mit Selbstkritik. "Ich hätte Casillas am liebsten in den Hintern getreten, mich selbst geohrfeigt und sofort mit meinem Vater Kopfball trainiert", sagte Rakitic.