Köln - Carsten Ramelow hat das Gefühl nie kennengelernt, mit Bayer 04 Leverkusen beim FC Bayern München zu gewinnen. Der Vizeweltmeister von 2002 weiß also, wovon er spricht, wenn er der Werkself nur geringe Chancen auf einen Sieg an der Isar gibt.

"Die Bayern spielen in ihrer eigenen Liga", meint der 40-jährige Ex-Profi von Hertha BSC und Bayer Leverkusen im Interview mit bundesliga.de.

bundesliga.de: Herr Ramelow, Ihr Ex-Verein Bayer 04 Leverkusen gastiert am Samstagabend zum Topspiel in München. Die Tabelle sagt, dass der Erste den Dritten empfängt. Ist es ein offenes Spiel oder ist die Werkself doch eher krasser Außenseiter?

Carsten Ramelow: Wir müssen uns generell fragen, wer den Bayern im Moment überhaupt einigermaßen Paroli bieten kann. Auch für Bayer Leverkusen wird es sehr schwer. Bayern ist einfach zu dominant, und das wird auch so bleiben. Ich würde nicht sagen, dass Leverkusen krasser Außenseiter ist. Sie sind durchaus in der Lage, eine Überraschung zu schaffen. Aber die Chancen schätze ich relativ gering ein. Ich denke, dass die Bayern das Ding gewinnen werden.

"Du brauchst Glück gegen die Bayern"

bundesliga.de: In den letzten Jahren gehört Leverkusen zu den wenigen Mannschaften, die überhaupt einmal ein Spiel gegen die Bayern gewonnen haben. Vor zwei Jahren war Bayer 04 die letzte Truppe, die den Münchenern in einem wichtigen Spiel eine Niederlage beigebracht haben. Liegt Leverkusen den Bayern weniger als andere Teams?

Ramelow: Nein. Ich erinnere mich an das Spiel, in dem Sidney Sam kurz vor Schluss Richtung Eckfahne köpft und der Ball dann ins Tor abgefälscht wird. Damals hatten sie viel Glück. Das brauchst Du aber auch bei den Bayern. Wenn sie das haben, besteht die Chance, das Spiel zu gewinnen. Die besteht ja immer. Aber derzeit ist Leverkusen so eine Art Überraschungsei. Man weiß nie, was bei ihnen rauskommt.

bundesliga.de: Hat Manchester City mit dem Sieg gegen die Bayern in der Champions League vor zehn Tagen dennoch ein bisschen Mut gemacht und gezeigt, dass auch die Bayern Spiele verlieren können?

Ramelow: Ja. Leverkusen wird auch nicht in die Partie gehen und das Spiel herschenken. Auch wenn die Spieler wissen, dass es schwer wird und die Chancen gering sind, versuchen sie das Bestmögliche herauszuholen. Mit ein bisschen Glück können sie es schaffen. Und die Bayern werden auch mal wieder irgendwann ein Spiel verlieren, das ist auch klar. Aber so oft wird es nicht vorkommen. Dafür ist der Kader der Bayern zu stark. Sie können jederzeit nachlegen. Bei Leverkusen sieht man bei den internationalen Auftritten, dass die Qualität noch fehlt. Und ein Auftritt in München ist vergleichbar mit einem Spiel in der Champions League.

"Leverkusen hat die Qualität, Zweiter zu werden"

bundesliga.de: Nach den beiden klaren Siegen in der Bundesliga gegen Hannover und Köln und dem Vorrücken auf Platz 3 sollte Bayer 04 eigentlich mit breiter Brust aufspielen können?

Ramelow: Absolut. Sie sind wieder auf dem richtigen Weg. Zuvor waren sie etwas abgefallen und fast schon ins Mittelfeld abgerutscht. In der Bundesliga ist aber nach wie vor alles eng beisammen. Mit zwei Siegen ist man wieder in der Spitzengruppe drin. Genauso umgekehrt. Aber auch wenn Leverkusen in München am Wochenende verliert, wird die Mannschaft nicht einknicken. Das wird sie nicht umhauen. Sie sind auf der richtigen Spur. Bei ihren letzten Auftritten haben sie sich sehr gut präsentiert.

bundesliga.de: Glauben Sie, dass Bayer-Stürmer Josip Drmic einmal eine Chance in der Startelf verdient hätte, nachdem er gegen Köln zuletzt zweimal traf und Stefan Kießling nicht in Topform ist?

Ramelow: Das sehe ich auch so. Das hat man gegen Köln gesehen, als Stefan das Pech an den Füßen klebte und ihm jeder Ball versprang. Er merkt selber, dass es momentan nicht am besten läuft. Vielleicht wechselt der Trainer jetzt und bringt Drmic nach seinen beiden Toren. Das macht vielleicht Sinn, um ihm auch einmal eine Chance von Anfang zu geben. Drmic hatte vorher auch schon viele gute Chancen, die er nicht so gut genutzt hat wie gegen Köln. Zum Schluss war es für ihn auch relativ einfach. Aber wenn er den Schwung mitnehmen kann, wäre er sicher eine Alternative.

bundesliga.de: Was sind Ihre schönsten Erinnerungen an Spiele gegen die Bayern? Was waren Ihre Highlights?

Ramelow: Wir haben in München nicht gerade toll gespielt. Zuhause sah es dagegen ganz gut aus. Das waren meistens enge Spiele, von denen wir auch einige gewinnen konnten. Wir haben einmal, 1997, in Unterzahl ein 0:2 gedreht und noch mit 4:2 gewonnen. Ulf Kirsten hat damals drei Tore gemacht. Die Spiele bleiben bei mir hängen. In München war es immer schwierig.

bundesliga.de: Wo werden die Bayern und Leverkusen am Ende der Saison stehen?

Ramelow: Leverkusen ist eine Mannschaft, die immer unter den ersten Fünf mitspielen muss und auch die Qualität hat, Zweiter oder Dritter zu werden. Nach den Bayern ist die Bundesliga sehr ausgeglichen. Die Bayern spielen in ihrer eigenen Liga.

Das Gespräch führte Tobias Gonscherowski