Dortmund - Ausgerechnet vor dem richtungsweisenden Spiel in der Champions League bei Sporting Lissabon plagen Borussia Dortmund erhebliche Personalsorgen. Die Borussia macht aus der Not eine Tugend. Schon gegen Hertha BSC schickte Thomas Tuchel eine der jüngsten Startformationen der Vereinsgeschichte auf den Rasen. Die Youngster sind zwar unerfahren – aber Kampfgeist, Moral und Willen sind top.

Als Marcel Schmelzer nach dem 1:1-Remis gegen die Berliner das Stadion verließ, verhieß sein Gesichtsausdruck schon nichts Gutes. Am Sonntag folgte die Bestätigung: Der Kapitän fehlt dem BVB mit einem Faserriss im Adduktorenbereich rund zwei Wochen. Sein Ausfall sorgt dafür, dass die Verletztenliste bei der Borussia von Castro bis zu Reus weiterhin Mannschaftsstärke hat – und dass die Elf auf dem Platz immer jünger wird.

Gegen die Berliner war Schmelzer mit 28 Jahren der älteste Dortmunder Spieler. Im Schnitt lag die Startelf bei 22,9 Jahren – nur zwei Mal überhaupt in der 107-jährigen Vereinsgeschichte war eine Mannschaft ähnlich jung. Felix Passlack und Christian Pulisic sind gerade 18 Jahre alt, Emre Mor ist 19, Mikel Merino feierte mit 20 Jahren sein Bundesligadebüt, Julian Weigl ist 21 Jahre alt, Matthias Ginter mit 22 Jahren kaum älter. Der eingewechselte Ousmane Dembélé erweiterte in der zweiten Halbzeit die Riege der 19-Jährigen.

"Es hat mir großen Spaß gemacht"

Dass man dieser Mannschaft ihre Unerfahrenheit angemerkt hat, dass diese Dortmunder manches Mal ein Stück weit naiv agiert und sich über weite Strecken spielerisch schwer getan haben – verwundern kann das nicht. Zumal es ein Zusammenspiel in dieser Konstellation noch nie gegeben hat. Und doch hatten die Fans und auch der Trainer richtig Spaß daran, wie sich dieses Team in einem hitzigen Schlagabtausch gesteigert und letztlich behauptet hat. "Wir haben intensiv und emotional gespielt, alles reingeworfen. Es hat mir großen Spaß gemacht, diese Mannschaft zu coachen", lobte Thomas Tuchel.

Fehlt dem BVB nicht nur in Lissabon: Linksverteidiger Marcel Schmelzer © DFL DEUTSCHE FUSSBALL LIGA / Alexander Scheuber

Die Führung der Gäste, der verschossene Elfmeter von Pierre-Emerick Aubameyang – es gab nichts, was den Willen und den Kampfgeist der jungen Elf hätte brechen können. "Das Spiel sagt viel über unsere Moral aus", stellte Matthias Ginter nicht ohne Stolz fest. "Wir haben vor dem Spiel besprochen, dass wir keine Ausreden brauchen – egal, wie viele Verletzte wir haben." Auch Julian Weigl, der trotz seines jungen Alters schon jetzt eine Führungsrolle übernehmen muss, betonte, "dass wir nie aufgesteckt und immer weiter mutig nach vorne gespielt haben".

Den Weg weitergehen

Ob man mit dieser Mannschaft und elf Verletzten im Gepäck denn nun auch auf internationaler Ebene in Lissabon bestehen könne, wurde Weigl nach dem Spiel gefragt. Der 21-Jährige lächelte und zuckte kurz mit den Schultern: "Wir müssen, wir haben ja keine andere Wahl. Wir müssen unseren Weg mit unseren jungen Spielern weitergehen und ihnen unser Spiel immer mehr einimpfen.“

Die jungen Dortmunder Wilden wollen weiter offensiv auftreten © DFL DEUTSCHE FUSSBALL LIGA / Alexander Scheuber

Offensiv und aggressiv wolle und werde man auch am Dienstag bei Sporting antreten, ist Weigl überzeugt. Auch Emre Mor, der gegen Berlin die Rote Karte sah, darf in der Champions League mitmischen. Um eine andere Alternative hat sich der BVB im Vorfeld selbst gebracht: Mittelfeldspieler Mikel Merino, der bei seinem Debüt gegen Berlin in ungewohnter Rolle als Innenverteidiger mit einigen schönen Pässen im Aufbauspiel geglänzt hatte, wurde vom Verein ebenso wie der potentielle Schmelzer-Ersatz Joo-Ho Park nicht für die Gruppenphase gemeldet und ist damit nicht spielberechtigt.

Aus Dortmund berichtet Dietmar Nolte