München - Borussia Dortmund hat mit viel Geduld nach zwei Rückschlägen zurück in die Spur gefunden. Nach der Champions-League-Auftaktpleite bei der SSC Neapel und dem ersten Punktverlust in der Bundesliga in Nürnberg erreichte der Vizemeister beim Zweitligisten TSV 1860 München durch ein 2:0 (0:0, 0:0) hochverdient, aber erst nach Verlängerung das DFB-Pokal-Achtelfinale. Die Tore erzielten die Neuzugänge Pierre-Emerick Aubameyang (105./Foulelfmeter) und Henrikh Mkhitaryan (107.).

Münchens Domink Stahl sah vor dem Strafstoß an Marco Reus glatt Rot. Dortmund, das im Vorjahr im Viertelfinale in der Allianz Arena beim FC Bayern ausgeschieden war, tat sich bei ultradefensiven Löwen über weite Strecken schwer, hatte aber auch mehrfach Aluminiumpech.

"Ich glaube, wir haben fünfmal an die Latte geschossen. 120 Minuten hätten wir gerne verhindert gegen einen tiefstehenden, leidenschaftlich kämpfenden Gegner", meinte BVB-Trainer Jürgen Klopp. Sein Gegenüber Friedhelm Funkel erklärte: "Wir wollten tief stehen, den Borussen keinen Raum geben, sonst wären wir abgeschossen worden. Das Team wurde am Ende mit Applaus bedacht - mit dieser Niederlage können wir leben."

Rekordkulisse für 1860 - Subotic auf der Bank



Klopp setzte seine sanfte Rotation fort. Robert Lewandowski, Mkhitaryan, Nuri Sahin und der angeschlagene Mats Hummels, die beim 1:1 in Nürnberg geschont worden waren, duften wieder beginnen, Keeper Roman Weidenfeller und Neven Subotic mussten auf die Bank. Mitch Langerak hütete wie in der ersten Pokalrunde in Wilhelmshaven (3:0) das Tor, Sokratis begann neben Kapitän Hummels in der Innenverteidigung. Verzichten musste Klopp auf den verletzten Marcel Schmelzer (Muskelverhärtung). Für ihn gab Youngster Erik Durm den Linksverteidiger.

Münchens neuer Coach Funkel rührte personell Beton an: Er opferte seinen zweiten Stürmer Rob Friend und brachte gegen das zu erwartende BVB-Feuerwerk mit dem wieder genesenen Stahl einen dritten Sechser vor der Viererkette. Funkel hatte schon vor der Partie gewarnt: "Wenn Dortmund Raum bekommt, sind sie nicht mehr aufzuhalten." Der Trainer-Routinier musste zudem in der Defensive umbauen: Er brachte Moritz Volz für den im Pokal gesperrten Kapitän Guillermo Vallori, Christopher Schindler rückte dafür nach innen. Ansonsten vertraute er auf die Elf, die ihm am Samstag gegen Aue (3:1) seinen ersten Sieg als Löwen-Trainer beschert hatte.

Mit Blasmusik, Fan-Choreographie und Wiesn-Outfit stimmte 1860 sich schon vor Anpfiff auf den Oktoberfest-Start und das Spiel des Jahres ein - und begann vor dem euphorisierten Anhang engagiert und leidenschaftlich. Langerak war bei einem langen Pass kurz vor der einzigen TSV-Spitze Benjamin Lauth am Ball (1.). Das sollte aber für längere Zeit die letzte Offensivaktion der Löwen bleiben, Dortmund hatte die Partie von Beginn an im Griff. Mkhitaryan verfehlte Gabor Kiralys Tor per Kopf (2.). Der Champions-League-Finalist hatte fast 80 Prozent Ballbesitz, fand gegen gut gestaffelte Gastgeber zunächst aber keine Mittel.

Erste TSV-Ecke schlägt fast ein



Die 71.000 Zuschauer, darunter knapp 15.000 BVB-Fans, bedeuteten für den TSV eine Rekordkulisse in der Allianz Arena, die erstmals seit sechs Jahren bei einem 1860-Match ausverkauft war. "Wenn sich zwei Traditionsclubs treffen, bebt es", hatte Kiraly schon gegenüber bundesliga.de prophezeit.

1860 kam gut mit dem Dortmunder Druck zurecht und während sich die Fans beider Lager akustisch schon verbrüderten, dauerte bis zur 17. Minute, ehe der BVB wieder vors Tor kam. Reus schlenzte die Kugel nach einem Dribbling nur knapp am langen Pfosten vorbei. Offensiv war von den aufopferungsvoll verteidigenden Münchnern bereits früh praktisch nichts zu sehen - bis zur 36. Minute, als es vor Langerak richtig brannte. Stahl verpasste bei der ersten TSV-Ecke nur haarscharf.

Kuba trifft die Latte



Dortmund behielt die Kontrolle - doch wie in Wilhelmshaven, als Kevin Großkreutz den Bundesliga-Tabellenführer erst spät in der zweiten Halbzeit erlöst hatte, gab es gegen die dichte Defensive des Underdogs im letzten Drittel kaum Räume. Der ansonsten abgemeldete Lewandowski scheiterte noch per Hackenversuch am Fünfer - dann ging es unter tobendem Applaus der TSV-Anhänger torlos in die Kabinen.

Personell unverändert drückte Dortmund weiter und hatte durch Jakub Blaszczykowski (48.), der aus kurzer Distanz die Latte traf, gleich die bis dahin beste Gelegenheit. Und es wurde immer enger für 1860: Kiraly war nach einer feinen BVB-Kombination bereits geschlagen, Lewandowski schaffte es aber nicht, den Ball aus vier Metern über die Linie zu bringen (56.).

Bender wird gefeiert - Reus scheitert an Kiraly



1860 igelte sich immer tiefer hinten ein - und tat dies bis auf wenige Szenen erfolgreich. Und Dortmund hatte sogar Glück, dass Lauth (60.) allein vor Langerak wegen Abseits zurückgepfiffen wurde. Reus brach dann nach einem Dribbling durch, scheiterte aber am aufmerksamen Kapitän Kiraly (65.). Klopp reagierte und brachte Offensivmann Jonas Hofmann für Sven Bender. Der Sechser, von 2002 bis 2009 beim TSV aktiv, wurde von den Löwenfans mit Standing Ovations gefeiert. "Außergewöhnlich. Das passiert einem nicht alle Tage", meinte Bender im Interview.

Dortmund lief die Zeit davon, auf große Chancen musste Klopp weiter warten. Ein Chip-Ball von Kuba segelte knapp am langen Eck vorbei (77.), Schindler klärte eine Mkhitaryan-Hereingabe vor der Linie (80.). Der BVB reihte Eckball an Eckball (insgesamt 1:18), ließ in der letzten Zone aber weiter die Ideen vermissen. Es ging in die Verlängerung.

Aubameyang bricht den Bann



Reus eröffnete diese gleich mit zwei Paukenschlägen, scheiterte aber zunächst am Pfosten (93.), dann per Freistoß an der Latte (96.). Der Nationalspieler, klar bester Spieler auf dem Platz, kam dann im Strafraum zu Fall und Schiedsrichter Michael Weiner entschied sofort: Rot für Stahl und Elfmeter (105.).

Der etatmäßige Schütze Reus überließ für Aubameyang. Der Gabuner war kurz zuvor für Kuba gekommen, hatte Sekunden danach bereits aussichtsreich das Tor verfehlt und durfte sich nun mit Kiraly messen. Der Ungar hatte beim Erstrundenmatch der Löwen in Heidenheim (5:4 n. E.) gleich zwei Strafstöße pariert. Aubameyang verlud den Routinier aber mit einem Schuss ins linke Eck. Jetzt musste 1860 kommen und Dortmund nutzte den Platz zum Kontern prompt. Langerak schickte Hofmann, der Mkhitaryan. Der Armenier umkurvte erst Kiraly, dann Volz und schob ein (107.). Der Widerstand des Zweitliga-Fünften war gebrochen, Aubameyang (116.) traf per Freistoß sogar erneut die Latte. Den stolzen Löwen-Anhängern war's egal - sie feierten ihr Team nach dem Abpfiff trotz der Pleite lautstark.

Aus München berichtet Christoph Gschoßmann

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