Dortmund - Schon die Dimensionen des leeren Signal Iduna Parks sind beeindruckend. Durch den engen Spielertunnel geht es hinein in den Dortmunder Fußballtempel, in dem gespenstische Ruhe herrscht.

Am Spieltag werden hier die BVB-Stars beim Einlaufen von über 80.000 Fans mit ohrenbetäubendem Jubel empfangen. Vor allem von der linken Seite. Dort, wo das Herz des BVB schlägt. Auf der legendären "Süd", der größten Stehplatztribüne Europas.

Choreografien flößen Respekt ein

100 Meter breit, 40 Meter hoch, 37 Grad steil. Auf der imposanten Stahlbeton-Konstruktion finden mehr Zuschauer Platz, als im gesamten Stadion des SC Freiburg. 24.454 Fans machen die Südtribüne in der Bundesliga alle 14 Tage zur "gelben Wand".

"Hast du sie im Rücken, ist es ein unglaubliches Gefühl. Hast du sie gegen dich, erdrückt sie dich", hat BVB-Torwart Roman Weidenfeller einmal gesagt. Aus seiner Zeit beim 1. FC Kaiserslautern kann er sich noch daran erinnern wie es ist, als Gegner von der Geräuschkulisse der dicht gedrängten Menschenmenge eine ordentliche Fönfrisur verpasst zu bekommen. Allein die überdimensionalen Choreografien der Fangruppen flößen vor dem Anpfiff bereits einen gehörigen Respekt ein.

Dickel: "Das Herz des BVB"

"Die Südtribüne hat eine unfassbare Kraft. Viele gegnerische Spieler haben Angst vor diesen Menschen und diesem gewaltigen Lärm. Wenn das Spiel losgeht und die Südtribüne singt, dann ist es schon etwas ganz Besonderes. Was die Stimmung angeht ist sie sicherlich das Herz des BVB", erklärt Norbert Dickel, ehemaliger BVB-Profi und heute Stadionsprecher im Signal Iduna Park, dem früheren Westfalenstadion, das 1974 zur Weltmeisterschaft gebaut wurde.

Die Südtribüne ist für ihn ein Gesamtkunstwerk und Paradebeispiel dafür, wie die Stehplatzkultur in deutschen Stadien gepflegt wird. Daran dürfe sich nichts ändern, denn man habe in anderen Ländern gesehen, wohin die radikale Verringerung oder gar Abschaffung der Stehplätze führe: zu höheren Eintrittspreisen und weniger Stimmung.

Stehplätze gehören zur Fußballkultur

Hierzulande ist man sich der Bedeutung bewusst. "Stehplätze sind fester Bestandteil der Fußballkultur in Deutschland und stehen für den deutschen Profifußball nicht zur Disposition", heißt es von Seiten der Deutschen Fußball Liga (DFL).

Fast jeder vierte der rund 852.850 Plätze der 18 Bundesliga-Stadien ist ein Stehplatz. In der 2. Bundesliga liegt die Quote gar bei 31,4 Prozent. Insgesamt bieten die Arenen der Bundesliga und 2. Bundesliga 387.430 Stehplätze.

Die Dortmunder Südtribüne ist absoluter Kult. Alle wollen drauf und den Mythos erleben, doch nur wenige Tickets (Normalpreis 16 Euro) gehen überhaupt in den freien Verkauf. Dauerkarten werden in den Familien über Generationen vererbt. Stimmung und Miteinander auf der "Süd" sind einmalig.

Bierdusche als festes Ritual

Jeder hat hier seinen Platz, jeder weiß wohin er muss, schließlich muss sich die Bevölkerungsmenge einer Kleinstadt gleichmäßig auf die ganze Fläche von rund 7.000 Quadratmetern verteilen. "Hier stehen die größten BVB-Fans, bunt gemischt. Der Rechtsanwalt neben dem Arbeitslosen und die Omi neben dem Neunjährigen, der zum ersten Mal beim Spiel ist", erklärt "Nobby" Dickel.

Neben dem "You´ll never walk alone" vor der Partie fehlt ein weiteres Ritual im Idealfall in keinem Spiel: die Bierdusche. Fällt ein Tor für Dortmund, fliegen hunderte Bierbecher durch die Luft. "Diese unglaubliche Begeisterung muss man einfach mal erlebt haben", sagt Dickel.

Auch die Spieler wissen, was es heißt, ein Tor vor ihrer Tribüne zu schießen. "Es ist das Allergeilste! Vor der Südtribüne das erste Bundesligator zu erzielen, ist ein unbeschreibliches Gefühl", schwärmte unlängst Youngster Jonas Hofmann, der mit seinem Treffer zum 2:1-Sieg im ersten Heimspiel der Saison gegen Eintracht Braunschweig beitrug.

Dickel: "Alle machen mit"



Doch auch in schwierigen Phasen treibt vorrangig die Südtribüne ihr Team unermüdlich an. Jüngster Höhepunkt war das "Fußball-Wunder" gegen Malaga, als sich der BVB durch zwei Tore in der Nachspielzeit mit 3:2 durchsetzte und ins Halbfinale der Champions League einzog.

Was dabei auf der Tribüne los war, kann man wohl nur erahnen. Dickel: "Man darf allerdings auch nicht vergessen, dass insgesamt das ganze Stadion zur einmaligen Stimmung beiträgt. Das war früher nicht immer so. Dafür haben wir lange gebraucht. Von der Süd geht es aus und alle machen mit."

BVB-Fan Großkreutz ist textsicher

Eine besondere Beziehung zur Südtribüne hat indes BVB-Star Kevin Großkreutz. Bis vor wenigen Jahren stand der gebürtige Dortmunder selbst noch als Fan dort, bevor seine Fußball-Karriere richtig Fahrt aufnahm. Der BVB ist bei Familie Großkreutz seit Generation Herzensangelegenheit.

Schon seine Oma hatte eine Dauerkarte. Keiner der BVB-Profis kennt die "Süd" besser als er. "Kevin ist zu hundert Prozent textsicher. Diese innige Verbundenheit mit dem Verein ist schon eine einmalige Geschichte", sagt Dickel.

Mkhitaryan: "Die Atmosphäre ist unglaublich"



Auch Neuzugang Henrikh Mkhitaryan, der sich mit Großkreutz im Trainingslager vor der Saison das Zimmer teilte und einiges über die Rituale erfahren durfte, ist begeistert.

"Die Atmosphäre in Dortmund ist unglaublich", sagt der Armenier, der vergangene Saison mit Donezk in der Champions League in Dortmund zu Gast war. "Als er das gesehen hat, wollte er wohl unbedingt zu uns", vermutet Dickel.

Nun hat Mkhitaryan sie hinter sich, die Kraft der "gelben Wand". In der Champions League zwar nur mit halber Stärke, da bei internationalen Spielen Europas größtes Stehplatzparadies zur Sitzplatztribüne mit nur noch 10.800 Plätzen umgerüstet werden muss. Doch der Stimmung und Begeisterung auf der "Süd" tut dies keinen Abbruch, denn sitzen will hier ohnehin niemand.

Aus Dortmund bericht Markus Hoffmann