Florenz/München - In den Mailänder Bars und Foren sprühte nicht jeder vor Enthusiasmus, als Kevin-Prince Boateng kurz vor Transferschluss plötzlich nach Gelsenkirchen wechselte. Ganz abgesehen davon, dass die 13 Buchstaben auf dem Apennin kaum jemand unfallfrei aussprechen kann, bedeutete der Umzug zu Schalke (das geht verbal schon viel besser) "zero quattro" (04) für so manchen ein Verlustgeschäft. Der Berliner genoss durch seinen Verve ein ungemeines Standing in der AC-Kurve, wurde jedoch schließlich der Nostalgie geopfert. Milan blickt auf klamme Kassen und musste die Rückholaktion von Kaka aus Madrid irgendwie finanzieren.

Im Kader stand jedoch kaum jemand, den man hätte lukrativ abtreten können. Shooting-Star Stephan El Shaaraway lehnte einen Wechsel nach England ab, Mario Balotelli gilt als unverkäuflich, den mittlerweile morastigen Robinho will wegen seiner opulenten Gehaltsforderungen nicht mal mehr die brasilianische Liga holen - blieb also Boateng. Kaka wurde in Mailand zum Weltstar, tauchte in der Folge vier Jahre lang bei Real unter, kam ablösefrei zurück und besänftigt nun für ein fürstliches Bruttogehalt die Gemüter der Tifosi, die lauthals nach prominenten Neuzugängen kreischten.

Für den Brasilianer änderte der AC sein System vom 4-3-3 zum 4-3-1-2, doch hinter den Spitzen hätte freilich auch Boateng agieren können, der meist als rechter Außenstürmer im San Siro agierte. Ob das Mailänder Vabanque-Spiel gelingt, wird die Zukunft zeigen.

Boatengs drei Jahre in der Hauptstadt der Lombardei verliefen wie eine Achterbahnfahrt. Die Serie A hatte ihn 2010 als Mister X mit schwierigem Leumund empfangen und nach Milans Meisterschaft in seinem ersten italienischen Jahr zum vorbildlichen Klassespieler und besten Neuzugang geadelt. Zur großen Feier praktizierte er vor enthusiastischen Rängen den Moonwalk im Michael-Jackson-Look.

In den Herzen der Milanisti



Italiens Medienschlund, der Mythen im Handumdrehen installiert und sie genau so flugs erlegt, oszillierte dementsprechend seine Kommentare. "Das Trikot nach all den abgegrasten Kilometern schweißnass - das neue Idol der Kurve Prince Boateng betört mit seiner Leidenschaft und seinem beinahe adelig und verführerisch klingenden Namen derzeit die Herzen aller Milanisti", schwärmte der "Corriere della Sera". Die "Gazzetta dello Sport" fragte sich: "Was für eine unglaubliche Power - hat Boateng mal eine Ausbildung bei den Marines durchlaufen?" Später, in Folge einer Roten Karte, verwies eine Zeitung auf Boatengs Tätowierungen und das Bad-Boy-Image.

Der Club wischte die angeblich langen Mailänder Nächte des Signore Boateng lächelnd beiseite. "Wenn er immer so spielt wie heute, darf er machen was er will", feixte Manager Adriano Galliani 2011, als Boatengs Urgewalt beim bescheidenen Lecce einen 0:3-Rückstand zur Pause mit drei Toren binnen 14 Minuten egalisierte - erst der zweite Spieler der Serie-A-Geschichte, dem ein Hattrick von der Bank aus gelang. Am Ende siegte Milan 4:3.

Big Bang für Schalke?



Delikte aus der Vergangenheit, auf die er alles andere als stolz ist, die wären eh Schnee von gestern, antwortete Boateng: "Ich denke jeden Moment nur an meinen Beruf." Die Fans nahmen ihm das ab. Idol der Kurve, die ihn mit Transparenten "Big Bang Boateng" und Sprechchören verwöhnte, auch wenn er nach zwei überdurchschnittlichen Jahren des Power-Duos mit Kumpel Zlatan Ibrahimovic in der letzten Saison häufiger abtauchte. Letztlich litt auch Boateng unter der AC-Direktive, aus Sparmaßnahmen die Qualität des Kaders gezwungenermaßen drastisch zu drücken. Immerhin gelang ihm ein kongenialer Treffer im Achtelfinale der Champions League gegen Barcelona.

In der für Milan finanziell so wichtigen Königsklasse schoss Boateng die Italiener in seinem 100. AC-Spiel mit zwei Treffern gegen PSV kürzlich in die Gruppenphase - einige Stunden später verabschiedete er sich von den Teamkollegen in Richtung Deutschland. Den wahren Big Bang machte bei diesem Deal womöglich der FC Schalke zero quattro - der mit seinem neuen Star am Mittwoch (ab 20:30 Uhr im Live-Ticker) in die Königsklasse startet.

Oliver Birkner