Der ebenso überraschende wie hochverdiente Sieg des 1. FSV Mainz 05 gegen den FC Bayern München am 3. Spieltag ist noch immer in aller Munde. Vater dieses Erfolgs ist Thomas Tuchel.

Erst wenige Tage vor dem Start der Saison wurde er zum Cheftrainer der Mainzer ernannt. Während man in der Öffentlichkeit über den Neuen rätselte, wusste man beim FSV ganz offensichtlich, wen man dort an die Bundesliga-Seitenlinie stellt.

Mit herzerfrischendem Fußball und viel Energie präsentierten sich Mannschaft und Trainer - nicht nur gegen die Bayern. Aber genau über jene Partie spricht Tuchel im Interview mit bundesliga.de. Weiterhin nennt er die Unterschiede zu seinem früheren Leben als Nachwuchstrainer und erklärt, wie er sein Team gegen Mönchengladbach agieren lassen will.

bundesliga.de: Herr Tuchel, herzlichen Glückwunsch zum Sieg über die Bayern. Wie haben Sie die letzten Minuten vor und die Sekunden nach dem Schlusspfiff der Partie erlebt?

Thomas Tuchel: Sehr intensiv. Während des Spiels war die Anspannung natürlich groß. Die Bayern haben in der Schlussphase viel Druck entwickelt und wir haben von der Trainerbank aus versucht, die Mannschaft bei ihrem Kampf zu unterstützen. Nach dem Schlusspfiff hat sich die Anspannung dann entladen - bei der Mannschaft, bei den Fans und natürlich auch bei mir.

bundesliga.de: Was waren die Schlüssel zu diesem überraschenden Triumph?

Tuchel: In der ersten Halbzeit hat die Mannschaft die Vorgaben ausgezeichnet umgesetzt. Wir haben die Bayern nicht ins Spiel kommen lassen, haben immer wieder schon die Verteidiger angelaufen und ihnen die Passwege verstellt. Die Mannschaft hat taktisch, spielerisch und läuferisch da ein überragendes Spiel gemacht. Nach der Pause hat die Mannschaft kämpferisch alles gegeben. Das war Wille pur.

bundesliga.de: Denken Sie, dass die Stimmung, die nach dem Sieg am Bruchweg herrschte, noch in irgendeiner Weise zu toppen sein kann?

Tuchel: Die Stimmung war überragend. Wir haben gespürt, was alles möglich ist bei uns am Bruchweg. Wenn wir als Mannschaft unser Spiel weiter so gut umsetzen, dann ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass wir noch häufiger diese Stimmung genießen können.

bundesliga.de: Sie sind zwar kein neues Gesicht in Mainz, aber doch ein wenig wie die Jungfrau zum Kind zu Ihrem Job als Bundesliga-Trainer gekommen. Wann gab es die ersten Gespräche und wie haben Sie von der Entscheidung erfahren?

Tuchel: Ich bin von Manager Christian Heidel auf der Heimfahrt vom Trainingslager der A-Junioren im Bus kontaktiert worden. Wir haben uns dann am späten Abend getroffen. Die Entscheidung des Vereins kam für mich zu diesem Zeitpunkt natürlich überraschend, auch wenn der Verein mir schon in der Vergangenheit signalisiert hat, dass sie mit mir durchaus perspektivisch planen.

bundesliga.de: So kurz vor Saisonstart einen Trainerwechsel zu vollziehen ist ungewöhnlich und riskant. Die Bilanz zum Saisonstart gibt den Mainzer Verantwortlichen aber Recht. Wie haben Sie die Mannschaft für dich gewinnen können?

Tuchel: Die Mannschaft hat mir den Einstand sehr leicht gemacht, dafür bin ich wirklich dankbar. Mein Ansatz war auch nicht, die Mannschaft für mich zu gewinnen. Wir hatten die Chance uns in einem zweitägigen Trainingslager direkt zu beschnuppern. Ansonsten bin ich sehr offen auf die Spieler zugegangen und habe versucht, ihnen meine Philosophie vom Fußball zu vermitteln. Für uns alle war diese Konstellation vor allem ein Arbeitsauftrag, fünf Tage nach meiner Vorstellung stand ja schon das erste Spiel gegen Bayer Leverkusen an.

bundesliga.de: Wie viel vollgepackter ist Ihr Tag jetzt, wo Sie Cheftrainer eines Bundesligisten sind?

Tuchel: Zeitlich verändert sich gar nicht so viel. Ich habe mich auch als Trainer der A-Junioren schon sehr akribisch mit meiner Arbeit beschäftigt. Und die tägliche Trainingsarbeit mit den Profis unterscheidet sich auch nicht grundsätzlich von der im Nachwuchsleistungszentrum. Die Intensität der Arbeit hat natürlich zugenommen und vor allem auch das öffentliche Interesse.

bundesliga.de: Geht mit Ihrem neuen Job auch ein gewisser Erfolgsdruck einher?

Tuchel: Einen Erfolgsdruck spüre ich bisher nicht. Wir, Mannschaft, Trainer und Verein haben eine Erwartungshaltung an unsere Arbeit. Das ist unsere Form des Drucks. Aber es ist klar, dass durch die Präsenz der Medien und durch das öffentliche Interesse auch irgendwann einmal der Erfolgsdruck wächst.

bundesliga.de: Ihre Trainerlaufbahn begann im Nachwuchsbereich des VfB Stuttgart. Zu jener Zeit war Ralf Rangnick dort Cheftrainer. Welche Dinge haben Sie von ihm gelernt, die sich auch heute noch in Ihrer Arbeit widerspiegeln?

Tuchel: Ralf Rangnick war mein Trainer während meiner aktiven Laufbahn beim SSV Ulm. Damals hat er aus dem Nichts in Ulm die Viererkette eingeführt und die taktischen Abläufe bis ins Detail trainiert. Am Anfang waren wir zwar misstrauisch, aber das Konzept hat überragend gegriffen, der SSV Ulm ist bis in die Bundesliga durchmarschiert. Diese Idee vom Fußball hat mich sicherlich geprägt.

bundesliga.de: Bis vor etwa einem Monat waren Sie ausschließlich im Nachwuchsbereich tätig. In der Bundesliga haben Sie es nun mit einigen Spielern zu tun, die zum Teil sogar ein wenig älter wie Sie sind. Haben Sie an der Art, wie Sie mit den Spielern kommunizieren, in der Bundesliga etwas geändert?

Tuchel: Nein. Der wesentliche Unterschied in der Trainingsarbeit besteht für mich darin, dass die Mannschaft grundsätzlich immer verfügbar ist und ich bei den Spielern nicht auf Klassenarbeiten Rücksicht nehmen muss. Ansonsten spüre ich, dass auch bei den Profis ein großes Verlangen nach Kommunikation besteht, insbesondere dann, wenn taktische Abläufe erklärt werden. Und auch Profis wollen klare Ansagen haben.

bundesliga.de: Andre Schürrle gehörte zur U-19-Mannschaft, die Sie vor wenigen Monaten zur Deutschen Meisterschaft geführt haben. Nun stand er an allen drei Bundesliga-Spieltagen auf dem Feld. Besteht die Chance, dass auch andere junge Talente unter Ihnen eine Chance bekommen?

Tuchel: Diese Chance besteht auf jeden Fall. Allerdings immer auf der Basis von Leistung, nicht zum Selbstzweck.

bundesliga.de: Nächster Gegner der Mainzer ist Mönchengladbach. Die Borussia ließ bereits sieben Gegentore zu. Liegt darin die Chance für Mainz. Wird Angriff die beste Verteidigung sein?

Tuchel: Das gilt für uns in praktisch jedem Spiel. Ich bin ein Freund des mutigen Fußballs, wir wollen so oft es geht offensiv verteidigen und schnell in die Spitze spielen. Ein ängstliches defensives Verhalten wird bei der großen individuellen Qualität aller Bundesligisten mit hoher Wahrscheinlichkeit bestraft.

Die Fragen stellte Sebastian Stolz