Wolfsburg - Ratlosigkeit, Fassunglosigkeit, Entsetzen - nach dem Abpfiff von Schiedsrichter Dr. Felix Brych konnte man in der Volkswagen Arena für einen Moment die viel zitierte Stecknadel fallen hören.

Obwohl die Partie zwischen dem VfL Wolfsburg und dem FC St. Pauli 2:2 endete hatte man das Gefühl, es gab nur Verlierer. Da war es den Niedersachsen kein Grund zur Freude, dass der eingewechselte Jan Polak mit seinem Treffer in der 89. Minute den wichtigen Punkt rettete und den Absturz auf Rang 17 verhinderte.

Und den Gästen aus Hamburg war es kein Trost, dass nach sieben Niederlagen in Folge endlich mal wieder ein Punkt eingefahren werden konnte. Dieses Remis war für beide Teams zu wenig im Abstiegskampf. Vier Spieltage vor Ende der Saison fehlen dem Meister von 2009 ebenso wie dem Aufsteiger aus Hamburg vier Punkte auf Eintracht Frankfurt und Rang 15.

Erste "Big Points" verpasst

In den Heimspielen gegen St. Pauli und den 1. FC Köln wollten die Wolfsburger die "Big Points" machen. Der Plan ist bereits nach der ersten Partie gescheitert, und die Wolfsburger warten weiter auf den ersten Sieg - sowohl gegen den FC St. Pauli, als auch unter dem vor vier Spieltagen zurückgekehrten Felix Magath. So schlecht ist der 57-Jährige bei bisher keiner seiner zehn Trainerstationen gestartet.

"Ich bin enttäuscht", sagte Magath und ging mit seiner Mannschaft hart ins Gericht: "Wir haben versäumt, uns im Abstiegskampf zu zeigen. Es fehlten Mannschaftsgeist und Wollen, das Spiel zu gewinnen."

"Bestenfalls Relegation"

"Bei St. Pauli stand eine Mannschaft auf dem Platz", zollte der Trainer dem Gegner Lob. Das sei bei seinem Team nicht der Fall gewesen. "Die Spieler sind zu sehr mit sich selbst beschäftigt, jeder denkt nur an sich", vermisste Magath jeglichen Teamgeist und warnte: "So laufen wir Gefahr, bestenfalls die Relegation zu erreichen." Im schlimmsten Fall würde der Meistermacher von München und Wolfsburg den Gang in die 2. Bundesliga antreten.

Dieses Szenario scheint in den Köpfen seiner Spieler noch nicht angekommen zu sein. "Die Relegation ist für mich kein Thema", gab sich Polak auf Nachfrage von bundesliga.de selbstbewusst. "Klar ist, gegen Köln brauchen wir einen "Dreier'", erkennt zumindest Sascha Riether die Gefahr: "Dafür müssen wir alles geben."

"Bitter, bitter, bitter"

Einen "Dreier" benötigt auch der FC St. Pauli am kommenden Samstag im Nordderby gegen Werder Bremen. Dafür hat Holger Stanislawski eine Woche Zeit, seine Jungs wieder aufzubauen. "Wir haben fußballerisch eine sehr gute Leistung gezeigt, waren über 90 Minuten die bessere Mannschaft", analysierte der scheidende Trainer. Belohnt wurde das nicht.

"Das ist bitter, bitter, bitter. Ich brauche mindestens einen Tag, das zu verdauen", sagte Sportdirektor Helmut Schulte traurig. "Das ist eine gefühlte Niederlage. Wir hätten schon zur Halbzeit führen müssen", war Torschütze Deniz Naki enttäuscht: "Über mein erstes Bundesligator kann ich mich gar nicht richtig freuen. Lieber hätte ich drei Punkte mitgenommen."

"Uns fehlt die Cleverness"

Selbst Stimmungskanone Gerald Asamoah war das Lachen vergangen: "Das ist nicht mehr lustig", ärgerte sich der ehemalige Nationalstürmer: "Uns fehlt einfach die Cleverness." Was Asamoah meint: Das 2:2 für die "Wölfe" war nicht das erste Mal in der Saison, dass der FC St. Pauli in der Schlussphase kalt erwischt wurde. Neun Punkte haben die "Kiezkicker" bereits durch Gegentreffer nach der 88. Minute abgegeben.

"Wenn wir nur fünf davon holen, stehen wir ganz anders da", rechnet Florian Bruns vor: "Aber alles Klagen hilft nichts. Jetzt müssen wir gegen Bremen die gute Leistung aus Leverkusen und Wolfsburg bestätigen und vor eigenem Publikum gewinnen."

"Im Abstiegskampf muss man einen langen Atem haben"

Aufgegeben hat man sich am Millerntor trotz des schweren Restprogramms nämlich noch lange nicht. "Im Abstiegskampf muss man einen langen Atem haben", rechnet Stanislawski nicht mit einer Entscheidung vor dem 34. Spieltag.

Am 14. Mai wird sich zeigen, wer den längeren Atem hat und gegen den Dritten der 2. Bundesliga in der Relegation um den Verbleib im Oberhaus spielen darf.

Jürgen Blöhs