Köln - Bernd Schneider hat in seiner erfolgreichen Karriere meistens um Titel gespielt. Er stand 2002 im WM-Finale und im Endspiel der Champions League. Der 81-fache Nationalspieler musste aber auch zweimal bis zum letzten Spieltag gegen den Abstieg kämpfen. Einmal mit Eintracht Frankfurt im Jahr 1999, einmal mit Bayer 04 Leverkusen vier Jahre später. Besonders an die legendäre Aufholjagd mit der Eintracht denkt der 42-Jährige noch heute gerne zurück und sieht im Interview mit bundesliga.de auch Parallelen zur aktuellen Situation der Hessen.

bundesliga.de: Herr Schneider, 1999 gelang Ihnen mit Eintracht Frankfurt im vielleicht legendärsten Abstiegsfinale aller Zeiten in letzter Minute der Klassenerhalt. Wie nervenaufreibend ist Abstiegskampf?

Bernd Schneider: Extrem. Es geht um den Verbleib in der Bundesliga, der höchsten deutschen Spielklasse. Ich habe aber nur positive Erinnerungen daran. Wir hatten damals unser Endspiel gegen den 1. FC Kaiserslautern und gewannen 5:1. Aber auch schon in den Spielen zuvor, in denen wir unbedingt punkten mussten, ging es um alles. Keiner hatte uns da noch etwas zugetraut. So ähnlich ist die Situation für die Eintracht auch in diesem Jahr wieder. Ich traue der Mannschaft auch diesmal wieder den Klassenerhalt zu.

bundesliga.de: 1999 hatte Frankfurt bis zum 30. Spieltag nur fünf Spiele gewonnen, holte dann aber in den letzten vier Partien alle zwölf Punkte. Diese Aufholjagd war einmalig.

Schneider: Sie war auch deshalb einmalig, weil wir gegen Mannschaften gespielt haben, gegen die uns niemand einen Sieg zugetraut hat. Wir hatten Borussia Dortmund, Schalke 04 und den amtierenden Meister Kaiserslautern auf dem Programm, Gegner, die um die internationalen Plätze gespielt haben. Auf Schalke lagen wir 0:2 zurück und gewannen noch 3:2. In dieser Saison muss die Eintracht in den Auswärtsspielen in Darmstadt und Bremen punkten. Mit einem Sieg gegen Dortmund rechnet keiner. Aber wenn sich Frankfurt in Darmstadt Selbstvertrauen und einen Punkt holt oder sogar gewinnt, kann die Eintracht mit der Unterstützung der Fans an einem guten Tag auch Dortmund schlagen.

"Man darf niemals den Glauben verlieren"

bundesliga.de: Die Chancen der Eintracht sind nach dem Sieg gegen Mainz 05 wieder gestiegen. Nach dem vielen Pech zuvor hat Frankfurt zwei kuriose Tore erzielt. Hat die Mannschaft dadurch gemerkt, dass noch etwas geht?

Schneider: Genau darum geht es. Man darf niemals den Glauben verlieren und aufgeben. Man muss dann die Tore auch erzwingen wollen, auch wenn es im Spiel Phasen gibt, in denen es nicht so läuft oder man in Rückstand gerät. Man muss den Kopf oben haben und sich auf das Wesentliche fokussieren. Dann kommt auch das Quäntchen Glück wieder zurück. Es geht nur über Leidenschaft und Willen. Das hat uns auch damals ausgezeichnet. Wir hatten mit Jörg Berger einen sehr erfahrenen, sachlichen, ruhigen Trainer, der uns die Last von den Schultern genommen hat.

bundesliga.de: Frankfurt hat mit den Spielen in Darmstadt und Bremen noch zwei Duelle gegen direkten Mitkonkurrenten und es damit in der eigenen Hand.

Schneider: Das stimmt, allerdings denken Darmstadt und Bremen genauso. Jeder rechnet sich das für sich positiv. Wer den größeren Willen hat, die bessere Tagesform erwischt und das Quäntchen Glück hat, wird sich in den Spielen durchsetzen.

bundesliga.de: Lassen Sie uns die Mitkonkurrenten der Eintracht betrachten. Der kommende Gegner Darmstadt war sechs Spiele ungeschlagen und hat dann am Wochenende 1:4 beim 1. FC Köln verloren. Haben sich die Lilien schon zu früh gefreut?

Schneider: Das glaube ich nicht. So lange man theoretisch noch absteigen kann, ist alles möglich. Darmstadt ist von vorneherein in die Saison gegangen mit dem Bewusstsein, bis zum letzten Spieltag gegen den Abstieg zu kämpfen. Eine Niederlage wie in Köln kann immer mal passieren. Bisher hat es Darmstadt in dieser Saison gut gemacht und positiv überrascht. Ich hätte auch nicht gedacht, dass sie sich so gut schlagen würden. Ich bin gespannt, ob sie in den letzten drei Spielen das Wunder schaffen. Sie haben noch schwere Spiele in Berlin und gegen Mönchengladbach. Manchmal ist es aber einfacher, gegen eine Mannschaft zu spielen, für die es auch noch um etwas geht und selbst unter Druck ist.

"So einen Übersteiger würde er nie wieder schaffen"

bundesliga.de: Hoffenheim und Stuttgart sind zwei Vereine mit unterschiedlicher Tendenz, auch wenn Hoffenheim zuletzt in Mönchengladbach verloren hat. Zuvor hatte die TSG fleißig gepunktet im Gegensatz zu den Schwaben, bei denen die Formkurve nach unten zeigt.

Schneider: Das sind zwei Mannschaften, die man zwischenzeitlich auch schon abgeschrieben hatte. Aber das zeigt auch, wie ausgeglichen die Bundesliga ist. Ich kann mich auf gar keinen Club festlegen, den es erwischt. Ich hoffe nur, dass es die Eintracht schafft und es auch meinen alten Kumpel "Fritzi" (Clemens Fritz, die Red.) mit Werder Bremen nicht im letzten Jahr seiner Karriere erwischt. Es werden noch drei richtig spannende Spieltage.

bundesliga.de: Und manchmal fällt wie 1999 bei Ihnen die Entscheidung erst in der letzten Minute am letzten Spieltag. Damals schoss Jan-Age Fjörtoft in der Schlussminute das noch eine zur Rettung fehlende Tor.

Schneider: Darüber spreche ich mit ihm auch immer wieder gerne, wenn wir uns mal bei Benefizveranstaltungen oder anderen Anlässen treffen. Dann diskutieren wir immer lustig darüber, dass er so einen Übersteiger, wie er ihn damals eiskalt hinlegte, auch nie wieder schaffen würde. Über diese Anekdoten unterhält man sich dann nach der Karriere sehr gerne. Unvergessen ist ja auch sein Spruch, dass Jörg Berger auch die Titanic gerettet hätte.

Das Gespräch führte Tobias Gonscherowski