"Ich hatte ein prima Leben damals in Amerika. Bis Günter Netzer kam und alles zerstörte." Nein, so ganz ernst hat Franz Beckenbauer das nicht gemeint mit der Zerstörungswut seines Freundes. Denn Netzer und Beckenbauer verband mehr als der Europameistertitel 1972. Der Gladbach- und der Bayern-Star tauschten sogar die Autos. Einen Jaguar E von Beckenbauer nannte später auch Netzer sein eigen.

Günter Netzer war 1978 auf den Managersessel des HSV gestiegen. Gemeinsam mit Trainer Branco Zebec sah er im Dezember 1979 ein Weltauswahlspiel in Dortmund und einen Franz Beckenbauer, der nichts verlernt hatte. Also sprach Netzer nach dem Spiel seinen alten Freund an: "Hättest du noch einmal Lust auf die Bundesliga?"

Entscheidung gegen Cosmos New York und für den HSV


Netzer später: "Ich wollte eigentlich wissen, ob Franz noch den Ehrgeiz hat, sich noch einmal auf höchstem Niveau den Herausforderungen zu stellen." Beckenbauer hatte Lust, obwohl ihm Cosmos New York einen neuen Zweijahres-Vertrag vorgelegt hatte. Beckenbauer zurück in der Bundesliga – aber nicht für seine Bayern, sondern für den größten Rivalen, den HSV.

Günter Netzer machte es möglich. Beckenbauer kam ablösefrei. Und HSV-Hauptsponsor BP, der das Jahresgehalt von rund einer Million Mark übernommen hatte. Der damalige HSV-Präsident Dr. Klein hat später mal erzählt, wie der HSV den Vertrag gestaltet hatte. Klein: "Wir haben in den DFB-Vertrag ein Gehalt von 5000 Mark inclusive aller Prämien eingetragen, so dass mich schon Wilfried Straub anrief und fragte, ob ich den DFB veräppeln wolle." Den Rest des Millionen-Gehalts übernahm HSV-Hauptsponsor BP.

Der "Kaiser" sorgt für Ausnahmezustand


Am 31. Oktober 1980 landete der "Kaiser" in Fuhlsbüttel und sorgte bei Fans und Reportern für einen Ausnahmezustand. Nur zwei Wochen später gab er seinen Einstand. Beim Spiel in Stuttgart wurde er in der 46. Minute für Caspar Memering eingewechselt. Es war das einzige Mal in seinen 424 Bundesliga-Spielen, dass Beckenbauer nicht in der Startelf stand.

"Bist du bereit", fragte Zebec an jenem 14. November 1980 im Neckarstadion. Franz war. Aber die Zuschauer sahen zunächst nur zehn HSV-Spieler. Der Kaiser fehlte. Bis heute gibt es zwei Versionen dieser Verspätung. Beckenbauer, bereits 35 Jahre alt, soll sich noch auf der Massagebank behandeln lassen haben. Das ist die eine Geschichte. Die andere: Franz wollte seinen eigenen ganz großen Auftritt.

Comeback mit der Nummer 12


ZDF-Reporter Rolf Töpperwien hat es genau festgehalten: 33 Sekunden nach dem Wiederanpfiff lief der Kaiser auf, mit nur zögerlichem Applaus des Stuttgarter Publikums bedacht. Er trug das für ihn höchst ungewöhnliche Trikot mit der Nummer 12. Und wie meistens in seiner Karriere legte Beckenbauer einen Fehlstart hin: 1:1 stand es bei seiner Einwechslung, 2:3 am Ende. Hansi Müller, Kelsch und Allgöwer hatten den HSV von der Tabellenspitze geschossen, die an diesem 14. Spieltag der FC Bayern übernahm.

Ausgerechnet die Bayern. Sie holten sich in diesem Jahr die Meisterschale, der HSV (mit Beckenbauer) war erst ein Jahr später dran. Franz Beckenbauer, der in den eineinhalb Jahren nur 28 Bundesliga-Spiele für den HSV bestritt, weil ihn immer wieder Verletzungen plagten, krönte seine Karriere 1982 mit seinem fünften Meistertitel. Ein Abschied, wie er sich für einen Kaiser gehört.