Damit hatten sie beim FC Bayern München wahrlich nicht gerechnet. Nicht Trainer Louis van Gaal, nicht die Spieler und nicht die Bosse auf der Tribüne. Mit nur zwei Punkten nach drei Spielen legte der Rekordmeister den schlechtesten Saisonstart seit 43 Jahren hin.

Dabei hatte nach der titellosen vergangenen Spielzeit so vieles besser werden sollen. Und dem viel kritisierten Jürgen Klinsmann war mit den Münchnern im Vorjahr nach zwei Unentschieden zum Start im dritten Spiel immerhin ein 4:1 gegen Hertha BSC gelungen.

Rummenigge ist "niedergeschlagen"

"Ich werde jetzt noch härter und besser arbeiten, damit wir bald Erfolg haben", sagte der neue niederländische Coach nach dem 1:2 beim 1. FSV Mainz 05: "Wir wissen, dass wir unbedingt Punkte holen müssen."

Auch der Vorstandsvorsitzende Karl-Heinz Rummenigge sprach den Ernst der Lage an: "Das ist keine Situation, die uns befriedigt. Wir sind natürlich sehr niedergeschlagen."

Philipp Lahm könnte die beiden Situationen zwar miteinander vergleichen, beschränkte sich aber auf die prekäre aktuelle Lage. "Wir haben in der ersten Halbzeit katastrophal gespielt", so der Ersatzkapitän, der auch gleich eine Baustelle nannte: "Uns hat von Anfang an die Aggressivität gefehlt."

Gomez moniert die Einstellung

Recht hat er, hat sich die Zweikampfbilanz im Vergleich zum Start in der Vorsaison doch dramatisch verschlechtert: Nur noch 48,2 Prozent der Duelle am Ball entschieden die Bayern für sich (2008/09: 55,4 Prozent). Torwart Michael Rensing sah es genauso. "Unsere Leistung war absolut desolat. So reicht es nicht", sagte Bayerns Nummer 1, die beim ersten Gegentor eine unglückliche Figur machte.

Auch Neuzugang Mario Gomez blies ins gleiche Horn wie Lahm und Rensing. "Uns hat die richtige Einstellung zum Spiel gefehlt. Wir müssen laufen, das haben wir in der ersten Halbzeit nicht getan. Deswegen haben wir heute eine Lehrstunde erteilt bekommen", bekannte der Ex-Stuttgarter, der eigentlich die Abteilung Attacke anführen soll. Aber mehr als ein Tor pro Spiel sprang bisher nicht heraus, und den Treffer im Stadion am Bruchweg köpfte mit Nicolce Noveski auch noch ein Mainzer. Nur Berlin, Hoffenheim, Köln und Nürnberg markierten bisher weniger Treffer.

Weniger Torschüsse, schlechtere Chancenverwertung

Überhaupt scheint in der Offensive noch die richtige Abstimmung zu fehlen, was vielleicht dem neuen Spielsystem bzw. dem dafür nötigen Personal geschuldet ist. Van Gaal setzt eigentlich auf eine Mittelfeld-Raute mit echtem Zehner hinter zwei Spitzen.

Aber weder Alexander Baumjohann (in Hoffenheim), noch Jose Ernesto Sosa (gegen Bremen) oder Miroslav Klose (in Mainz) konnten den Kriterien eines Spielmachers gerecht werden. Kritik an der taktischen Aufstellung wollte der Trainer aber nicht aufkommen lassen, er monierte wie Lahm und Gomez vielmehr die fehlende Leidenschaft - vor allem in der ersten Hälfte. "Wenn wir so anfangen, macht es nichts aus, welches System wir spielen", sagte der 58-Jährige.

Der FCB konnte sich insgesamt erst 37 Torschüsse herausspielen (51 im Vorjahr), und auch die Chancenverwertung stimmt nicht. Nur 10,7 Prozent der nicht geblockten Bayern-Schüsse zappelten bisher im Netz - 2008/09 waren es noch 18,4 Prozent in den ersten drei Partien. Außerdem standen Münchner Profis bereits 13 Mal im Abseits (9 Mal zum gleichen Zeitpunkt der Vorsaison).

Wenig Schwung über links

Ein weiteres Manko im FCB-Spiel ist die linke Seite, die ohne Lahm, der inzwischen auf rechts gewechselt ist, und Franck Ribery, der noch angeschlagen ist und nur gegen Werder gut 30 Minuten absolvierte, nicht in Fahrt kommt.

Bastian Schweinsteiger, der in den ersten zwei Partien den linken Flügel beackerte, hatte in der Vorsaison zum gleichen Zeitpunkt schon zwei Treffer erzielt - bisher blieben seine sieben Torschüsse erfolglos.

Von Neuzugang Danijel Pranjic geht, abgesehen von seinem Assist in Hoffenheim keine Torgefahr aus - null Torschüsse stehen für den Kroaten zu Buche, der in Mainz bereits nach 38 Minuten ausgewechselt wurde. Dort konnte auch Edson Braafheid, der erstmals von Beginn an auflief, keine Impulse geben.

Nicht alles ist schlechter

Die schwache Startbilanz ist umso verwunderlicher, weil gar nicht alles schlechter ist als im Vorjahr. In Sachen Ballbesitz war die Elf ihrem Gegner in allen drei Spielen überlegen. In Hoffenheim (54 Prozent), gegen Werder (67 Prozent) und bei den 05ern (69 Prozent) hatte der Rekordmeister - teilweise deutlich - mehr vom Spiel.

Und auch an mangelnder Passgenauigkeit liegt der Fehlstart nicht. Die Mannschaft konnte ihre Quote erfolgreicher Pässe sogar noch von 78,1 Prozent auf 81,7 Prozent steigern.

Am 4. Spieltag gastiert nun der VfL Wolfsburg in der Allianz Arena. Gegen den Deutschen Meister sollte es an "Aggressivität", "Einstellung" und "Laufbereitschaft" ja nicht mangeln...

Tim Tonner