Den FC Bayern kann zurzeit kein Team stoppen: Bereits zwölf Mal in Folge - inklusive DFB-Pokal und Champions League - ging die Mannschaft von Trainer Louis van Gaal als Sieger vom Platz. Am Mittwoch wollen die Münchner ihre Serie im Achtelfinal-Hinspiel gegen den AC Florenz fortsetzen.

Ex-Bayern-Profi und Italien-Kenner Andreas Brehme verrät bei bundesliga.de, welchen Spieler der Rekordmeister besonders im Auge haben sollte. Seinem ehemaligen Club traut er sogar den Champions-League-Titel zu.

bundesliga.de: Herr Brehme, der FC Bayern ist nach durchwachsenem Saisonstart zuletzt immer besser in Schwung gekommen. Hätten Sie gedacht, dass die Münchner ab dem 14. Spieltag so durchstarten würden?

Andreas Brehme: Nein, dass sie neun Mal in Folge gewinnen würden, konnte man nicht erwarten. In den ersten zwei, drei Monaten der Saison haben die Bayern wirklich keinen guten Fußball gespielt. Das hatte sicherlich mit der Umstellung auf das neue System von Trainer Louis van Gaal zu tun, die einige Zeit gebraucht hat. Der Umschwung kam dann mit dem 4:1-Sieg bei Juventus Turin, mit dem sich die Mannschaft für die K.o.-Runde in der Champions League qualifiziert hatte. Das hat einen richtigen Schub gegeben - für die Bayern, aber auch insgesamt für den deutschen Fußball.

bundesliga.de: Woran lag es, dass die Mannschaft doch einige Zeit gebraucht hat, um die Vorgaben des neuen Bayern-Trainers zu verinnerlichen?

Brehme: Ein Trainer hat meistens eine ganz andere Philosophie als sein Vorgänger, und da ist es völlig normal, dass dies nicht reibungslos funktioniert. Die Spieler mussten sich umstellen, denn van Gaal ist von seiner Philosophie nicht abgerückt. Aber jetzt merkt man richtig, dass er nach den Erfolgen lockerer geworden ist, was sich auch auf die Mannschaft auswirkt. Und ich gehe davon aus, dass sich das Präsidium ganz sachlich mit dem Trainer unterhalten hat, als es noch nicht so rund lief.

bundesliga.de: War es richtig, Luca Toni in der Winterpause zum AS Rom ziehen zu lassen?

Brehme: Toni will ja unbedingt an der WM in Südafrika teilnehmen, und dafür braucht man Spielpraxis. Bei den Bayern wäre es aber in der Rückrunde schwer geworden, ins Team zu kommen. Von daher war es ein logischer Schritt.

bundesliga.de: Die Bayern sind trotz ihrer Siegesserie noch immer nicht Tabellenführer, da nach wie vor Bayer Leverkusen an der Spitze thront. Was glauben Sie, wer macht am Ende das Rennen um die Meisterschaft?

Brehme: Ich tippe auf Bayern München. Es ist zwar toll, wie Leverkusen und Schalke mit ihren jungen Mannschaften spielen - aber ich bin davon überzeugt, dass die Bayern am Ende die Nase vorn haben werden. Ich hoffe nur, dass es bis zum Schluss spannend bleibt.

bundesliga.de: Dabei müssen die Münchner allerdings die Dreifachbelastung mit Bundesliga, Pokal und Champions League verkraften. Könnte ihnen das eventuell zum Nachteil gereichen?

Brehme: Es ist mit Sicherheit ein kleiner Vorteil für Leverkusen, dass sich die Elf auf die Liga konzentrieren kann. Aber die Bayern sind so gefestigt, dass sie das locker wegstecken können. Außerdem sind Champions-League-Spiele immer auch eine Motivation. Wenn sie so weiterspielen wie zuletzt, brauchen sie sich nicht zu verstecken - auch wenn es gegen Dortmund einige Abwehrpatzer gegeben hat. Die dürfen sie sich in der Champions League auf keinen Fall erlauben.

bundesliga.de: Stichwort Champions League: Am Mittwoch steht das Achtelfinal-Hinspiel gegen den AC Florenz in der Allianz Arena auf dem Programm. Sie haben jahrelang bei Inter Mailand in der Serie A gespielt und kennen die Liga nach wie vor aus dem Effeff. Wie beurteilen Sie die Chancen der Bayern?

Brehme: Für mich sind sie der Favorit. Zwar nicht haushoch, aber sie haben die größeren Trümpfe in der Hand. Ich bin überzeugt, dass sie am Ende weiterkommen. Während Bayern in einer hervorragenden Verfassung ist, zeigt die Formkurve der Fiorentina nach unten. Sie haben am Samstag 0:2 bei Sampdoria Genua verloren, beim 2:2 gegen Cagliari am Spieltag zuvor habe ich sie gesehen - da waren sie nicht so stark. Es ist aber immer ein Fehler, eine italienische Mannschaft abzuschreiben. Florenz ist sicher im Stande, in München ein Remis zu holen.

bundesliga.de: Sie glauben also nicht, dass das Duell bereits nach dem Hinspiel in München entschieden sein könnte?

Brehme: Nein, das wird mit Sicherheit erst in Florenz entschieden. Die Bayern sind aber so gut drauf, dass sie auch dort gewinnen können - selbst wenn das Hinspiel nicht so gut läuft. Die Mannschaft ist mittlerweile so gefestigt, dass sie auch auswärts ihre Klasse ausspielen kann.

bundesliga.de: Dabei dürfte den Bayern auch entgegenkommen, dass Florenz-Star Adrian Mutu wegen einer Doping-Sperre nicht dabei ist...

Brehme: Auf alle Fälle, denn Mutu kann ein Spiel ganz alleine entscheiden! Florenz war von ihm teilweise abhängig, da er sehr viele Torvorlagen gegeben hat und zudem ein Freistoßspezialist ist. Aber die Mannschaft hat auch andere Hochkaräter. Torwart Sebastien Frey ist für mich ein ganz Großer, Alberto Gilardino hat seine Torgefährlichkeit schon oft nachgewiesen.

bundesliga.de: Das heißt für die Bayern-Verteidigung, sich im Vergleich zum Dortmund-Spiel zu steigern...

Brehme: Genau! Das darf sich die Mannschaft auf keinen Fall noch einmal erlauben. Dortmund hatte ja acht hochkarätige Chancen und hätte mit größerer Cleverness mehr Tore erzielt.

bundesliga.de: Die Chance aufs Viertelfinale ist also gegeben. Glauben Sie, dass in diesem Jahr vielleicht sogar schon der ganz große Wurf gelingt und die Bayern am Ende den Champions-League-Pokal in die Höhe stemmen?

Brehme: Warum nicht? Wenn die Bayern von Verletzungspech verschont bleiben und weiterhin in dieser exzellenten Verfassung spielen, können sie gegen jeden Gegner bestehen.

Das Gespräch führte Johannes Fischer


Andreas Brehme startete seine Fußballerkarriere beim HSV Barmbek-Uhlenhorst in Hamburg. 1980 ging er zum 1. FC Saarbrücken, ein Jahr später wechselte er zum 1. FC Kaiserslautern. Von 1986 bis 1988 spielte er für den FC Bayern München, bevor er sich für vier Jahre Inter Mailand anschloss. 1989 wurde er in Italien zum Fußballer des Jahres gewählt. Über Real Saragossa kehrte er zu Kaiserslautern zurück. Zwei Meisterschaften (1987 mit Bayern, 1998 mit Kaiserslautern), ein DFB-Pokaltitel (1996 mit dem FCK) sowie der WM-Titel 1990 mit dem verwandelten Elfmeter im Finale gegen Argentinien stehen für Brehme zu Buche, der 1998 seine aktive Karriere beendete. Später war der beidfüßige Abwehrmann als Trainer für Kaiserslautern, Unterhaching und den VfB Stuttgart tätig.