Bundesliga

Bayer-Fan Gerhard Stoll ist der Alleshörer der Bundesliga

Stoll ist sein eigener Reiseleiter

Die Spiele in der BayArena waren für den langjährigen Dauerkarten-Inhaber dabei keine Hürde: Vom heimischen Hürth per Bus und Regionalzug bis zum Leverkusener Bahnhof. Dort ist er mit seiner Begleitperson verabredet, die ihn ins Stadion führt. Die Barrieren lagen für den Verwaltungsbeamten der Bezirksregierung Köln erwartungsgemäß eher bei den Auswärtstouren: Wie sind die Ansetzungen und Anstoßzeiten? Muss ich womöglich einen Extra-Urlaubstag nehmen, um rechtzeitig zum Anpfiff vor Ort zu sein? Komme ich nach Abpfiff noch wieder nach Hause oder muss ich eine Übernachtung einplanen? Und vor allem: Wer macht die ganze Nummer mit? Wer begleitet mich, gegebenenfalls auch zwei Tage lang?

Im Laufe der Jahre hat sich Stoll einen großen Kreis an interessierten Begleitpersonen erarbeitet. Sein Ehrgeiz und eisernes Prinzip: Er organisiert seine Fußballreisen grundsätzlich selbst – vom Kauf der Eintrittskarten, über die Reservierung der Hotelzimmer bis hin zur Recherche und Buchung der besten Zugverbindung. "Ich halte nichts davon, im Windschatten anderer zu fahren. Ein Begleiter ist ein Begleiter und kein Coach. Er hat lediglich die Aufgabe, zur bestimmten Zeit am bestimmten Ort zu sein und dann die Fahrt mit mir nach der von mir geplanten Route zu machen."

Der "Knackpunkt", berichtet Stoll rückblickend, war das Spiel beim FC Bayern am 12. Spieltag. Die weiteste aller Touren. Hin und zurück etwa 1250 Kilometer. Topspiel. Anstoß: Samstagabend, 18.30 Uhr. Abpfiff entsprechend erst gegen 20.20 Uhr. Am gleichen Abend noch zurück nach Hause? Unmöglich! Als Stoll für diesen Trip nach einigem Hin und Her eine Begleitung fand, wusste er: Diese Saison könnte es mit dem 34er klappen! Jetzt versuche ich es! Jetzt beiße ich mich fest!

Die Treue wurde belohnt, und die finale Tour nach Berlin geriet zur entspannten Triumphfahrt. "Sir Gerhard", wie Stoll in der Szene wegen seiner extravaganten und geradezu britischen Art seit Jahren mit Spitznamen genannt wird, machte die 34 voll und ist dadurch endgültig in den "Fan-Adelsstand" erhoben worden. Die Mannschaft untermalte das Ganze mit ihrer besten Offensivleistung und einem Mehrfach-Tusch, der Stoll gleich sechsmal jubelnd von seinem Sitz im Olympiastadion aufspringen ließ.

"Jetzt bin ich aber auch platt und echt froh, dass alles vorbei ist und ich ein paar Tage Ruhe habe", sagt Gerhard Stoll. Ein bisschen fiebert aber auch schon wieder dem 29. Juni entgegen, wenn die DFL den Spielplan für 2017/18 bekannt gibt. Im September will er schließlich noch einmal richtig feiern und dazu alle einladen, die ihm beim Gelingen seiner verrückten Idee unterstützt haben – ganz standesgemäß bei einem Heimspiel von Bayer und anschließendem gemeinsamen Essen.

Broder-Jürgen Trede