Reiner Calmund gilt auch fünf Jahre nach seinem Rücktritt als Manager von Bayer Leverkusen als absoluter Kenner der Bundesligaszene.

Vor dem Duell zwischen dem 1. FC Köln und dem Werksclub befragte bundesliga.de den 60-Jährigen zu Jupp Heynckes, Lukas Podolski und der Brisanz des rheinischen Derbys. Den momentanen Erfolg der Bayer-Elf erklärt "Calli" mit dem beendeten "Labbadia-Knatsch".

bundesliga.de: Der 1. FC Köln hat am Samstag seinen ersten Saisonsieg eingefahren, ist im Pokal weitergekommen, während Leverkusen immer noch ohne Bundesliga-Niederlage ist, aber dafür im Pokal ausgeschieden ist. Hat die Mannschaft von Zvonimir Soldo eine reelle Chance gegen Bayer?

Reiner Calmund: Das schöne an der Bundesliga ist ja, dass jeder jeden schlagen kann. Mainz und Freiburg lassen grüßen. Natürlich hat Köln eine Chance. Der FC hat das Publikum im Rücken, wenn sie das Derby-Fieber spüren, kann es auch für den Favoriten Bayer Leverkusen eine enge Kiste werden.

bundesliga.de: Was zeichnet das rheinische Derby aus? Wie viel Prestigekampf steckt darin?

Calmund: Die Tatsache, dass das Kölner und das Leverkusener Stadion nur knapp zwanzig Kilometer auseinander liegen, zeigt schon, dass die Rivalität der Fans im Umfeld sehr groß sein muss. Es gibt viele Kölner die im Bayer-Werk arbeiten, da geht es schon Mal heiß her in den Diskussionen. Wobei die Bayer-Fans die "Ziegen" damit ärgern, dass der FC eine Fahrstuhl-Mannschaft ist und die FC-Fans die "Pillen" provozieren, dass sei kein Derby, weil Bayer ja keine Fußballmannschaft ist, sondern eine Werbemaßnahme. Auch die Bayer-Spieler, die in Köln wohnen - das sind nicht wenige - wollen sich im Supermarkt, beim Bäcker oder im Kiosk nicht als Verlierer präsentieren.

bundesliga.de: Wie beurteilen Sie die Arbeit von Bayer-Trainer Jupp Heynckes? Hatten Sie mit solch einem hervorragenden Saisonstart gerechnet?

Calmund: Bayer muss mit seinem starken Kader immer die Qualifikation für den internationalen Wettbewerb als Zielsetzung haben. Da es aber in der Bundesliga mindestens acht Mannschaften gibt, die über ein ähnlich gutes Spielerpotenzial verfügen, ist natürlich der Kampf um die ersten fünf Plätze kein Selbstläufer. Es ist eng da oben. Jupp Heynckes leistet eine sehr gute und erfolgreiche Arbeit, seine Mannschaft ist erstklassig gestartet. Er profitiert dabei zusätzlich von zwei Dingen: Mit Hyypiä und Derdiyok musste er nur zwei Neue einbauen, zwei gute Neue! Und die Spieler hatten nach dem Labbadia-Knatsch kein Alibi mehr. Die müssen jetzt zünden!

bundesliga.de: Kriegt Köln nach dem überraschenden Sieg in Stuttgart jetzt die Kurve? Kann sich der FC im Laufe der Saison aus dem Abstiegskampf befreien?

Calmund: Ich bin überzeugt davon, dass der FC sich befreien wird. Der Kader ist stärker als in der vergangenen Saison. Sie dürfen sich nicht verrückt machen lassen, was in Köln natürlich nicht so einfach ist. Realismus ist das oberste Gebot - für jeden, ob Vorstand, Spieler, Trainer oder Fan. Dann gerät der FC nicht in Gefahr.

bundesliga.de: Ist Leverkusen schon ein ernsthafter Titelkandidat?

Calmund: Die Bayern sind das Flaggschiff, die absolute Nummer eins. Dahinter hat sich Wolfsburg etabliert, schon allein aus wirtschaftlichen Gründen. Für die Spitzenplätze kommen für mich in erster Linie der HSV, Bremen, Stuttgart, Hoffenheim und vor allem auch Leverkusen in Frage. Für Platz 1 bräuchte Bayer das nötige Quäntchen Glück und die Konkurrenz in gleichem Maße Pech.

bundesliga.de: In der vergangenen Rückrunde musste Leverkusen nach Düsseldorf umziehen und konnte nur noch einen "Heimsieg" einfahren. Wie viel macht die neue BayArena aus?

Calmund: Man hat keine Alibis mehr. Das ist das wichtigste. Ansonsten ist es ein Heimstadion wie 17 andere in der Bundesliga auch. Und den Heimvorteil muss man nutzen, will man oben mitspielen.

bundesliga.de: Wie sehen Sie die Rolle von Lukas Podolski beim FC? Konnte er die in ihn gestellten Erwartungen bislang erfüllen? Hat er noch Steigerungspotential?

Calmund: Es wäre dramatisch, wenn er das nicht hätte. Seine Verpflichtung sehe ich absolut positiv, das ist ein Zeichen zum Aufbruch, ein toller Transfer, der unheimlich viel vermittelt: Wirtschaftskraft, Vereinstreue, Fanliebe, Visionen, Poldi konnte bislang aus gesundheitlichen Gründen noch nicht ganz zeigen, was in ihm steckt. Aber ich bin sicher, er wird mit jedem Spiel stärker. Was man nicht vergessen darf: Poldi ist nicht der FC und der FC ist nicht nur Poldi. Diese Sichtweise wäre fatal. Es kann nur gehen, wenn alle ohne Eitelkeiten zusammenhalten.

bundesliga.de: Welche Neuzugänge haben Sie in den beiden Teams bisher überzeugt?

Calmund: Hyypiä und Derdiyok sind für mich internationale Klasse. Mit den jungen Bender, Schwaab und Reinartz hat Jupp Heynckes sehr gute, brauchbare Nachwuchsspieler auf der Bank. Rudi Völler ist sogar davon überzeugt, dass Reinartz in dieser Saison Stammspieler werden kann. Poldi ist in Köln das Maß aller Dinge, Maniche deutet seine großen Fähigkeiten immer häufiger an und der fleißige Freis hat in Stuttgart nach einer Denkpause getroffen.

bundesliga.de: Hat Stefan Kießling eine Chance in der Nationalmannschaft verdient?

Calmund: Ich denke schon. Aber ich sehe das ohne Hysterie. Er hat die Chance nicht verdient, weil er fünf Tore geschossen hat. Er hat sie verdient, weil er eine gewisse Klasse hat, ein großer Kämpfer ist, vielseitig, pflegeleicht und auf mehreren Positionen einsetzbar. Aber gerade im Angriff verfügt Löw über viele Klasseleute, die seit Jahren dabei sind und in der Nationalelf regelmäßig treffen. Das ist in der Tat wichtiger als Tagesform. Dennoch drücke ich Kießling die Daumen, dass er den Sprung zur WM schafft.

bundesliga.de: Welchem Team drücken Sie am Samstag die Daumen?

Calmund: Ich bin Leverkusener, aber auch Rheinländer. Ich freue mich auf ein schönes, faires Spiel mit einem tollen Rahmen und tippe auf ein 3:3-Unentschieden.

Die Fragen stellte Johannes Fischer